Vanessa Beecroft: „VB55 004.NT- Performance“, Neue Nationalgalerie, Berlin, 2005.
Foto: Neue Nationalgalerie/Vanessa Beecroft

BerlinGar nichts passiert. Keine der Soldatinnen dieser sonderbaren Eva-Centurie beginnt etwas, es wird ebenso wenig etwas beendet. Und genau das ist es, was die Choreografin Vanessa Beecroft bei jeder neuen Performance als Höhepunkt erstrebt: Den magischen Moment.

Das ist jener Augenblick, wenn die starre Ordnung der bloßen Körper, wenn dieses lebende Gemälde zerfällt, weil eine der steif stehenden Akteurinnen in der straffen Formation sich bewegt. Dann wackelt das psychologisch aufgeladene Stillleben.

Als dieses Foto, derzeit zentrales Bild in der Schau „Body Performance“ der Helmut-Newton-Stiftung, entstand, damals in der Neuen Nationalgalerie, Anfang April des Jahres 2005, drückten sich Männer an den Glasscheiben die Nasen platt. Die junge Norditalienerin Vanessa Beecroft hatte eine weibliche kleiderlose Hundertschaft aufstellen lassen, nackt bis auf die Strumpfhosen, die die Scham durchscheinen lässt. Die Wesen sind stumm, keines schaut das Publikum an, alle gucken ins Leere; keines verzieht eine Miene. Alle wirken ausgesetzt, verletzlich. Strumpfhosenbünde quetschen das Fleisch der Hüften. Das Nylongewebe rutscht, die erotische Anmut ist beschädigt. Der Schönheitsbegriff ist erweitert: Vertreten ist alle erdenkliche Weiblichkeit: Groß, klein, dünn, mollig, jung, älter, mit teils schon welken Brüsten.

Jede dieser 100 Frauen ist Bildpersonal, Mal-Material: Fleischfarbe, Kontur, Form. Firnis. Tizian sei ihr Vorbild, sagte die Künstlerin aus Genua damals. In Tizians Bildern sei die nuancenreiche Farbgebung immer auf einen Grundton abgestimmt. Dieses Prinzip des Venezianers greift Beecroft mit ihren entweder hellen oder dunklen, stets kahlen Räumen immer mal wieder auf. Sozusagen als Tizian-Varianten.

Es geht ihr bei ihren Performances nicht um Akt, sondern um Raum. Sie will Abstraktion, wohl wissend, dass ihr Publikum zum Teil auch aus Voyeuren besteht. Die lockt die Aussicht auf nacktes Fleisch. Und doch gleitet die Gier ab an der das Nackte neutralisierenden Inszenierung, denn Beecroft mischt Natürlichkeit mit einer Künstlichkeit, die völlig entfremdet ist vom Lebendigen. Und genau das weist die Gaffer schließlich zurück.

Mein Bild in der Woche

„Body Performance“: Fotografierte Aktionen von Vanessa Beecroft, Yang Fudong, Inez & Vinoodh, Jürgen Klauke, Robert Longo, Robert Mapplethorpe, Helmut Newton, Barbara Probst, Viviane Sassen, Bernd Uhlig, Erwin Wurm.

Helmut Newton Foundation, Museum für Fotografie, Jebenstr. 2 (Bhf. Zoo). Bis 10. Mai, Di– So 11–19/Di bis 20 Uhr.

Performance ist eine eigenständige Kunstform, und die Fotografie ihr ständiger Begleiter. Dieser Allianz, ja Symbiose, ist die große Ausstellung der Newton-Stiftung Berlin gewidmet. Die enge Verbindung zwischen Performance, Happening und Aktionskunst mit der Fotografie besteht bereits seit vielen Jahrzehnten. Sie reicht von den Dadaisten und Surrealisten über die Wiener Aktionisten bis zu den aktuellen Körperinszenierungen im öffentlichen Raum.

Kreative Ansätze

Jetzt werden in dieser Gruppenschau erstmals Fotosequenzen vereint, deren Ursprung in Performances, in Tanz- und Bühnengeschehen liegt. Menschen und ihre Körper stehen im Blickpunkt – und die Dokumentationsarbeit der jeweiligen Fotografinnen und Fotografen, die wie im Falle Vanessa Beecroft, zugleich auch die Initiatorinnen sind. Zwölf unvergessliche Performances, aufgeführt an verschiedensten Orten der Welt, sind als fotografische Kunstwerke festgehalten. Die Newton-Stiftung wird zur multiplen Bühne und die Inszenierungen sind von unterschiedlichsten Ansätzen geprägt. Bei Jürgen Klauke und Erwin Wurm etwa von abgründigem Humor oder bei Robert Mapplethorpe von packender Sinnlichkeit.

Da tragen Frauen und Männer Kleidung für ungewöhnlich inszenierte Modebilder, agieren irrational auf Straßen und Hochhausdächern. Andere bewegen sich minimalistisch auf Felsen und in Museumsräumen, schließlich als Tänzer und Tänzerinnen auf und neben der Bühne.

Und gerade mit Beecrofts den Schönheits- wie Perfektionsbegriff hinterfragende und Voyeure enttäuschende Tizian-Paraphrase korrespondiert Helmut Newtons recht unbekannten Serie vom Straßen-Ballett in Monte Carlo, 1988, fotografiert auf den Treppen hinterm Casino Monacos: Nackte und Bekleidete bieten ein Wechselspiel von Exhibitionismus und Voyeurismus. Und wir sehen: Ist alles nur inszeniert. Rollenspiel und Grenzüberschreitungen des Körperlichen fragen so ernst wie ironisch nach Fremd- und Selbstwahrnehmung.