Ausstellung: Im Kinderhaus schlafen und Mozart hören

So begann für zahllose jüdische Emigranten seit Beginn des 20. Jahrhunderts, vor allem nach der Machtergreifung Hitlers, der Traum vom neuen Leben: Fahl brütet die Küste in der Sonnenhitze, ein Saum weißer Häuser auf Hügeln, die in den weißen Himmel übergehen: Erez Israel. Hier fanden die Ideale des Weimarer und Dessauer Bauhauses (1919–1933), mit dem neuen Bauen auch einen neuen Menschen hervorzubringen, zur realen Form: im jüdischen Kibbuz.

Fünf Monitore geben Video-Auskunft. Fünf Kibbuzbewohner sprechen über ihr Leben im Kollektiv: von der über 80-Jährigen, die mit ihren Eltern aus Nazideutschland nach Palästina geflohen und in Kiryat Schalom nahe Tel Aviv gelandet war, bis zum Mittvierziger, eingewandert aus dem Iran. Ein Leben, das im Westen Geborene ziemlich befremden und das in der DDR Aufgewachsenen so manches Déjà-vu-Erlebnis bescheren dürfte.

Tali Sherman, knapp 60, aufgewachsen im Kibbuz Givat Brenner, war in den Siebzigern von dort weggegangen. Sie lebte ihr eigenes Leben im nahen Tel Aviv. Jetzt denkt sie an Rückkehr. Es klingt verklärend, was sie über damals sagt: „Die Eltern schliefen im Zelt, wir Kinder im Kinderhaus, und dort hörten wir Mozart.“ Bildung und Erziehung werden noch immer groß geschrieben in Israels Kibbuzim, auch wenn die Kinder längst nicht mehr im „Kinderhaus“, sondern unterm elterlichen Dach schlafen und ein richtiges Familienleben haben, wie ein knapper Satz unter einer Dokumentation wissen lässt.

Hoch-Zeit des Baukastensystems

In Walter Gropius’ Glashaus im Zentrum von Dessau, wo das Bauhauserbe, trotz aller finanziellen Engpässe und krasser Einsparungen durch das Land Sachsen-Anhalt (das sein Geld lieber in die Luther-Dekade steckt), engagiert gepflegt wird, ist jetzt eine sehr besondere, differenzierte und erhellende Ausstellung zu sehen. Sie zeigt in einigen wesentlichen Linien das Beziehungsgeflecht zwischen Deutschlands architektonischer Avantgarde und der des werdenden Israel auf. „Kibbuz und Bauhaus“ vermittelt sich durch ausführliche Texte, durch Briefe, Dokumente, Mobilar, Pläne, Modelle, sogar Spielzeug. Und natürlich vor allem durch Fotos von den Bauten.

So ist zu erfahren, wie Bauhaus-Architekten ihre Utopie vom funktionalen „Neuen Bauen“ mit Stahlbetonfertigteilen und Glasfronten in viele der Kibbuzim trugen – 285 waren es in der Hoch-Zeit der 20er- bis 60er-Jahre. Manche dieser Kollektivanlagen, ob nun religiös, weltlich oder sozialistisch geprägt, haben inzwischen weniger als hundert Bewohner, andere noch über tausend. Achtzig Prozent gehen auf die Zeit vor der Staatsgründung Israels 1948 zurück. Darunter solche, die mit ihren arabischen Nachbarn friedlich lebten, und solche, die ihren Kibbuz eher wie ein Wehrdorf gegen die Palästinenser bauten.