Ein Mythos stirbt nie. Worauf könnte das mehr zutreffen als auf die „Goldenen Zwanziger“. Zumal in Berlin, auf die getriebene, zerrissene, brutale, kreative Zeit zwischen Monarchie und Nazi-Diktatur, Luxus und Elend, zwischen Krieg und Schein-Frieden.

Zerrissenes, Ambivalentes, Krasses schuf paradoxerweise geradezu überbordende Blütezeiten für die Kunst. Was damals, 1918 bis 1933, der Zeitgeist oder dessen Gegenströme in Berliner Ateliers hervortrieben, füllt heute die Depots der Stiftung Stadtmuseum, wurde schon bei zig Gelegenheiten und zu mannigfacher Illustration hervorgeholt.

Bislang aber, so meinte man im Stadtmuseum, gab es noch keinen umfassenden Überblick über die Kunst in Berlin aus dieser Zeit, der die künstlerischen Reflexionen mit der politischen, sozialen und geistigen Situation verknüpft. Und dies mit einem differenzierten, allem klischeehaften Geschwärme abholden Blick. Im besten Sinne Berliner Heimatkunde also.

Kurator Dominik Bartmann hat im Ephraim-Palais 500 Werke von 200 Malern, Zeichnern, Fotografen, Bildhauern, Kunsthandwerkern, Modegestaltern aus dem hauseigenen Bestand geholt – mit Ausnahme des aus einer Privatsammlung entliehenen Hofer-Gemäldes „Nach dem Bad“, 1934.

„Nobel geht die Welt zugrunde“

Der Bezug all der Bilder und Objekte ist betont thematisch hergestellt, nicht streng chronologisch. Noch ehe man die Treppe hoch zum ersten Raum der Schau nimmt, die sich nach einem Berlin-Film von 1938 „Tanz auf dem Vulkan“ nennt und auf Harry Graf Kesslers „Höllenritt“-Zitat 1919 sowie Klaus Manns Roman „Der Vulkan“ anspielt, steht man im Foyer vor Georg Kolbes bronzener „Großen Nacht“, 1926/30. Die Plastik hat ihren Platz eigentlich im RBB-Foyer, als Leihgabe des Stadtmuseums.. Preußens Kultusminister Grimme bedachte sie damals mit der Symbolik von „emporschwebenden Radiowellen“.

Solch hehrem Pathos widerspricht gleich im ersten Raum Lutz Ehrenbergs der Anarchie der Zeit entsprechendes Plakat, mit einem schicken Tanzpaar auf einer rauchenden erdballartigen Handgranate. „Nobel geht die Welt zugrunde“, der sarkastische Satz von damals illustriert zudem jenen polulären Schlager, nach dem das Ausstellungskapitel benannt ist: „Licht aus, Messer raus!“ Kaiser Wilhelm hatte abgedankt, die Republik war ausgerufen, aber auf den Straßen tobten reaktionäre Gewalt und Tod: Kapp-Putsch, Köpenicker Blutsonntag, Blutmai.

Ernst Stern zeichnete eine düstere Serie der Berliner Revolutionstage und Rudolf Schlichter einen Soldaten, der neben seiner erschossenen Mutter weint. Gegenüber hängen Blätter aus Otto Dix’s grausigem Zyklus „Der Krieg“. Mahnend daneben Lehmbrucks stiller „Denker“: Die Weimarer Republik konnte es nicht schaffen, Massenarbeitslosigkeit, Mangel, Wohnungsnot Obdachlosigkeit und Verelendung zu bekämpfen. 1932 hatten 600?000 Berliner keinen Job. Ihrer gedenkt der Ausstellungsteil „Die im Dunkeln“. Der Brecht’sche Tenor, die sarkastische Erkenntnis, dass erst das Fressen, dann die Moral komme, zieht sich durch. Baluschek, Kollwitz, Grosz, Nagel, Alice Lex-Nerlinger, Felixmüller machen das Elend bildhaft, so verheißungsvoll auch Lesser Urys Gaslaternen aus dem Blauschwarz der Nacht leuchten.

Berühmte Köpfe des Berliner Kulturlebens verleugnen denn auch in ihren Porträts oder Selbstbildnissen nicht das Unbehagen, die leichte Übelkeit der Seele angesichts der krassen Widersprüche zwischen Utopie und Realität der Weimarer Republik. Umso exzessiver tobt auf Bildern und Grafiken, Plakaten, auf Fotos das Berliner Kultur-und Nachtleben: der – hochpolitische – Bühnenzauber etwa von Toller und Piscator, dazu die expandierende Vergnügungsindustrie: Bars, Varietés Tingeltan gel: Rausch, Illusion, Sensation, Nervenkitzel durch Todesakrobaten auf dem Berliner Dom.

Und dann die Mode, schön, schick, frivol. Der Bubikopf hält Hof, die moderne Frau trägt Hosen, kurze, später knallenge Röcke. Und Nachts, zum Charleston oder Shimmy lasziven Glitzer-Loock.

Zauberwort "Fortschritt"

Das hässliche Gesicht der Armut und der Not bremst nicht das Tempo, nicht die Amüsierlust und nicht die Mobilitätswut, der Motorräder und schnellen Autos, der neuen U-und S-Bahnen, des „Schienenzeppelin“ und der „großen Elektrisierung“ auch im Rundfunk.

Fortschritt ist das Zauberwort. Der Flughafen Tempelhof verzeichnete 1923 schon 100 Starts und Landungen und die erste „Lichtwoche“ 1928 darf als das erste Berlin-Event gelten. Am Wannsee gibt’s Jacht-Regatten, an der Havel malt Gustav Wunderwald die Reihen der Boote. Die Reichen und Schönen lassen von Künstlern ihre Villen gestalten. Man prahlt mit ausschweifendem Luxus. Im „Romanischen Café“ zelebriert die Szene ihren avantgardistischen Lebensstil, derweil in der Stadt das Neue Bauen – so das Shell-Haus – voranschreitet.

Stellten die Realisten Berlin als Stadt der Mühseligen und Beladenen, des katastrophalen Milieus mit Nutten und Krüppeln dar und die Expressionisten das Urbane als anarchisches Nebeneinender von Fassaden, Fahrzeugen, Menschen, die „Feine Gesellschaft“ (Grosz) als als bösartige Spießer – so gaben Künstler der Neuen Sachlichkeit dem Alltag ein anderes Gesicht. Oskar Nerlinger etwa zeigt die „Straßen der Arbeit“ selbstbewusst, modern, konstruktiv, der Malik-Verlag druckt die kühnen politischen Montagen von John Heartfield. Die Katastrophe kam doch. Der letzte Raum, mit Magnus Zellers „Totalem Staat“ und Klaus Richters braunschwarze Göring/Hitler-Porträts markieren das Ende des Tanzes auf dem Vulkan und das Versagen der so schwer geborenen, so schlecht gemachten Demokratie.

Ephraimpalais, Stiftung Stadtmuseum,

4. 9. bis 31. 1. 2016, Di, Do–So, 10–18,

Mi, 12–20 Uhr. Katalog 29,90 Euro.