Berlin - Ende November war Kreuzberg, diese alte Riesen-Freakmaschine, mal wieder ganz bei sich. Wer anlässlich der Eröffnung von „Halleluhwah! Hommage à Can“ zum Künstlerhaus Bethanien am Kotti fuhr, der konnte auf gar keine andere Idee kommen. Was war da los? Über 50 bildende, fast ausschließlich männliche Künstler, darunter Norbert Bisky, Carsten Fock, Eberhard Havekost, Albert Oehlen oder Daniel Richter huldigen einer Siebzigerjahre-Band?

Zu Hunderten drängte sich das Publikum durch die Ausstellungsräume und auf dem Gehweg vor dem Haus. In einer Ecke versammelten sich zottelige Langhaarige in Batikhemden, um den Maya-Kalender neu zu vertonen und Castaneda-Texte ins Mikrofon zu murmeln: Atelier Theremin hieß die Band, „Berlins Neo-Krautrock-Pioniere“ boten Maschinenraummusik für alle Beteiligten.

So ein Vernissagen-Abend ist selbst in Berlin selten. Und war der Bethanien-Mythos bis jetzt nicht immer mit griffigen Hausbesetzer-Hymnen der Scherben verbunden? Auf „Tago Mago“, der hier gefeierten, gerade wiederveröffentlichten Can-LP aus dem Jahr 1971 heißen die Stücke „Bring me Coffee or Tea“, „Mushroom“ oder „Paperhouse“. Solch Kopfhörermusik taugt gerade nicht als Soundtrack zum Häuserkampf oder für die etwaigen kommenden Aufstände. Aber die Kunst – das will diese von Kurator Christoph Tannert zusammengetragene Schau zeigen – die Kunst liebt Can.

Diese Liebe der Künstler für das zwischen 1968 und 1979 existierende Kölner Experimentalrock-Kollektiv um den Bassisten Holger Czukay, den Schlagzeuger Jaki Liebezeit, den Keyboarder Irmin Schmidt und den Gitarristen Michael Karoli gibt es. Doch die Zuneigung ist nicht blind. Die Akribie, mit welcher sich etwa der Berliner Zeichenkünstler Ralf Ziervogel an den Haarwallungen des Can-Vokalisten Damo Suzuki abarbeitet, grenzt schon an Exorzismus:

Aus einem kleinen schwarzen Schrumpfschädel breitet sich die feingezeichnete aberwitzige Haarpracht aus schwarzer Tinte fächerartig über großformatiges Büttenpapier. Alles ist ganz genau und wirkt dennoch zweideutig. Breitet hier ein Todesvogel seine Schwingen? Gelingt die Bannung dieses Langhaar-Dämons? So detailliert zieht Ziervogel seine Haarlinien, dass es einem beim reinen Betrachten schon kribbelt.

Flauschige Angorawolle

Dünne Fäden bestimmen auch den Beitrag von Robert Lippok. Der Musiker und Künstler hat mit Hilfe seines Rechners und der Strickwerkstatt Deer Knitgoods einen flauschigen, gräulich-bläulichen Angora-Pullover hergestellt, aus dessen Innenseite rote Wolle-Fäden wie Safranfäden sprießen. Das technoide Muster von „Knitting Smoke“ entwickelte der gebürtige Berliner aus den Frequenzen von „Smoke (E.F.S. No. 59)“, einem Can-Stück von 1976. Während man das Strickmuster studiert, wimmert aus zwei Lautsprechern ein leises Kratzen und Schaben – das modulierte Geräusch einer Strickmaschine.

Die Installation zeigt, wie man elegant über Filterungen und mediale Übersetzungen eine Distanz schafft, über die das Ausgangsmaterial zu reinen Verweis wird. Mildere Formen der Verfremdung wendet hingegen der Dresdner Tilman Hornig an, der einen Videoclip vom täglichen Weg zwischen Wohnung und Atelier mit einem von Jaki Liebezeit, Holger Czukay und Jah Wobble gespielten Dub-Stück unterlegt, auf youtube lädt und dann wieder abfilmt. Der Künstler und Dior-Produktgestalter Anselm Reyle widmet der Band schließlich einen rostigen, mit dem Schweißbrenner bearbeiteten Stahlkasten in Tacheles-Metallkunstwerkstatt- Ästhetik, in dessen Inneren es geheimnisvoll psychedelisch leuchtet.

„Halleluhwah!“, soviel ist klar, ist keine Pflichtübung, sondern Christoph Tannerts kuratorische Herzensangelegenheit. Die Hommage ist die Tat eines Fans. Anders als bei „Ostpunk! Too much Future“ – der letzten großen popthematischen Ausstellung, bei der das Bethanien vor sechs Jahren involviert war –, fehlt dem Ausstellungskonzept die soziologische oder sonstwie einordnende Erklärung. Can erscheinen als Ufo, das nicht auf den Boden der Geschichte geholt wird. Die Aufbereitung von „Halleluhwah!“ spiegelt Tannerts Analyse, der Krautrock sei „reif fürs Museum“, tatsächlich nur teilweise.

Dabei interessieren sich die Institutionen gegenwärtig für das Pop-Erbe. Die Präsentationen geraten jedoch sehr unterschiedlich, wenn man etwa an die Throbbing-Gristle-Schau in den Kunst Werken vor ein paar Jahren denkt, oder die kürzlich realisierte Kraftwerk 3D-Videoinstallation für den Kunstbau des Münchener Lenbachhaus. Es liegt wohl auch an der Unterschiedlichkeit der Gegenstände selbst. Anders als Can bezogen sich beispielsweise die Düsseldorfer Kraftwerk in ihrem gesamten Erscheinungsbild stark auf die Kunstgeschichte, indem sie etwa die Konzept-Ästhetik der klassischen Avantgarden zitierten.

Künstler, das ist das Letzte

Can wiederum wollten nie als Kunstfuzzis in die Rockgeschichte eingehen, sondern als Musiker und Erneuerer. „Künstler,“ so lautet ein Czukay-Zitat im Katalog, „das ist ungefähr das Letzte, was wir sein wollten.“ Stattdessen schlug der Bassist und Stockhausen-Schüler den Begriff „Kulturarbeiter“ vor. Geholfen hat es offensichtlich wenig. Im Gegenteil. Wenn es stimmt, das Pop aufgrund seiner eigenen Geschichtlichkeit selbst zur Kunst geronnen ist, dann bilden Tribute-Ausstellungen wie „Halleluhwah!“ sowieso längst ihr eigenes Genre, und die Legenden landen über kurz oder lang im Museum.

„Halleluwah! Hommage à Can“: Künstlerhaus Bethanien, Kottbusser Str. 10. Bis 18. Dezember 2011, Di – So, 14 – 19 Uhr.

Der Katalog ist im Modo Verlag, Freiburg, erschienen (128 S., 26 Euro).

Konzert: Burnt Friedman & Jaki Liebezeit, 15. 12., 21 Uhr, Festsaal Kreuzberg