Schon wieder die Mauer? Haben wir dazu nicht alles gesehen, gehört, gelesen? Es gibt ja nicht mal einen Gedenktag. Seit Freitag ist im Haus am Kleistpark im Berliner Bezirk Schöneberg die Ausstellung „Inventarisierung der Macht“ zu sehen. Der Untertitel lautet: „Die Berliner Mauer aus anderer Sicht“, und das ist nicht zu viel versprochen.

Was die Mauer betrifft, ist das oft zitierte kollektive Gedächtnis überhaupt nicht kollektiv. Wer im Berliner Osten aufgewachsen ist, hat die Mauer allenfalls aus der Ferne gesehen, für den interessierten Westler war sie eine Art Rundum-Comic. Eine Mauer, zwei Ansichten; tausend Berliner, tausend Ansichten.

Die Berliner Mauer in ihrem monolithischen Ausdruck gibt es nur als Wort. In Wirklichkeit hat dieses Gebilde, das die Sprache auf einen betonierten Begriff bringt, in den 28 Jahren ihres Bestehens sein Aussehen ständig verändert. Der Zweck blieb stets derselbe: Menschen daran zu hindern, die Seiten zu wechseln, geografisch, politisch, privat. Dabei wurde das Provisorium der Anfangszeit nahezu permanent um- und ausgebaut. Zunächst war es in weiten Teilen des Stadtgebietes, vor allem in den Außenbezirken, eben nicht einmal eine Mauer, sondern oft nur ein Verhau aus Holzpfosten und Stacheldraht.

Bevor in den 1970er-Jahren die Befestigung aus jenen Fertigteilen errichtet wurde, deren übrig gebliebene Segmente heute als bunt bemalte Artefakte wie Stadtmöbel in der Gegend stehen, hatten die Grenztruppen der DDR eine Art Bestandsaufnahme gemacht. Die Bauherren der Mauer ließen Ende der 1960er-Jahre den gesamten Verlauf der Sperranlage von ihren Soldaten fotografieren – und zwar komplett, einmal um den Westteil Berlins herum. Damit schufen sie ein damals wie heute einzigartiges Bilddokument, das für Jahrzehnte im Archiv verschwand.

Vor gut zwanzig Jahren sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer bei ihren Recherchen für ein Forschungsprojekt zur Berliner Gleimstraße in Prenzlauer Berg im Militärischen Zwischenarchiv in Potsdam eher zufällig auf Teile des Materials gestoßen. Die vielen hundert Kleinbildnegative lagerten zusammengerollt in unscheinbaren Pappkartons. Es vergingen dann nochmals etliche Jahre, bis die Aufnahmen 2011 in dem Ausstellungs- und Buchprojekt „Aus anderer Sicht“ der Öffentlichkeit präsentiert werden konnten. Dazu verbanden sie die circa 300 Einzelpanoramen vom innerstädtischen Verlauf der Mauer zu einem 250 Meter langen fotografischen Fries.

Was sie nicht ahnen konnten: Im Jahr darauf entdeckten Gröschner und Messmer im Militärhistorischen Bundesarchiv in Freiburg im Breisgau erneut Tausende Negative, wie sich herausstellte handelte es sich dabei um die Fotodokumentation des sogenannten Außenrings der Mauer zwischen West-Berlin und dem Bezirk Potsdam, 160 Kilometer Sperranlagen in 3000 Einzelbildern, nunmehr digitalisiert und montiert zu 1056 Panoramen. Sie entschlossen sich, das gesamte Konvolut in einer neu strukturierten Form zu veröffentlichen. Zu den Fotografien haben sie Notizen gestellt, die aus Dienstprotokollen und Ehrenbüchern der DDR-Grenztruppe stammen. Dabei sind sie nicht als Historiker an das Material gegangen, nicht mit der Absicht, Geschichte zu dokumentieren. Sie lassen aus den Dokumenten die Geschichte sprechen – und die Geschichten. Bild und Text treten bei dieser Darstellung tatsächlich in einen Dialog, der erhellend sein kann, aber auch bestürzend – oft auch absurd.

In einem Raum, den die Schriftstellerin Annett Gröschner „Lob und Tadel“ genannt hat, stehen an gegenüberliegenden Wänden in Großbuchstaben Zitate, mit denen die Vorgesetzten die Grenzsoldaten charakterisiert haben. Lob: „Er handelt korrekt“, „Er zeigte ausgezeichnete Leistungen bei der Beseitigung von Störungen“, „Er sieht im Gebrauch der Schusswaffe ein Muss“. Worte wie aus Stahlbeton.

Tadel: „Er verrichtete seine große Notdurft auf dem Dach“, „Er zog die Parolen ins Lächerliche, indem er ,Parole Votze-Vogelsang‘ rief“, „Im Grenzdienst war er ängstlich“. So gesichtslos wie die Mauer am Ende gewesen ist, so individuell waren zu allen Zeiten ihre Bewacher. In der Ausstellung ist eine ganze Wand mit Porträts von Grenzsoldaten aus den 1960er-Jahren zu sehen, die – anonymisiert und mit einem grauen Balken über den Augen – für ganze Generationen von jungen Wehrpflichtigen in der DDR stehen, die von ihren Vorgesetzten in die Versuchung geführt wurden, zum Täter zu werden.

Erschreckend ist es, wenn man diese Porträtreihe im Kontext der anderen beiden großen Sammelwände sieht. Auf der einen Seite Dutzende Wachtürme, auf der anderen Visitenkarten der im Grenzregime eingesetzten Diensthunde. Die Protagonisten der Mauer, das waren Türme, Hunde, Menschen.

Den Kern der Ausstellung, die mit ihren Textkollagen tatsächlich andere Ansichten von der Mauer erlaubt, bilden jedoch die Fotografien. Sie bezeugen nicht nur die Zerteilung der Stadt, sondern auch die Zerstörung der Idee von einer humanen Gesellschaft.

Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht. Ausstellung und Buch Annett Gröschner und Arwed Messmer.