Ausstellung im Martin-Gropius-Bau: Die vielen Gesichter der Wikinger

Mächtig gewaltig, Egon“, möchte man den Leitsatz aus der kultigen dänischen „Olsenbande“-Filmserie rufen, sobald man den Lichthof des Gropius-Baus betritt. Da liegt das riesige Wrack, bietet sein Schauspiel auf, ist Anfang und Ende der großen Erzähl-Schau über die Wikinger.

Die Ausstellungs-Kooperation des Museums für Vor- und Frühgeschichte des Staatlichen Museen zu Berlin, des Dänischen Nationalmuseums und des British Museums war schon in London und Kopenhagen zu sehen. In Berlin nun sind Funde aus dem deutschen und osteuropäischen Raum mehr in den Blickpunkt gerückt.

Universelles Symbol aber ist das Schiffswrack. Die 1997 im dänischen Fjordschlick gefundene „Roskilde 6“ hat ihr gelbrotes Segel gesetzt. Einst war darunter für 100 Krieger Platz. Dies deuten backbords und steuerbords stilisierte Schilde an. Die Forscher sind sich fast sicher: Sie gehörte zur königlichen Flotte. Mit Schiffen dieser Art, schnell, wendig und flach genug, um auch in Flüssen zu kreuzen, ins Landesinnere zu gelangen, war es den Wikingern möglich, ferne Länder zu überfallen.

Die so sagenhafte wie klischeebeladene Wikinger-Legende ist somit – um mit der Hauptwaffe dieser Seefahrer, frühzeitlichen „Blitz“-Krieger, aber auch Weltentdecker zu sprechen – ein zweischneidiges Schwert. Sie waren begnadete Schiffsbauer, doch zugleich auch Räuber, Mörder, Sklavenhändler. Sie verstanden es ebenso, kosmopolitisch Handel zu treiben und Fremdes so zu nutzen, dass ihre rohe Kultur zu Höherem gedieh. Das also war die Strategie: Man fuhr per Schiff in fremde Länder, überfiel sie, erpresste Schätze; die fränkischen Könige etwa zahlten Unmengen, bloß, damit die Wikinger wieder abzogen.

Der Überfall aufs entlegene englische Lindisfarne 793 war sozusagen der Sündenfall. Die Mönche, die mit Absicht weitab der Zivilisation lebten, waren die ersten Opfer; ihr Schicksal stand auf einmal mitten im Geschehen.

Zwei Stege aus Kiefernholz, wie Anlegestellen ans Wrack herangebaut, imaginieren in der Schau das Ablegen des Schiffs. Wikinger waren jene, die hinauszogen, Abenteuer und Gewinn suchten. Sie hockten nicht im Bärenfell hinterm Ofen.

Ihre Hütten allerdings, deren Balken und Pfeiler, verzierten sie, wie man gleich im ersten Raum sieht, recht domestiziert per Schnitzeisen mit Ornamenten. Dazwischen erblickt der Besucher jene Gegenden, die einst erobert wurden: Großfotos von britischen Steilküsten, Grönland, Normandie, baltischen Stränden, russischen Birkenwäldern, Flüssen. Und da sind Fotos vom Kaspischen und Schwarzen Meer, von Bagdad, Istanbul. Archäologische Funde belegen jene Eroberungen: Silberfibeln, Armreifen, Halsringe, Münzen, Hacksilber, Gewürzgefäße, Gewichte, arabisches Silber – es ist der „Fund von Yorkshire“, 2007. Dann betritt man ein hehres Gruselkabinett, es ist das „Massengrab von Weymouth“. Dort fand man im Jahr 2009 Skelette einer Wikinger-Schiffsbesatzung, die Köpfe abgeschlagen, die Knochen von Schwerthieben gekerbt. Das Kriegsglück war den Nordmännern also nicht immer hold. Hier hatten mal die Überfallenen gesiegt gegen die martialische Allgewalt. Deren ausgegrabene Waffen lagern in Vitrinen: Schwerter, Dolche, Lanzen, Äxte. Waffen selbst als Grabbeigaben, zusammengerollt wie Lederriemen, somit unbrauchbar gemacht für die Reise ins Jenseits.

Damit wären wir bei der Religion der Wikinger. Rätselhaft noch immer. Ein Zipfel vom Götterhimmel ist auf einem runden Museumstisch aufgestellt: Silberfigürchen: Odin mit seinen Raben, Walküren mit Pferden und Schilden, Swantevit mit vier Gesichtern, ein Taschengott, der sich die Haare rauft – alles jüngste Funde aus dem einst ostpreußischen Raum. Dazu geben Zauberstäbe, Thorshämmer, Bärenzähne vage Auskunft über Glaube und Aberglaube.

Der runentragende Jelling-Stein aber, der einen Saal wie ein Medium füllt, ist monumentales Zeugnis der Christianisierung, zudem Beleg der frühen Staatswerdung Dänemarks. Die Nachbildung des im jütländischen Jelling entdeckten Nationalheiligtums zeigt die Taufe König Harald Blauzahns (910–987), grellbunt sind die Spuren des Meißels ausgemalt, Blauzahns langes Kinn zeigt eine Gesichtsform an, die sich bis in die Kunst der Gotik hinein hält.

Eine bronzene Glocke aus Haithabu bei Schleswig belegt, dass der Alltag nach der Christianisierung neu strukturiert, die Kirche zum kulturellen Zentrum wurde. Nun betreten wir ein königliches „Langhaus“, in der Form eines Schiffskörpers, ausgelegt mit Purpurteppich, das Holz ornamentbeschnitzt, in den Vitrinen Schmuck, Glas, Gefäße, Kleider. Und kunstvolle Schachfiguren – Krieger, die in ihre Schilde beißen. Selbstironisch konnten die alten Wikinger also auch sein.

Silberzeit wird die Wikinger-Ära auch genannt, wegen der großen Beutezüge, in denen sie das geraubte Edelmetall nach Hause brachten. Aber sie gierten ebenso nach Gold, ließen von europäischen Hofgoldschmieden prächtigsten Schmuck fertigen. Magie entfaltet der Ende des 19. Jahrhunderts als Strandgut gefundene „Hiddenseer Goldschatz“ aus dem Kulturhistorischen Museum Stralsund. Das 16-teilige Geschmeide stammt aus der Blauzahn-Zeit, wiegt 600 Gramm. Im Zentrum eine Scheibenfibel mit nordischen Tierornamenten, mittig ein Kreuz; es scheint die gefährlich-schönen Schlangenleiber ringsum abzuwehen. Glaube wider Aberglaube.

Martin Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7. Bis 4. Januar 2015, Mi–Mo, 10–19 Uhr. Katalog (Hirmer).

Bildungsprogramm: www.wikinger.smb.museum