Ausstellung: Gesichter als Spiegel der Seele

Der Menschen-Fotograf Umbo zählte zur Avantgarde der 1920er-Jahre. Die Berlinische Galerie widmet ihm ihre erste große Retrospektive in drei Lebenskapiteln. 

Berlin-Umbo, die Kurzform für Otto Umbehr, war eine fotografische Marke, damals in den 1920ern, in den Avantgarde-Kreisen des „Neuen Sehens“. Er gilt als Erfinder des Bildes der „Neuen Frau“, des neuen Bildes der Großstadtstraße und auch der Foto-Reportage. Umbo, geboren 1902 in Düsseldorf, gestorben 1980 in Hannover, war von 1921 bis 1923 Bauhausschüler in Weimar bei Johannes Itten und wollte eigentlich Maler werden.

Umbo (Selbst), um 1930 PH.UMbehr/Gal.Kicken/VG Bildkunst 2020 (4) Repro Witte (2)
Umbo (Selbst), um 1930 PH.UMbehr/Gal.Kicken/VG Bildkunst 2020 (4) Repro Witte (2)VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Phyll

Aber bald gab es für ihn nur noch die Fotografie. Mit Durchblick, Sanftheit, Schärfe: Seine liebsten Motive waren die Leute auf den Straßen der Stadt, die Gesichter, die zu Spiegeln der Seele wurden – schöne, faltige. Und Kinder. Bei Itten hatte Umbo, wenn schon nicht das Malen, so aber das intensive Wahrnehmen von etwas Wesenhaften, das Eigentümliche und den Mut zum Emotionalen vermittelt und bestärkt bekommen.

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Auch die dauernde Suche nach Ausdruck. All das bietet diese erste große Retrospektive in Berlin, wo Umbo nach seiner Bauhauszeit mit neuartigen Porträtaufnahmen der Berliner Bohème zu einem der Begründer einer neuen fotografischen Ästhetik wurde.

o.T. aus  „Dr.phil.h.c. Grock“, 1928/29, Sprengel-Museum. 
o.T. aus „Dr.phil.h.c. Grock“, 1928/29, Sprengel-Museum. VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Phyllis Umbehr

Viele der Schwarz-Weiß-Fotografien sind harte Licht-Schatten-Kontraste, zeigen ungewöhnliche Perspektiven und kühne Ausschnitte, vor allem von Gesichtern und Körperteilen. Expressivität und poetische Sichtweise gehen ineinander über.

Umbo verlor im Bombenhagel sein Atelier

Diese Bilder eines passionierten und empathischen Großstadtflaneurs setzen sich vom kühlen neusachlichen Mainstream jener Jahre überdeutlich ab. Um den Nachlass und die Archivalien von Umbo zu zeigen und auch zu erwerben, mussten sich – geradezu ein Meilenstein in der heutigen Museumsgeschichte – drei namhafte Institutionen zusammentun: das Bauhaus Dessau, die Berlinische Galerie und das Sprengel-Museum Hannover.

o.T. aus der Reportage „The Lost Child“, 1951, Sprengel-M.
o.T. aus der Reportage „The Lost Child“, 1951, Sprengel-M.VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Phyllis Umbehr

Gemeinsam warben die Häuser bei Unterstützern Geld ein, um den Nachlass aus dem Besitz der Umbo-Tochter sowie aus der Sammlung Kicken zu kaufen. Zudem gelangte man auch an all jene geradezu den Extrakt seines Schaffens darstellenden Bilder, die Umbo einst Paul Citroen, seinem Freund aus der Bauhaus-Zeit, geschenkt hatte. Für den Ausstellungsreigen in Hannover, Berlin und Dessau wurden drei Sammlungskonvolute aufgetan.

Von den 604 gelisteten Umbo-Werken haben zuvor das Sprengel-Museum und nunmehr für die Berlische Galerie Ulrich Domröse 200 Motive für drei Lebenskapitel ausgewählt: da sind die avantgardistischen, experimentierfreudigen 20er-Jahre, vor allem in Berlin, die schwere Zeit des notdürftigen Überlebens während der NS-Herrschaft, an deren Ende Umbo im Bombenhagel sein Atelier verlor. Und schließlich auch die Straßenreportagen nach 1945 in der Wahlheimat Hannover, von Menschen und deren Wiederaufleben vor den Ruinen, auch am Berliner Kudamm. 

o.T. (Ruth. Die Hand), um 1926, erworben mit Bundesmitteln.&nbsp;&nbsp;<br>
o.T. (Ruth. Die Hand), um 1926, erworben mit Bundesmitteln.
VG Bild-Kunst, Bonn 2020/Phyllis Umbehr

Diese Umbo-Fotos in der Berlinischen Galerie sind samt der Vitrinen mit beredten Dokumenten, nachgerade eine Lebens- und Kunsterzählung über den Fotografen. Er machte 1926 die Schauspielerin Ruth Landshoff zur Ikone der „Neuen Frau“ und den Meisterclown Grock mit einer fotografisch wegweisenden Serie geradezu unsterblich.

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Und sein Zyklus „The Lost Child“ von 1951, aus einem jüdischen Sammellager Überlebender vor der Ausreise nach Israel, zieht einem das Herz zusammen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124–128, Eröffnung 20.2.,19 Uhr, Mi–Mo 10–18 Uhr.