Ausstellung: Familienaufstellung

Unheimlich sind sie, diese weißen Drahtskelette. Wie sie sich drängeln unter dem Wellblechverschlag, menschengroß und auf Rollen, als könnten sie im nächsten Moment aufmüpfig losrollen und als somnambule Truppe über den Gewerbehof hinwegrumpeln. Sie verharren aber, als wärmten sie sich gegenseitig, bevor sie Plastikfleisch aufs nackte Gerippe kriegen. Noch sind die Geschöpfe kopf- und gesichtslos. Aus ihren Schulterbügeln ragen Ringe aus Armierungsstahl, auf denen bald individuelle Gesichter stecken sollen. Einige Kopfabgüsse liegen schon nebenan in dem verwitterten Holzhaus, das Pawel Althamer als Atelier nutzt. Während eine Hühnerschar mit krähendem Hahn am Nachbarzaun scharrt, schlummern die Maskengesichter geisterhaft im ewigen Schlaf.

Es ist keine surreale Filmkulisse mit Gruppenportrait, in die die Besucherin geraten ist. Es ist die reale Szenerie in Wesola, einem Vorortdorf von Warschau, der Heimat Althamers. Hier wurde er 1967 geboren. Und hier werkelt der Künstler seit nunmehr 25 Jahren, entwickelt viele seiner Kunstprojekte in der kleinen Plastikfabrik „Almech“ seines Vaters Adam Althamer, der den so genannten Myral-Kunststoffextruder erfand. Früher wurden in dem Familienbetrieb Flaschen hergestellt – bis die Geschäfte schlecht liefen. Da sich das Selbstwertgefühl der Familie aber aus der Arbeit speist, verwundert es nicht, dass dieses Ethos auch die Praxis von Althamer bestimmt. Und weil seine großen Themen um die Gemeinschaft, die Familie, das Soziale und die Produktion kreisen, rattern die Maschinen von Almech eben für seine Kunstproduktion weiter.

Mitsamt des Vaters Know-how liefert die Fabrik den Raum, die Arbeitskraft und den weißen Knetstoff Polyethylen, den Pawel Althamer nun den draußen wartenden Figuren wie Bandagen über die Gestelle legt. Im abgewetzten Blaumann kniet der Bildhauer – man wähnt sich sogleich in einer seiner Performances – an der Thermodrehmaschine. Er zieht die warme Gummiwurst aus der Gewindeöffnung, formt sie mit beiden Händen bevor sie kalt erstarrt. Er klebt sie als Muskelfaserstrang über die Rippen des vor ihm sitzenden Stahlskeletts, konzentriert und mit beschwörendem Blick, als gelte es, ihm zugleich eine Seele einzuhauchen.

Spiel mit Realitäten und Rollen

Die Firma „Almech“ produziert also die Skulpturen, die Pawel Althamer für die gleichnamige Ausstellung im Deutschen Guggenheim Berlin vorbereitet hat. Irritieren mag das Schild „Deutsche Guggenheim“ über dem polnischen Fabriktor dennoch, erklärt es doch die Fabrik zur Kunstinstitution. Wer arbeitet hier für wen? Almech für das Guggenheim? Die Deutsche Bank für Almech? Ja, auch das. Der Faktor Arbeit verquickt mit dem Faktor Kapital im Kunstprozess. Das Spiel mit den Realitäten und Rollen ist eines von Althamers liebstes. Es verschafft ihm Freiräume. Für Berlin hat er nun diesen Labeltausch vorgenommen, holt die Museumsinstitution in die Werkstatt und verwandelt den Kunstraum Deutsche Guggenheim zur Produktionsstätte: Im Museum rattert ein Kunststoffextruder, daneben fertigen an einem Werkstand Almech-Mitarbeiter Gesichtsmasken von Bankmitarbeitern und Museumsbesuchern an.

„Almech“ ist eine Auftragsarbeit des Deutschen Guggenheim. Und damit ganz im Sinne Althamers, der gerne die Prinzipien umkehrt. Er erweitert hier sein Konzept auf Partizipation, die Beteiligung der Mitarbeiter und Besucher. Denn jeder soll nicht nur das bereits stehende Werk bewundern, sondern kann sich im Laufe der Schau sein eigenes Konterfei gießen lassen und sich als Skulptur in dem anwachsenden Gruppenselbstporträt verewigen.

Den Grundstock bildet die Schar der Stahlskulpturen aus der Fabrik in Polen. Weitere wird Althamers Bruder laufend von dort anliefern. So ist die Ausstellung anfangs noch gar keine. Althamer liegt mehr daran, aus dem Prozess eine soziale und zugleich reale Plastik zu schöpfen, die die Menschen, die Besucher zugleich mit sich selbst konfrontiert. Das Selbstporträt ist sehr wesentlich in Althamers künstlerischer Reflexion. Schon für seine Abschlussarbeit an der Warschauer Akademie 1993 erschuf er sich als mimetisch genaue, nackte Kopie. Zu dessen Präsentation verschwand er.

Derweilen lief ein Video neben seinem Alter Ego, das ihn zeigte, wie er nackt in Richtung Wald abhaut. In der polnischen Kunstszene ist Pawel Althamer seither einer der wichtigsten Akteure. In Filmprojekten mit seinem Kollegen Artur Żmijewski, der die 7. Berlin Biennale kuratiert, hat er sich Selbstversuchen durch Hypnose unterzogen. „Künstler sind die Schamanen der heutigen Gesellschaft“, sagt Althamer. In seiner Warschauer Nachbarschaft, der Plattenbausiedlung Bròdno, ist er der Local Hero, seit er erfolgreich die Hausbewohner in seine zwischen privatem und öffentlichem Raum changierenden Projekte mit einbezieht. Für den wunderschönen Bròdno-Park hat er einen Skulpturengarten initiiert, in dem man nun Arbeiten von Olafur Eliasson, Monika Sosnowska oder Susan Philipsz begegnet. Jedes Jahr kommt eine neue hinzu. In Deutschland trat Althamer schon 1997 auf der Documenta X als Astronaut auf und betrachtete das Kassler Kunsttreiben quasi aus dem All.

Und nun fordert er die Museumsbesucher auf, sich einen eigenen Stellvertreter bauen zu lassen. Wie in einer Familienaufstellung kann der sich dann im Laufe des Prozesses zwischen die anderen Figuren zwängen oder auf Distanz zu ihnen rollen oder als Seele aufgehen im Kollektivgeist eines ästhetisch skurrilen Gruppenselbstporträts in klassischem Weiß Es lohnt auf jeden Fall den Selbstversuch. Auch wenn es unheimlich wird.

Deutsche Guggenheim, Unter den Linden 13/15 (Mitte). Eröffnet ab 29. Oktober, bis 15. Januar 2012, Mo–So 10–20 Uhr. Mo Eintritt frei.