Wann war das eigentlich, als man den technischen Fortschritt einfach gut finden konnte? Als Kernkraftwerke das Synonym für Zukunft waren und Autobahnkreuze mitten in Stadtzentren gebaut, Hemden aus Synthetik gewebt wurden und die Grünen noch als Spinner galten. Das ist lange her. Heute, wohin man schaut: Fortschrittsverdrossenheit und Zukunftsangst. Vor allem das Internet ist böse, weil dort Daten gesammelt werden. Konzerne und Geheimdienste machen gemeinsame Sache. Die Formel ist simpel: Facebook plus WhatsApp = 1984. Das Smartphone ist eine schmutzige Sündenmaschine. Das Ja zum modernen Leben ist so unheimlich verklemmt geworden.

Deshalb ist es gut, dass es Künstler wie Simon Denny gibt: Jemand der sich unverstellt nach Zukunft und Fortschritt sehnt. Die Essenz der Kunst des 1982 in Neuseeland geborenen Künstlers besteht in der Gewissheit, dass kulturell nichts bleibt, wie es ist. Warum also am Alten kleben? Denny liebt die ultraflachen Bildschirme von Samsung. Er liebt die jungen Leute, die aus aller Welt nach Berlin strömen, um hier mit Risiko-Kapital Internet-Startup-Firmen zu gründen. Er hat etwas übrig für Nerd-Subkulturen, die ihre getunten PC-Towergehäuse so fetischisieren, wie ihre Eltern einst ihre aufgepimpten Bonanzaräder. Und Denny gelingt es, all das in einer der schönsten Berliner Ausstellungen dieses Frühjahrs zu verpacken.

In der vornehmen Beletage-Galerie von Daniel Buchholz an der Charlottenburger Fasanenstraße hat Denny eine Materialschlacht inszeniert, die ihren Besucher in der Grundstimmung eines Elektronikmarkts empfängt: oberflächenorientiert und ganz schön trashig. Die Samsung-Flatscreen-TV-Geräte werden zu Sockel-Modulen umfunktioniert, indem sie der Künstler auf Verpackungskartons auflegt: Wie flimmernde Tischplatten dienen sie dazu, aufgepimpte Computergehäuse zu präsentieren, die mit den Namen von Berliner Startup-Unternehmen angereichert sind: Wooga, Soundcloud, EyeEm, Sociomantic.

Eine wahre Nerd-Hölle

Über die Bildschirm-Sockel laufen Aufnahmen konferenzartiger Zusammenkünfte von Investoren, Politikern, Wirtschafts-Managern, Trendforschern und die Web 2.0-Aufsteigern. Diese Konferenzen erkennt man an ihren bemüht-unbekümmerten Namen: „DLD (Digital – Life – Design)“, „Disrupt“ oder „Hy! Summit“. Die digitale Wirtschaft ist Pop, und Leute wie der Twitter-Erfinder Jack Dorsey oder Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg erscheinen als neue Stars. Denny hat die Szene, in der Optionsscheine auf die Zukunft gehandelt werden, als seine Materialgrube identifiziert.

In seiner Summe addiert sich „Disruptive Berlin“ zu einer wahren Nerd-Hölle: Programmieren, Rechner-Tuning, Risikokapital. Der komischste Moment der Ausstellung kommt dann, wenn man ahnt, dass der ehemalige Städelschüler auf kritische Bezugnahme verzichtet und die Startup-Kultur in einer undurchsichtigen Warhol-Geste einfach nur umarmen will: „Ich bin ein Fan unternehmerischer Kultur. Ein Künstler ist auch ein Geschäft. Viele Arbeitsgrundsätze, die ich in dieser Community sehe, erscheinen mir aktuell und relevant. Solche unternehmerischen Werte sind mir sehr vertraut. Hochmotivierte Leute mit risikoreichen Ideen, gemischt mit Effizienz und Metrik. Was könnte schöner sein?“ Am Ende bleibt unklar, ob es sich bei „Disruptive Berlin“ um die große Affirmation oder um geschickten Datenklau handelt. Das kümmert Denny jedoch nicht.

Simon Denny – Disruptive Berlin. Galerie Buchholz, Fasanenstraße 30. Bis 15. März, Di-Sa 11–18 Uhr