Donald Trump bläst die Backen auf. Hillary Clinton rollt die Augen und wischt sich dann betont gelangweilt einen Staubfussel von der Schulter. Eine Katze macht irgendwas, was die Leute an Katzen süß finden. Nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal, sondern wieder und wieder und wieder. Solche Bildersequenzen, die sich in kurzer Frequenz wiederholen und mit zum Teil rasender Geschwindigkeit im Netz verbreiten, nennt man GIF, kurz für Graphic Interchange Format.

Eigentlich ist das ein Bildformat aus der Steinzeit des Internets. Als es noch kein Youtube gab: In der Frühzeit des World Wide Webs Mitte der 90er Jahre, waren GIFs die erste Möglichkeit, online bewegte Bilder zu zeigen. Damals waren es meist kurze Animationen – etwa von rackernden Bauarbeitern, die signalisieren sollten, dass die eigene Homepage „under construction“ sei.

Die Bild-Zombies sind wieder da

Das GIF ist daher im Grunde eine Art Internet-Sperrmüll, ein lange überflüssig gewordenes Dekorationselement, ein Anachronismus, der einfach nicht mehr gut aussieht und entsorgt werden könnte. Doch das Internet vergisst bekanntlich nichts, und so sind die kleinen Loops in den letzten Jahren von einer Web-Antiquität zum Kult geworden, der in den sozialen Medien fröhliche Urstände feiert.

Selbst Facebook, das sich lange gegen die körnigen Ruckelbilder gewehrt hat wie der Besitzer eines Berliner Mietshauses gegen Graffiti, hat inzwischen klein beigegeben und lässt GIFs nun auf seinen Seiten zu. Auch Künstler haben GIFs als Medium entdeckt, wie eine Ausstellung in der auf digitale Kunst spezialisierten Galerie DAM in Berlin zeigt.

Für diesen Zweck wurde die ganze Galerie komplett abgedunkelt. Alle Fenster und Türen sind zugeklebt, und der Besucher findet sich in einer Black Box voller flackernder Wiederholungsbilder auf Monitoren und als Projektion wieder. Erster Hingucker ist eine große, an die Stirnwand des Galerieraums projizierte Arbeit der kanadischen Künstlerin Lorna Mills. Sie hat mehrere Bewegungssequenzen von sich auftürmenden, dunklen Wolken montiert, die nun vor giftig gelb-orangenem Hintergrund unheilverheißend auf den Betrachter zukommen, ohne dass sich jemals das scheinbar unmittelbar bevorstehende Gewitter entlädt.

Man sieht Untotem zu

Im GIF steht die Zeit fast still, sie arretieren den Moment, ohne ihn wie die traditionelle Photographie ganz zu fixieren und festzuhalten. GIFs sind, das wird bei dieser Ausstellung schnell klar, in Grunde Bild-Zombies: Die groben Auflösung verstärkt noch den Eindruck, dass man hier Untotem zusieht, das zwar nicht mehr so ganz lebendig ist, aber auch noch nicht endgültig dahingeschieden.

Von Lorna Mills, die ausschließlich GIF-Collagen aus Internet-Objet-trouvés schafft und damit inzwischen international erfolgreich ist, stammt auch noch eine kleinere, abstrakte Arbeit, eine pulsierende Komposition aus rot-blauen Punkten und Strichen. Man starrt auf das Gewusel, versucht aus den sich unablässig verändernden Strukturen etwas herauszulesen, doch das Gepixel will sich zu keinem sinnvollen Bild zusammenfügen. Ähnlich wie Mills´ Wolkenschichtungen orientiert sich auch Faith Holland an den Konventionen der Landschaftsmalerei: Ihre Arbeit „Geyser“ von 2015 schichtet Bilder von Wasserfontänen und hochsprudelnden Quellen effektvoll zu einer nicht enden wollenden Eruption übereinander.

Endlosschleifen im Computer

Der Gegensatz von Stasis und Bewegung prägt auch den Beitrag der russischen Künstlerin Olia Lialina, die an der Merz Akademie in Stuttgart lehrt. Sie hat sich selbst zu einer Art GIF-Hampelmann gemacht: In einem projizierten Triptychon sieht man, wie sie – zuckend animiert – im Kreis tanzt, einen Hula-Hoop-Reifen um die Hüften kreisen lässt und Akkordeon spielt – all das mit einer Energie, die etwas Posthumanes hat und daran erinnert, dass der Computers seine Subjekte unendlich weiter hüpfen ließe, wenn nicht irgendwann jemand den Strom abstellen würde.

Die Berliner Ausstellung ist nicht die erste Präsentation des immer noch marginalen Genres der GIF-Kunst. Auch in der Photographer’s Gallery in London und auf einigen Kunst-Websites waren schon Überblicksausstellungen von GIF-Kunst zu sehen. Inzwischen gibt es sogar schon eine Reihe von Start-Up-Unternehmen, die Wand-Objekte verkaufen, mit deren Hilfe man sich GIF-Animationen und andere digitale Werke an die Wand hängen kann – wobei es sich letztlich um Monitore handelt, die gerahmt die Erwartungen an eine Kunst bedienen, die dekorativ die Wohnzimmer- oder Bürowand ziert.

Die Netzkunst-Institution Rhizom hat vor vier Jahren bei der Armory Show in New York zum ersten Mal ein GIF an einen Sammler verkauft, und seither sind eine Reihe von anderen Verkäufen von GIFs gemeldet worden. Wolf Lieser, Inhaber der DAM-Galerie, der die Ausstellung auch zusammengestellt hat, ist allerdings vorsichtig: „Bisher gibt es noch keinen echten Markt für GIF-Kunst.“ Was in einer Zeit, in der Gegenwartskunst manchmal nur noch als Spekulationsobjekt für Oligarchen und Spekulanten erscheint, möglicherweise auch schon ein Erfolg ist.

Die Ausstellung in der DAM Galerie läuft bis zum 16. Januar. Mittwoch bis Freitag 13 –18 Uhr, Samstag 12–16 Uhr, Neue Jakobstr. 6., www.dam-gallery.de