Berlin - Solch einen Saal hat man noch nie gesehen. Wollte ihn auch nicht sehen. Er schmerzt. Originalgroß abgezogene Schwarz-Weiß-Fotografien von Gemälden Botticellis, Caravaggios, Zurbarans oder vom prachtvollen mittelalterlichen Schöppinger Altar hängen im Obergeschoss des Bode-Museums an kaltblau gestrichenen Wänden. In der Mitte steht ein Abguss jener zierlichen Statue, die Wilhelm von Bode einst kühn Michelangelo zuschrieb. Ein Saal als Denkmal: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind alle diese Werke im Frühsommer 1945 im Flakbunker Friedrichshain verbrannt.

Der passive Titel der neuesten Ausstellung im Bode-Museum, das „Verschwundene Museum“, führt also etwas in die Irre. Zu sehen sind die Folgen eines überaus aktiven Tuns, des Kriegs, den Deutschland seit der Zerschlagung der Tschechoslowakei 1938 gegen Europa und die Welt führte. Erinnert werden soll nun auch einmal an diesen größten Kunstverlust, der aus der Geschichte der Museen bekannt ist. Zu Beginn der 1940er-Jahre planten die Berliner Staatlichen Museen noch schamlos Bauten, groß genug, um die Schätze einer ausgeplünderten Welt aufzunehmen. Im Mai konnten sie ihre eigenen Kunstschätze oft nicht einmal mehr bewachen.

Vom Scheitern der Museen

Über Wochen war 1945 vor allem der Flakbunker im Volkspark Friedrichshain unbewacht. Mehr als 400 teils weltberühmte Gemälde, die antiken Gläser, ein Drittel der Skulpturensammlung gingen wahrscheinlich bei Bränden zugrunde. Vorzüglich wird mit Akten und historischen Zeitungsartikeln, Fotografien und knappen Texten dieser Tathergang rekonstruiert, gezeigt, wie die Museen versuchten, ihre Sammlungen zu schützen, wie sie dabei scheiterten und später versuchten, die Folgen dieses Scheitern zu bearbeiten.

Als die Westbezirke für die amerikanischen, britischen und dann auch französischen Alliierten geräumt werden mussten, begann die Rote Armee mit dem großen Abtransport der in Berlin und in Ostdeutschland gebliebenen Kunstschätze nach Moskau und Leningrad. Stalin plante ein Trophäenmuseum. Erst 1958, als Chruschtschow die DDR an sich binden wollte, wurden die meisten Schätze zurück nach Berlin gegeben.

Was aber in den Sommerwochen 1945 im Flakbunker geschehen ist, kann wohl nie ganz geklärt werden. Die DDR behauptete, Nazi-„Werwölfe“ hätten die Brände gelegt. Realistischer sind Berichte von betrunkenen Soldaten und Zivilisten. Immer wieder gab es die Hoffnung, dass die Rote Armee diese Brände gelegt hat, um den Abtransport der Kunstwerke zu vertuschen. Als 2012 die Gemäldegalerie von den Erben eines amerikanischen Soldaten das lombardische Gemälde einer Madonna mit Kind zurück erhielt, das sich eindeutig im Bunker befunden hat, kam diese Hoffnung wieder auf. Bisher wurde sie nicht durch weitere Funde oder die Öffnung noch unbekannter Lager in Russland bestätigt. Dieses hält nämlich Schätze aus vielen Ländern Europas bis heute in seinen Museen, Bibliotheken und Archiven fest, als Kriegsbeute.

Doch strafen damit die russischen Nationalisten auch die immense Rettungsleistung der sowjetischen Soldaten von 1945 mit Verachtung. Die hatten nämlich selbst kleinste Reste von Elfenbeintafeln der Hofschule Karl des Großen aus dem Schutt gegraben und in Schächtelchen bewahrt. Oder die schwer von den Bränden gezeichneten Skulpturen aus Marmor oder Terracotta die jetzt im Zentrum dieser Ausstellung stehen. Meisterwerke von Rosselino und Donatello, ausgeglüht, meist in den Oberflächen stark verändert, wenn alle Farben, alle Steinpolituren verloren oder nur noch Bruchstücke erhalten sind. Köpfe, Hände, Beine. Teilweise sind die Skulpturen so instabil geworden durch die Hitze, dass nur eine Vitrine sie vor weiterem Verfall schützen kann.

Abgebrochene Nasen, eingeschossene Stirn

Seit die Trümmer der Skulpturen nach Ost-Berlin zurückgegeben wurden, gibt es Versuche, sie zu restaurieren. Dank der Schätze der Gipsformerei kann so manches Werk wenigstens in der Form wieder gewonnen werden. Aber soll man wirklich jede abgebrochene Nase, jede von Schüssen beschädigte Stirn glätten? Andererseits, welche ästhetische Aussage haben Skulpturen von heldischen Heiligen, wenn sie mangels tragfähiger Beine nur im Liegen gezeigt werden können?

Dass die Staatlichen Museen diese überaus komplizierte Debatte wenigstens andeuten, sich nicht nur als Hüter des perfekt schönen Meisterwerks präsentieren, ist nicht genug zu loben. Noch schöner wäre ein Hinweis auf das Spiegelkabinett aus Schloss Merseburg, das ebenfalls in Folge des Kriegs schwer beschädigt und seit einiger Zeit wieder zu sehen ist. Zwar können die Besucher nicht in den Raum hinein gehen, die raffinierten Spiegeleien sind also nur sehr bedingt erleben. Aber auch so erkennt man, welche Meisterleistung der Restaurierungskunst nötig war, um es überhaupt wieder erstehen zu lassen.

Und hier kommt die Idee auf: Warum eigentlich nicht auch einen Saal mit den Gemäldefotografien auf Dauer erhalten? Sicher, das braucht kostbaren Platz, und es gibt Verlustkataloge der Museen mit ihren kleinen Fotos. Aber was Verlust wirklich bedeutet, das erfährt man unmittelbarer in dieser Installation. Sie zeigt nämlich auch, warum die Berliner Gemäldegalerie heute so intim wirkt: Die meisten Großformate sind zerstört. Ihre Fotos sind eine Mahnung, dass auch die schönste Kultur sich den Folgen der Barbarei kaum entziehen kann.

Das verschwundene Museum Bode-Museum, Di-Mo, 10-18, Do bis 20 Uhr, bis 27. September. Kein Katalog.