Treppen. Im Allgemeinen sind sie Symbole des Aufstiegs. Und des Abstiegs. Die Treppe, in den beiden hier abgebildeten Filmszenen sind sehr alt – aus Sandstein, wie man sie in historischen Stadtzentren zwischen alten Gemäuern findet, in Rom, Paris, Madrid, London, Budapest, St. Petersburg, Prag. Und in Wien.

In Wien lebt Valie Export, dieses Jahr wird sie 78. Doch ist diese außergewöhnliche Künstlerin alterslos, mit ihren brandroten Haaren und dem freien Lachen. Sie ist nach Berlin gekommen wegen ihrer Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein. Eine Art Retrospektive für eine Frau, deren Kunst seit den 60er-Jahren Radikalität, Pragmatismus und ruppige Poesie zusammenbringt. Ihre feministischen Arbeiten haben Kunst- und Emanzipationsgeschichte geschrieben, so, als wäre sie eine Zwillingsschwester im Geiste der mutigen US-Amerikanerin Carolee Schneemann. Diese beiden Frauen haben Heerscharen von jüngeren Künstlerinnen beeinflusst, ermutigt, inspiriert für den Diskurs über Körperlichkeit, Sexualität und Geschlechterrollen.

Echt oder filmisch gefaked

Valie Exports Filme, auch dieser aus dem Jahr 1983 mit den Treppenszenen und dem Titel „Syntagma“ (kommt aus dem Griechischen und bedeutet Zusammengesetztes), sind komplex, politisch, innovativ. Es ist für unsere heutigen allzu glatt polierten und überforderten Sehgewohnheiten ein recht spröder, grobkörniger und langsamer 16-mm-Film: Eine Frau in Schwarz, das lange blonde Haar lässt kein Gesicht erkennen (es ist die Schauspielerin Irmilin Hofer), liegt auf dem Treppenabsatz – die Arme vorgestreckt, die Beine rückwärts angewinkelt, an die Mauer gelehnt, so, als würde sie dieses Stück Treppe mit dem Körper zentimeterweise aufnehmen. Als würde der Körper zu Stein.

Irritierend, dass beim näheren Hinsehen hinten, auf dem schrägen Treppenrand, nochmals eine Gestalt in Schwarz liegt, ob echt oder filmisch gefaked als Parallelaktion, lässt sich nicht sagen. Und links oben schreitet eine Frau, von der man nur ein Stück der wohlgeformten Beine in High Heels sieht, elegant eine alte, schöne breite Treppe herab, wie es sie nur als besonders markante Bauwerke gibt. Ein Zitat, gerade in der revolutionären, avantgardistischen Filmkunst. Nur, dass es bei Sergei Eisenstein anno 1925 keine elegante Lady war, sondern ein gefährlich entglittener Kinderwagen, der die Freitreppe vom Petersburger Winterpalais herabrollte.

Aber wie man sieht, Treppen taugen gut als Metapher. Und zum Experiment. Es ist, als würde in beiden Valie-Export-Szenen die Treppe „vermessen“ von einem weiblichen Körper oder einem Teil davon. Die Grenzen des Sicht- und des Sagbaren forderten die Wienerin eben schon immer heraus. Gerade „Syntagma“ steht für einen Experimentalfilm, der in seinem Ablauf auf so viele Arbeiten der Österreicherin – Aktionen, Fotos, Filme – verweist und zum Ausgangspunkt für die Erkundung ihres ganzen Schaffens, samt der Archive (Skizzen, Briefe, Fotos) wird. All das füllt nun Wände, Vitrinen, läuft auf Monitoren im Neuen Berliner Kunstverein.

Angegriffen wegen Obszönität

Die aus Linz stammende Valie Export, die gern den (männlichen) Wiener Aktionisten zugeordnet wird, was aber eine einseitige Zuschreibung wäre, analysierte noch tiefer, politischer, medienkritischer das angespannte Verhältnis des Individuums zur Gesellschaft, deren sogenannten Werte, Normen, Moralkodex. Wohl auch darum nannte sie sich (mit bürgerlichem Namen Waltraud Stockinger) nach der österreichischen Marke „Smart Export“ fortan: Valie Export.

Angst- und tabulos hat die mehrfache Documenta-Teilnehmerin mit ihren Performances die Verformungen des Subjekts innerhalb der auf Macht, Erfolg, Effizienz gepolten Moderne und die Entfremdung zur Natur angeprangert. Sie lebte zeitweise mit Friedensreich Hundertwasser und Peter Weibel. Um 1968, zwischen Studentenrevolte und Frauenrechte-Bewegung, provozierte sie mit ihrem Tapp- und Tastkino – vom Erahnen zum Fühlen und zurück zur Imagination.

Man hat sie angegriffen, wegen Obszönität, weil sie ihren Körper in Aktionen einsetzte. Sie war zu radikal für ihre Zeit. Der österreichische Staat entzog ihr 1970 sogar das Sorgerecht für ihre Tochter. Aber so kann’s halt auch kommen: Im Jahr 2010 verlieh man ihr das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.ʻ