Barbara Klemm, geboren 1939, war von 1970 bis 2005 Redaktionsfotografin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie hat mit ihren Fotos unser Bild von der Bundesrepublik mitgeprägt. Im Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße zeigt sie „Hölderlins Orte“ in 43 Schwarz-Weiß- Aufnahmen. Wer die Ausstellung sehen möchte, wird sich beeilen müssen. Freitag, Sonnabend, Sonntag sind vorerst die einzigen Gelegenheiten. Danach wird das Literaturhaus dem „Lockdown light“ folgen und seine Türen für den November schließen. Abhilfe kann ein Bildband zur Ausstellung verschaffen, der im Kerber-Verlag für 24 Euro zu haben ist. Links ein Text von Hölderlin, rechts das Foto von Barbara Klemm.

Die Wanderausstellung kam zustande, weil der damalige Direktor des Marbacher Literaturarchivs, Ulrich Raulff, der Barbara Klemm aus seiner Zeit als Redakteur der FAZ kannte, sich an die Fotografin wandte und sie fragte, ob sie nicht Lust hätte, Bilder zu Hölderlins Versen zu machen. Sie hatte zuvor schon Naturansichten Goethes genommen und sie gewissermaßen nachfotografiert. Am Mittwoch, bei einem Pressetermin für die Ausstellung, erklärte Barbara Klemm: „Ich hatte noch nie etwas von Hölderlin gelesen. Also sah ich mir das erst einmal an. Sehr schwer! Wirklich nicht leicht.“ Sie schickte ihren Mann vor, erzählte sie, der auf Stellen stieß, die sie inspirierend fand und so fanden dann nach und nach Verse und Fotos zu einander.

Zum Beispiel die berühmten aus „Hälfte des Lebens“: „Mit gelben Birnen hänget/ Und voll mit wilden Rosen/ Das Land in den See“, denen ein Foto vom Turm in Tübingen, in dem Hölderlin die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, beigesellt ist. Im Vordergrund des Bildes ein Tübinger Stocherkahn. Drei Sunden habe sie auf der Brücke gestanden, erzählt Barbara Klemm, bis dann endlich dieses Foto herauskam. Natürlich hatte sie schon andere gemacht, aber sie hoffte auf ein besseres. Das dann endlich kam. „Der Stecken ganz aufrecht im Bild. Das war Glück. Manchmal hat man es und manchmal nicht. Man braucht es. Geduld allein reicht nicht.“

Barbara Klemm ist von heiterer Gelassenheit

Nein, nicht jede ihrer Aufnahmen entstand eigens auf einer Hölderlinfahrt. Die Eiche fand sie in ihrem Archiv. Auch den Mond holte sie sich dort. „Aber ihr, ihr Herrlichen! Steht wie ein Volk von Titanen/ In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel“, hatte Hölderlin 1797 in Schillers Horen über „Die Eichbäume“ geschrieben. In dem Brief, dem das Gedicht beilag, soll er Schiller geschrieben haben „von Ihnen dependir’ ich unüberwindlich“. Im Gedicht heißt es ein paar Verse später: „Eine Welt ist jeder von euch, wie die Sterne des Himmels/ Lebt ihr, jeder ein Gott, in freiem Bunde zusammen.“ So lebte er selber gerne, schreibt Hölderlin, fesselte die Liebe ihn nicht an das gesellige Leben der Menschen. Das Foto zeigt eine einzelne Eiche, die aussieht, als wäre sie einmal von einem Blitz zerfällt worden. Es gehört zum Reiz der Aufnahmen, dass sie nicht den Text illustrieren, sondern eigene Ansichten sind. Die einen nachdenken lassen über das, worum es einmal Barbara Klemm, das andere Mal Hölderlin ging. Das muss nicht dasselbe sein. In diesem Fall zum Beispiel stehen bei Hölderlin die freien Titanen bei einander, unverletzt, ja unverletzlich. Bei Barbara Klemm dagegen hat die Katastrophe stattgefunden. Die Titanen sind gestürzt. Einer hat einsam und zerspalten überlebt. Man erinnert sich, dass Hyperion der Name eines Titanen war.

Barbara Klemm ist von heiterer Gelassenheit. Nach Weihnachten wird sie 81 Jahre alt werden. Ich rätsele, ob ihre Jugendlichkeit sie immer begleitet hat oder ob sie eine Zutat des hohen Alters ist. Bei glücklichen Naturen, habe ich den Eindruck, kommt sie manchmal, ist das Berufsleben abgeschlossen, wieder. Wie sie erzählt von ihren Museumsbesuchen mit ihrem Mann, vom Besuch bei Anselm Kiefer, den sie fotografieren durfte, vielleicht weil er eine Weile bei ihrem Vater, dem Maler Fritz Klemm (1902–1990) an der Kunstakademie in Karlsruhe studiert hatte. Es sei sehr beeindruckend gewesen, sagt sie. Das war alles. Sie ist diskret. Ihre Fotos sind es auch. Und sie sind es nicht. Der frisch ernannte Minister Joschka Fischer in Turnschuhen, der unvergesslich innige Bruderkuss  Breschnew-Honecker usw. usw.: Bilder einer Epoche. Bilder, in denen wir unsere Geschichte erkennen.

Sie hat das alles gesehen und festgehalten. Sie war überall in der Welt unterwegs. Jetzt sitzt sie im Literaturhaus, hört sich geduldig unsere Fragen an und erklärt, sie stehe noch immer in der Dunkelkammer entwickle und vergrößere ihre Fotos selbst. „Das werde ich tun, so lange ich kann.“

Hölderlins Orte, Fotografien von Barbara Klemm, Literaturhaus Berlin, Fasanenstraße 23