Er ist still und wartet gelassen ab. Sie hingegen ist völlig aufgedreht. In einer Stunde wird beider Ausstellung eröffnet, aber sie muss noch was reparieren in einem ihrer fragilen weißen, schwarz umrandeten Collage-Kästen. Beim Transport von London via Leipzig nach Berlin sind ein paar Teilchen geknickt, ein Treppensteg, geformt aus Pappe und Papier unter einer wie aus einer Bohrinsel im Meer ragenden, zerbrechlichen und instabilen Hochhauskonstruktion mit Brücken, Geländern, Leitern.

„Der Zustand“ heißt die Arbeit, halb Bild, halb Skulptur. Und sie ist umstandslos als Situationsmetapher zu lesen.„Oskar“ Rink – ihren sicher hübschen Mädchennamen unterschlägt sie, der steht nur im Pass – hat noch nie in ihrem jungen Künstlerleben mit ihrem Vater, dem Maler und Grandseigneur der „Neuen Leipziger Schule“, Arno Rink, 71, einst der Lehrer von Neo Rauch, ausgestellt. Die Ausstellung in der Berliner Galerie Circleculture ist somit eine Uraufführung.

An den Wänden – immer im Dialog zu ihren Kästen, die sie als „Basteleien“ statt Kunstwerke bezeichnet, hängen Arno Rinks jüngste Bildtafeln: helle, formverkappte, symbolgeladene Figuren-Szenen, die er lapidar „Atelier I“ bis „Atelier IV“ nennt oder, sehr bibel-mythologisch, „Lot“s Töchter“. Rink, der eigenwillige Manierist unter den Mythenmalern der legendären „Alten Leipziger Schule“, der einst bei Tübke und Heisig studierte, feiert nach wie vor die geheimnisvolle Schönheit des weiblichen Körpers.

In den betont zeichnerischen, in den Tiefenraum und eine stürzende Perspektive gespannten und gestaffelten Figur-im-Raum-Kompositionen dominiert noch immer diese exaltierte, am der italienischen Manierismus des 16. Jahrhunderts geschulte Gestik und Gebärdensprache. Es sind Synonyme für Versuchung, Laster, Eitelkeit, Gewalt und Schmerz.

Aber in weit abstrakterer, auch reduzierterer Weise als früher tut sich nun eine Welt auf, die befremdet. Jedes Bild – etwa ein Selbstbildnis, sitzend vor den Farben, wo aus einer weißen Nebelwand intime Erinnerungen auftauchen, während durch die Jalousien von draußen die Chimären des Alltags eindringen – ist wie ein vergeblicher Versuch: das Irrationale zu bannen, die apollinische Vernunft durch Gelassenheit siegen zu lassen.

Und dann dieses Wechselspiel mit den Objekten der Tochter, den Gebilden aus präziser Konstruktion und kreativem Basteltrieb. Sie sagt dazu lapidar „Schneiden, Kleben, Bauen, Montieren“ und geht vor wie ein spielender Modellbauer. Sie hat sich ganz dem Haptischen verschrieben, unter ihren Fingern verwandeln sich simple Pappe, weißes Papier, Holzstäbe, Metallklammern, Fäden, Knöpfe zu dreidimensionalen, poetischen, grotesken Welten. Die sind zerbrechlich, deshalb hat die junge Künstlerin alles mit mit farblosem Sprühlack überzogen. „Würden die Kästen erschüttert“, sagt sie,“ ginge alles kaputt“.

Eine seidenpapierne Halbfigur in einem der Kästen verdeckt mit der Linken das Auge. Die Rechte der durchsichtigen Puppe hält in den marionettenartigen Fingern einen Papierkreis, der sich optisch in ein darunter montiertes schwarzes Quadrat einzufügen sucht. Oskar Rink wartet lächelnd ab, ob man den Verweis entdeckt: Aber ja, Malewitsch grüßt mit seiner Ikone der Moderne.

Mehr noch indes richtet sich der spielerische Unernst der Collage auf jenes sprichwörtliche Paradoxon, das die Menschheit antreibt, obwohl die geometrische Mathematik die Aufgabe für unlösbar hält: Die „Quadratur des Kreises“, so taufte Oskar Rink den Kasten und meint, sagt sie „jenen immerwährenden Versuch, der immer wieder scheitert“.

Nicht gescheitert, doch aus der Zeit gefallen ist Arno Rinks alte Schreibmaschine„Remington“. Er hat sie riesig gemalt wie einen Anachronismus: die schweren, soliden Typen. Tochter Oskar baute in einem ihrer Skulpturenkästen aus Pappe und Papier die alte Schreibmaschine nach, nichts mehr funktioniert mehr wie einst: Die Buchstaben tanzen an dünnen Halterungen, Tasten und Rolle sind bloß noch durch dünnes Papierband verbunden. Auf abgründig-witzige Weise heißt es Abschied nehmen von einer ehemals unverzichtbaren Schreib-Apparatur. Im Computerzeitalter bleibt nur die Erinnerung.

Unterschiedlicher kann das Bildermachen kaum sein wie bei den beiden Rinks. Er drückt Tiefe und melancholische Schwere, noch im sinnlichsten Frauenkörper aus. Sie tritt allem Ernsten mit spielerischer, ironischer Dekonstruktion entgegen, so dass man an den Dadaisten Kurt Schwitters erinnert wird, der um 1920 mit seinen Collagen aus Papierresten ein „Weltbild“ der Weimarer Republik entwarf.

Nun, so scharf gesellschaftskritisch geht es bei Oskar Rink nicht zu: „Meine Ideen kommen aus ganz alltäglichen simplen, oft vertrackten Situationen“, sagt sie. „Und jeder Kasten ist für mich ein gebautes Bild aus Träumen, Wünschen, Zuständen, Nöten“. Dabei fragen ihre Kästen schon sehr danach, was heute noch echt oder nur Schein ist.

Und dann überraschen bei langem Betrachten Gemeinsamkeiten von Vater und Tochter: Beide suchen in ihren Werken nach Symbiosen, um Lebenssicht, Lebensgefühl auszudrücken. Schließlich entdeckt man bei beiden dieses energische Einspannen von Ding und Figur in einen instabilen, wie bodenlosen Bildraum. Was besagen könnte, wie sehr das eigene Ich doch den labilen Zustand der Welt wahrnimmt, nach Halt sucht.

Oskar Rink, 31, aufgewachsen im Atelier des Vaters, suchte sich ihren Weg in die Kunst allein. Er hat ihr weder zu- noch abgeraten. Sie probierte sich aus als Designerin, Illustratorin, als Köchin. In London verdiente sie ihr Geld als Managerin einer Galerie. Erst kürzlich wagte sie den Sprung ganz in die Kunst. „Freier Fall“, spaßt sie.

Aber dafür hat sie ihre ganz eigene Handschrift gefunden. Papas Liebling ist keinesfalls Papas Epigone. Sie hat sich alleine auf den Weg gemacht und ihn gefunden. Und jetzt ist der Vater ziemlich stolz auf sie.

Galerie Circleculture, Gipsstraße 11 (Mitte). Bis 16. Juni, Di–Sa 12–18 Uhr.