"Love" steht auf ihren zusammengepressten Lippen geschrieben. Es scheint, als wären die vier schwarzen Buchstaben gerade aus ihrem Mund gekrochen und hätten sich auf Ober- und Unterlippe gelegt. Vielleicht ziehen sie sich auch sofort wieder zurück durch den Lippenspalt in die Mundhöhle.

Der Blick der rothaarigen Frau ist dabei geradeaus und emotionsentleert auf den Betrachter gerichtet. Das Gesicht der Porträtierten, seine Oberfläche, scheint sich unmerklich zu verschieben, obwohl es sich um eine Fotografie handelt, so als würde sich die schwarzen Buchstaben aus dem unteren Bewusstsein nach vorn drängen.

Der jungen koreanischen Künstlerin Ji Hyun Kwon gelingen mit ihrer Fotoserie „The Guilty“, der oder die Schuldige, berührende Momentaufnahmen der Schuldoffenbarung von Menschen, die zugleich kulturelle Eigenheiten und die Wurzeln jener Gesellschaft preisgeben, aus denen ihre Schuldgefühle entwachsen. So hat diese rothaarige Amerikanerin mit Schuldgefühlen zu kämpfen, weil sie ihrem Geliebten ihre Liebe nicht so zeigen kann, wie sie sie empfindet, da dies dem Diktat der Coolness widerspräche. Auch die anderen Porträts der siebenteiligen Serie zeigen Menschen verschiedener Herkunft in demselben Großformat. In ihrer jeweiligen Muttersprache haben sie sich ihre Schuldgefühle ins Gesicht geschrieben, auf Französisch, Türkisch, Chinesisch, Deutsch und Farsi. Poren, Härchen, das Feuchte auf ihren Lidrändern aber sind scharf gezeichnet und doch weich eingebettet in die flächige Landschaft ihres Gesichtes, das sich an den Rändern in der Unschärfe des Hintergrundes verliert.

„Ich fing dieses Projekt an, weil ich Schuldgefühle hatte“, sagt die 32-jährige Künstlerin. Weil sie vom Jurastudium abgewandt und stattdessen Kunst studiert hat, was wenig Anerkennung bringt. Von da an trieb sie die Frage, warum sie das so schuldig fühlen ließ ihrer Familie gegenüber und der Gesellschaft ihrer Heimat Südkorea. „Es ist keine kriminelle Schuld! Aber ich fühle mich schuldig – und dann wollte ich meine Schuld mit anderen teilen.“

2009 begann sie, Menschen auf der Straße anzusprechen, intuitiv und zufällig, ob sie bereit wären an ihrem Kunstprojekt teilzunehmen. Viele lehnten ab, manche sagten, sie seien unschuldig, andere aber öffneten sich, weil Ji sich selber öffnete und so schwoll die Serie auf bisher vierzig Porträtierte an. Es geht um gesellschaftliches Ansehen, um erlaubte und verbotene Emotionen, auch um Schuldgefühle wegen Entfremdung von der Familie. Ji Hyun Kwon findet zu einer lesbaren Ästhetik der Synästhesie – des stummen Schreis im beredten Gesicht.

Die Galerie Taik zeigt diese Serie in einer Gruppenausstellung mit zwei weiteren jungen asiatischen Künstlerinnen, der Koreanerin Hwanhee Kim und der Chinesin Aixia Li. Aixia stellt das Zeichen „chan“, was binden und auch losbinden heißt, in das Zentrum ihrer Serie aus Fotos und Kalligrafien. Sie untersucht die aussterbende Kulturpraxis Chinas, Frauen die Füße zu binden. Auch dies ist eine starke Arbeit über verwobene Prozesse interkultureller Übersetzung.

Gallery Taik Persons, Lindenstr. 34 (Kreuzb.). Bis 27. Juli, Di–Sa 11–18 Uhr.