Es gibt wohl kaum einen besseren Ort auf der Welt, um die Trends der Sneaker-Mode zu studieren, als die Straßen von New York. Kaum jemand in dieser Stadt trägt einfach nur ein paar Turnschuhe weil sie praktisch sind und passen, Marke, Farbe und Stil sind immer ein Statement.

So wird man in den Cafés von SoHo andere Schleicher sehen als auf den Basketball-Plätzen von Harlem, in den Punk-Clubs auf der Lower East Side oder auf den Techno-Parties in Brooklyn. Überall ist die Wahl des Schuhs Ausdruck von Individualität und Gruppenzugehörigkeit, bisweilen sogar Weltanschauung.

Insofern erscheint eine Ausstellung über Sneaker-Kultur in einem New Yorker Museum ein wenig überflüssig. Die ganze Stadt ist eine Ausstellung der Sneaker-Kultur, um so vieles reicher und vielfältiger, als das zwei Museums-Räume jemals abbilden könnten.

Und doch ist die Hommage an das dominante Schuhwerk unserer Zeit im Brooklyn Museum ausgesprochen sehenswert. Die Retrospektive auf die Sportschuh-Mode der vergangenen 120 Jahre stellt spannende Fragen rund um den Aufstieg des Gebrauchs-Schuhs zum ikonischen Mode-Artikel und liefert mitunter überraschende Einsichten.

Zeichen des Wohlstands

So widerlegt etwa die Show in einem abgedunkelten Raum, in dem die Sneakers in beleuchteten Vitrinen wie in einer Fifth Avenue-Boutique präsentiert werden, den Mythos, dass Turnschuhe erst in den 70er Jahren des vergangene Jahrhunderts zum Modegegenstand aufstiegen. Der Turnschuh war schon in seinen Anfängen ein Luxusartikel.

Nur die aristokratische Leisure-Class konnte es sich im ausgehenden 19. Jahrhundert leisten, sich die Zeit mit Laufen und Ballspielen zu vertreiben. Dafür spezialisiertes Schuhwerk zu besitzen, war ein Zeichen von Wohlstand und Kultiviertheit. Die Besohlung mit vulkanisiertem Gummi galt überdies seinerzeit als raffiniert und High-Tech.

So waren die ersten „Converse All Stars“ von 1917 ein Artikel für den echten Gentleman, bevor sie der Standard-Schuh für Ghetto-Basketball, dann kalifornischer Hippie-Treter, Punk-Mode und schließlich Retro-Latsche wurden. An solchen Umdeutungen und Rekontextualisierungen von Modellen und Stilen ist die Geschichte des Sneakers reich und sie macht es spannend, sich in deren Historie zu vertiefen.

Ehrenplatz für „Adidas Superstar“

Die Ausstellung widmet etwa den legendären „Adidas Superstar“ berechtigterweise einen Ehrenplatz. Die Superstars war in den 1970er Jahren einer der ersten niedrig geschnittenen Basketball-Schuhe (Low Tops) und ein Hit auf den Courts der amerikanischen Innenstädte.

Doch die Superstars markierten nicht nur den Durchbruch von Adidas auf dem US-Markt. Nachdem die HipHop-Crew Run-D.M.C. die Superstars zu ihrem Markenzeichen machten, „My Adidas“ rappten, standen sie vor allem auch für den Durchbruch der Sneakers in der Pop-Kultur. Geeint durch den Sneaker wurden Sport, Musik und Mode zu einem unentwirrbaren popkulturellen Nexus, der ab Anfang der 1980er Jahre den Zeitgeschmack bestimmte.

Das wurde kaum irgendwo deutlicher als bei dem wohl erfolgreichsten Sneaker-Modell aller Zeiten – den „Air Jordan“ von Nike. 23 Inkarnationen haben sie bis heute durchlaufen, um die sich eine jeweils eigene Ikonographie rankt. Ein bestimmtes „Air Jordan“-Modell zu tragen ist ein Bekenntnis, ein neues Paar der 200 Dollar-Schuhe wird insbesondere in der afroamerikanischen Subkultur wie eine Trophäe getragen. Nicht zuletzt deshalb brach Anfang der 1990er Jahre ein Streit zwischen Bill Cosby und Regisseur Spike Lee aus. Cosby warf Lee vor, der schwarzen Jugend falsche Werte zu vermitteln, weil er die Werbespots für die Jordans produzierte.

Die Jordans ebneten den Weg für Designer-Sneakers, die etwa ab derselben Zeit in den Schuhgeschäften auftauchten. Plötzlich hatten Modemacher wie Gucci und Prada das Gefühl im Sneaker Geschäft mitmischen zu müssen. Traditionsfirmen wie Reebok oder Converse legten Sondereditionen von Künstlern wie Damien Hirst und Jean-Michel Basquiat auf. Der Sneaker war endgültig zum Prestigeobjekt geworden.

Normcore ein Trend

Auffällig ist bei dem ganzen Reichtum dieser Ikonographie, dass das Brooklyn Museum die Turnschuhe in erster Linie als Männermode zeigt.

Die Kuratorin Elizabeth Semmelhack verteidigt das als ganz bewusste Entscheidung. Der Sneaker, so Semmelhack, sei neben vielen anderen Dingen vor allem auch ein Vehikel der modischen Befreiung für den Mann. „Männermode ist gewöhnlich sehr uniform, es gibt nicht viel Platz für individuellen Ausdruck.“ In der Wahl des Sneakers kann Mann sich jedoch austoben. Am urbanen Männerfuß ist an Farben und Stilen alles erlaubt.

Das hat in der jüngsten Vergangenheit zu einer Gegenbewegung geführt. Auf den Straßen New Yorks treibt seit wenigen Jahren ein Trend sein Unwesen, der sich Normcore nennt. Gefragt sind möglichst langweilige, durchschnittliche Outfits, Standard-Jogging-Schuhe von Reebok oder Asics etwa, wie sie jeder Tourist trägt. Die Ausstellung hat diesen Trend noch nicht berücksichtigt. Man hofft wohl – zurecht – dass sich das wieder legt.