Berlin als spielender Junge: "Potsdamer Platz" heißt dieses Bild der kanadischen Künstlerin Ingrid McMillan.
Foto: Galerie 102/Ingrid McMillan

Berlin"Berlin, 2019“,  so lautet der Zusatz zu sämtlichen Bildtiteln in dieser Ausstellung zu Jahresbeginn 2020. Ingrid McMillan aus dem kanadischen Winnipeg und Alexandre Schuck aus dem französischen Grenoble und derzeit Wahlberliner haben all ihr Berlin-Gefühl in die Bilder gesteckt. 

Die hängen nun für nur einige Tage korrespondierend gegenüber. Als surreale „Grabungen“ und Schattenkämpfe in der jüngeren Geschichte Berlins im Falle McMillans, Kind deutscher Auswanderer und als rätselhaftes, exotisches, erotisches Puzzle aus Körpern und Körperteilen von Mensch und Tier in der Malerei Schucks, Kind der Liebe einer Französin und eines Deutschen.

Derartig global ist das Programm des in der so aufgeregten wie disparaten Berliner Kunstszene eher still agierenden Projektraumes 102 in der Potsdamer Straße. Hier gibt Gründerin und Betreiberin Annemarie Laber seit fünf Jahren noch eher unbekannten Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, ihre aktuellen Arbeiten jeweils eine knappe Woche lang öffentlich zu machen, zu verkaufen, und möglichst Netzwerke für weitere Ausstellungen oder Kontakte zu knüpfen.

Surrealistische Handschriften

In der Galerie 102 ist somit innerhalb des Berliner Dauer-Überangebotes Kunst zu entdecken, die in ihrer Eigenwilligkeit kaum in den Mainstream passt und entweder eine Zeitlang in einem Residenz-Programm entsteht oder mit der junge Maler, Zeichner, Konzeptualisten die künstlerische Selbständigkeit erproben und zumeist erstmalig ein größeres Publikum suchen.

Die Entdeckung dieser beiden betont surrealistischen Handschriften ist überaus erfrischend, denn weder gibt es da eine Scheu vor dem Figurativen noch vor Gegenständlichkeit. Weit weg scheinen die alten dummen ideologischen Grabenkämpfe zwischen real und abstrakt, zwischen den „Ismen“, zwischen intuitiv und konzeptionell. Diesen Ballast haben jüngere Künstler ohnehin längst in den Orkus der Kalten-Kriegs-Geschichte verbannt.

Lustvoll bedienen sich auch die intuitiv malende McMillan und der eher konzeptionell vorgehende Schuck auf ihren Leinwänden beziehungsweise auf Papier der eigenen überbordenden Phantasie. Das Übernatürliche schlummert in jedem Bilddetail im Unterbewussten. Die Motive  zeigen Phantasiegestalten und Traumgebilde im realistischen Stil, aber in einer irrealen Welt, in einer Art Über-Wirklichkeit.

Erotische Szene mit Gottesanbeterin: "L’ ultime prédateur" von Alexandre Schuck
Abbildung: Galerie 102/A. Schuck

Das Metaphysische wächst bei Alexandre Schuck aus einer fast fotografischen Detailschärfe. So macht er Liebe und Schmerz, Aggressivität, Eros, Sexualität sinnfällig.   Wie in einer Fabel  meint der Maler mit seinen Chimären-Wesen oder Puzzles aus tierischen und menschlichen Körperteilen das Treiben der Human-Schöpfung an sich. Er transformiert humorvoll typisch Menschliches – das Begehren etwa – auf die Tierwelt, wie in der Szene von gierig züngelnder Wasserschlange und einer sich verführerisch spreizenden Gottesanbeterin. Von diesem Insekt wissen wir, dass es  dem Männchen beim Liebesakt gelegentlich den Kopf kostet. Nun, die Maxime von Alexandre Schuck heißt „Jeder soll entdecken, was seine Augen ihm erlauben zu sehen.“

Gegraben an legendären Orten

Ingrid McMillan hat in den drei Monaten ihrer „Residenz“ Berlin erkundet. Sie habe, sagt sie, regelrecht „gegraben“, legendäre Orte aufgesucht. „Berlin hat einen starken Einfluss auf mich, vor allem, weil mein Vater hier geboren wurde und sein Großvater, der deutsche Luftschiffpionier Kapitän Richard von Kehler (1866-1943) hat mit den Gebrüdern Wright eine Firma zur Herstellung von Wright flying machines gegründet. Das war 1909.“ Sie setzte ihre „naturfarbenen“ Gestalten samt deren Schatten auf Berliner Brücken, gerade da, wo einst die Mauer verlief. Sie malte ein sich küssendes Paar auf dem „Berliner Pflaster“ und sich wie im Trance befindenden Frauengestalten im Tiergarten. Sie gab dem Stadtbezirk Charlottenburg symbolhaft Gestalt und Gesicht einer blonden Dame im engen Mieder, die aus ihrem Schatten heraus auf eine mit Blumen beworfene Bühne tritt. Und sie grub sich mit ihrer Phantasie unter den Landwehrkanal, wo sie die Wasser-Unterwelt in Blasengsichtern in unwirklich tiefem Blau und intensivem Rot darstellt.

,,Alles beginnt mit einer Idee, die normalerweise aus einem Bild oder aus Wörtern besteht, die ich höre oder lese“, gibt sie Auskunft über den Malakt. „Es ist wie ein Funke oder ein Download, der plötzlich auftaucht und mich dazu zwingt, die Sache zu untersuchen. Ich folge einer Idee, bis sie erschöpft ist, und markiere dann eine andere, die in den Flügeln wartet, um animiert zu werden. So, wie jedes Ende einen Anfang erzeugt.

Galerie 102, Projektraum Potsdamer Str. 102   (1. Etage links). Eröffnung am heutigen 7. Januar, 17–21 Uhr. Laufzeit bis 11. Januar Mi–Fr 11–21 und Sa 11–15 Uhr. Eintritt frei