Blasphemie! Der Aufschrei war vorprogrammiert, als Cindy Sherman dieses „Selbstbildnis“ einer „Madonna Lactans“ vor 25 Jahren öffentlich machte. Die Amerikanerin persönlich, mit goldblonder Kunsthaar-Perücke, Nasen- und Stirnmaske, wässrige Kunstmilch versprühender Plastikbrust – und in den tiefblauen Mantel der Schutzmantelmadonna gehüllt – blickt ungerührt, um nicht zu sagen, eiskalt mit blauen Augen ins Leere. Diese Madonna aber stillt kein Kind.

Der braune Vorhang, das glasige Blau mit den Flakons hinter ihr deuten ein Boudoir an. In alten Zeiten war das ein eleganter Raum, in den sich die Dame des Hauses zurückziehen konnte. Und der Weizenstrauß soll wohl Symbol sein für Fruchtbarkeit. Shermans fotografische Selbstinszenierungen, als absurdes, bisweilen höhnisches, ja, gotteslästerliches Spiel mit der Identität, brachten die aus New Jersey stammende Tochter eines Kamera-Sammlers an die Weltspitze der inszenierten Bildkunst.

Die heute 61-Jährige ist eine Meisterin der Maskerade. Ihre Werke gehören zu den teuersten auf dem Kunstmarkt. Sammler legen sechsstellige Summen hin, um in den Besitz dieser bisweilen horriblen Subjekt-Objekt-Travestie zu gelangen, die immer auch eine ästhetische – und nicht zuletzt auch eine geistige, eine politische – Herausforderung ist.

Aus der Kiste des Rollenspiels

Denn da werden kulturelle wie soziale Stereotype benutzt. Lauter Wahrheiten, die aber, könnte man meinen, in der Mitte lügen. Sein? Schein? Sherman greift in die Kisten der gesellschaftlichen Rollenspiele, der altmeisterlichen Malerei, in die des Kinos und der Werbe-Industrie. Und in die überkommener Symbolik. Sie lehnt ihr „Frauenbild“ provokant an das des Playboys an, verballhornt ikonische Bilder, wie in dem Falle die Madonnen der Renaissance-Lieblinge Botticelli, Leonardo, Raffael, Cranach. Bis hin zur räumlichen Staffelung der Bilder.

Dies aber tut sie mit aufdringlichen, hässlichen, obszönen Prothesen aus Kunststoff und greller Schminke. Oder sie verzerrt auf gleiche Weise Märchenszenen, setzt riesige Plastikzähne ein, abstruse Perücken, verrenkte Puppenkörper.

Alles wirkt irgendwie mysteriös, krisenhaft, die Stimmung ambivalent zum Bersten in solch abgründigen, grotesken Bildern, entstanden aus der Obsession, dauernd jemand Anderes sein zu wollen. Sammler Thomas Olbricht fasziniert solche Kunst, er sammelt Shermans fotografische Maskeraden schon seit Jahrzehnten, breitet diesen Schatz – 65 beneidenswerte Bilder als Ergebnisse einer scharfen Analyse, eines grandiosen weiblichen Humors, boshafter Ironie und Unheimlichkeit in seiner Berliner Ausstellungshalle aus. Man sieht allweil, dass die Amerikanerin, die sich als moderne Feministin begreift, den Teufel mit dem Beelzebub austreibt, gerade, wenn sie die latente Pornografisierung der Kultur kritisiert.

Sherman wäre „gut genug, eine echte Schauspielerin zu sein“, sagt einst Andy Warhol. Er fand es toll, wie sie sich als Weiblichkeitsklischee selber inszenierte – künstlich genug, um echt zu wirken, überzeugend genug, um gesellschaftskritisch zu sein. Proteismus nennt man in der Psychiatrie die Zwangsneurose, in immer neue Rollen zu schlüpfen. Künstliches benutzt die New Yorker Fotografin exzessiv. Unerschöpflich scheint das Rollenangebot, das diese betont untheoretische Künstlerin sich seit Jahrzehnten selber macht und umsetzt in Performance und Film, in Travestie, Enttarnung - und Identitätsfindung.

Horror, Schock, auch Ekel

Sie ist Regisseurin und Akteurin in einem – in Rollen als Frau, wie hier. Oder auch als Mann aus Historie und Gegenwart, aus den Gefilden des Himmels und der Hölle. Sie ist ihr eigenes Medium und Material. Dabei ist ihre Mimikry so perfekt, dass ein uneingeweihter Betrachter gar nicht merkt, dass immer das selbe Modell zu sehen ist: Die Sherman, mal blond, mal schwarz-, mal rothaarig, mal eisgrau,. Oder mit Glatze. Sherman brezelt sich auf – oder verunstaltet sich: mit Clownsmasken, hängenden Plastikbrüsten, hässlichen Rums- oder Höckernasen. Sie klebt sich Bärte an, spielt mit Stilmitteln des Surrealismus, mit der extremen Übertreibung, des Horrors, des Schocks und des Ekels.

Das Madonnenbild und das weibliche Selbstporträt haben bei ihr alle Lieblichkeit und Artigkeit verloren. Es gibt keine soziale Maske, die sie sich nicht aufzusetzen wüsste. Schon die frühen Arbeiten, die Olbricht damals noch für weit geringere Summen erstand, atmen eine beklemmende Atmosphäre. In den späten Achtzigern schlagen die Sujets um ins Albtraumhafte. Shermans Körper erscheint nun als zerstückelter Rumpf. Etwa in „Civil War“– mit Fragmenten von Kadavern, Extremitäten, Augen kulminiert das Körperexperiment: Die Bilder tauchen auf aus den mystischen Welten der Dämonen, wie Verweise auf reale aktuelle Gewalt – täglich geliefert aus den Krisengebieten der Welt auf den Displays der Internetgemeinde.

Bis 10. April 2016 im me Collectors Room Berlin/Stiftung Olbricht, Auguststr. 68, Di–So 12–18 Uhr, Eintritt 7 Euro/erm. 4 Euro. Tel.: 86 00 85 10. Mehr im Internet www.me-berlin.com