Das stählerne Monstrum hält die Krähe im Würgegriff – vor einer roten Betonlandschaft. So brachial, theatralisch, plakativ setzte nicht nur der Leipziger Jürgen Schäfer sein DDR-Lebensgefühl auf die Leinwand.

Der vormundschaftliche Staat „umarmt“ die unzufrieden krächzenden, nach Freiheit hungernden Künstler. Die enttäuschten Staatsgetreuen sahen sich in der Rolle von Ikarus, die Oppositionellen als Krähen. Krähen, von denen einige über die Mauer „flogen“, ausreisten oder rigoros ausgebürgert wurden. Wie der „Mann mit dem Koffer“ des in der Leipziger Schule ausgebildeten Berliners Trak Wendisch. Einsam auf dem Bahnsteig steht einer, der wegging und doch nie richtig angekommen ist.

Neben diesem und weiteren Wendisch-Bildern klebt ein Blatt, darauf schreibt der Maler: „Zu besichtigen sind hier Bilder eines Einzelnen. Zeugnisse der Ortlosigkeit, der Wut, der Trauer, der Gegenwehr gegen die Zumutungen des ’Unsere Menschen’...“ Und am Schluss dieses Briefs an das Publikum heißt es, bezogen auf die bundesdeutsche Gegenwart: „... Im Übrigen bleibt mein Platz zwischen den Stühlen, auch wenn es sich um Designermöbel handelt.“

Weg vom Klischee

An allen Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Fotos von Aktionen in zehn Sälen des Martin-Gropius-Baus kleben solche „Briefe“, anstelle kunsthistorischer Erläuterungen und Einordnungen. An den Bilderwänden liest man Sprüche: Politische Phrasen aus dem DDR-Alltag und „Sprüche der Machtlosen“ wie Uwe Kolbes „Kleines grünes Land, enges, Stracheldrahtlandschaft“. Eine andere Perspektive ist damit gewollt – weg vom Klischee, Kunst aus der DDR sei durchweg ideologisiert. Die Werke dazu, authentische, individuelle, sich der Pauschalisierung widersetzende Statements – so wollten es die Ausstellungsmacher von „Gegenstimmen“. Eugen Blume, Direktor des Hamburger Bahnhofs, und Christoph Tannert, Leiter des Künstlerhauses Bethanien, laden zur Spurensuche in die 1970er- und 1980er-Jahre.

Und sie räumen auf mit dem Mythos, die „Maulwurfsarbeit“ kritischer, dissidentischer Künstler habe die Mauer zum Einsturz gebracht. Kunst reagiert nicht kurzschlüssig, macht keine Politik. Aber es gab zahllose Künstler, die sämtliche Vorgaben des sozialistischen Realismus ignorierten. Tannert spricht vom „vielzelligen, vitalen, angstlos agierenden Netzwerk selbstbewusster Individuen“. Diese „Individuen“ – im Stasi-Jargon war das ein Schimpfwort, das Zivilcourage und Widerspruch zu asozialem, staatsfeindlichem Verhalten umlog – sind in der von der Deutschen Gesellschaft e.V ermöglichten Schau nicht eingeteilt in Chronologie, Topographie, Stile, Schulen von Leipzig, Dresden, Halle bis Berlin. Auch nicht in Gruppen oder Themen. Sichtbar werden dafür Parallelen: der gemeinsame Frust, die Tristesse, die Wut. Und das Prinzip Hoffnung.

In offiziellen Ausstellungen fand auch zur späten DDR-Zeit systemkritische Kunst selten Eingang. Umso mehr in Privaträume oder in diverse Leipziger, Dresdner und Berliner Galerien, so in den „Weißen Elefanten“, wo die in der Schau dokumentierten provokanten Aktionen der „Autoperforationsartisten (Micha Brendel, Else Gabriel, Via Lewandowsky) und die Experimental-Tänzerin Fine Kwiatkowski für Furore sorgten.

Man könnte gut die Werke von mehr als 300 Ost-Künstlern, die eher abseits der Stromlinie arbeiteten, ausstellen. Dafür bräuchte es den ganzen Gropius-Bau. Ausgewählt wurden 80 Künstler. Solche, die in der DDR blieben, und solche, die zermürbt in den Westen gingen wie Penck, Grimmling, Leiberg, Via Lewandowsky, Florschuetz, Scheffler, Kerbach, Christine Schlegel, Cornelia Schleime.

Es gab nicht die DDR-Kunst

Am Eingang zur Ausstellung steht eine Vitrine mit Lupe, darin DDR-Briefmarken (Auflage bis 16 Millionen) mit Motiven staatlich gepriesener Kunst: Sitte, Womacka, Bergander. Links davon ein Sockel, darauf Sabina Grzimeks steinerner Kopf des Liedermachers Wolf Biermann, dahinter ein Foto-Doppelporträt Sibylle Bergemanns von Eva Maria und Nina Hagen. Die Ausbürgerung Biermanns geschah vor 40 Jahren, „eine Art faschistoider Vertreibung eines Altkommunisten“, wie Eugen Blume es spitz formuliert. Die Staatsaffäre Biermann ist denn auch das Stichwort für all die Kunst, die hier ausgebreitet ist.

Danach formierte sich die Opposition. Eine dissidentische Kultur blühte auf. Künstler orientierten sich mehr denn je an Bildsprachen der Avantgarde, der Existenzialisten, Expressionisten und an neuen Trends im Westen. Beuys wurde wichtig, die Abstrakten, die Happenings gegen das Establishment im Westen, die Punk-Szene, das Experimentelle.

Als die DDR den selber geknebelten Geist aufgab, sagte Heiner Müller: „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart“. Nun, in unserer totalen Gegenwart seit 1989/90, gab es durchaus Versuche, die „Ostkunst“ differenziert zu beleuchten. „Gegenstimmen“ belegt ein weiteres Mal, dass es die DDR-Kunst so nicht gab. Was ist die Essenz dieser Versammlung, von unangepasster Kunst aus einem verschwundenen Land? Kurioses Zeugnis eines Widerstandes, der ins Reich der Nostalgie gehört? Oder aber, gerade vor dem Hintergrund einer globalisierten Kunst(Trend)Welt, exemplarische – ostdeutsche – Kunstgeschichte? Diese Kunst mag ziemlich eigen sein, doch beliebig war sie nie.