Georg Weise wurde 1930 in Britz geboren. Sein Vater kam 1937 ins Zuchthaus. Die Videoinstallation „Neuköllner Kriegskinder“ im Museum Neukölln.
Foto: Sabine Gudath

Berlin, NeuköllnErst wurden Broschüren in seiner Schule verteilt, mit Darstellungen von Juden „in der hässlichsten Form“, erzählt Georg Weise. Die Kinder hätten den Auftrag erhalten, sie zu den Eltern nach Hause zu bringen und in der Familie zu zeigen. Weise blickt auf seine Hände, hebt sie hilflos. „Ich wusste: Das ist nichts Gutes. Aber ich wusste nicht, warum.“

Und schon gar nicht habe er verstanden, warum die Broschüre verteilt wurde. „Und am anderen Morgen, da stand vor dem Haus der Zahnärztin, vor dem Haus der Familie Hertz, riesengroß auf der Straße geschrieben, in breiten Buchstaben: ‚Jude‘.“

Videokünstlerin Ina Rommee (31) und Fotograf Stefan Krauss (37) 
Foto: Sabine Gudath

Damals war Georg Weise Kind, heute ist er beinahe 90 Jahre alt. Über seine Erinnerungen an die Nazi-Zeit hat der Sohn eines Antifaschisten bisher noch nie gesprochen. Der Videokünstlerin Ina Rommee und dem Fotografen und Kameramann Stefan Krauss hat der Neuköllner sie erstmals erzählt. Rommee und Krauss haben Weises Erinnerungen und die von sieben weiteren Berlinern auf Video gebannt und auf 45 eindrückliche Minuten gekürzt.

Von diesem Freitag an ist die Kunstinstallation „Kriegskinder“ im Museum Neukölln zu sehen. Als Besucher nimmt man auf weißen Stühlen vor acht Monitoren Platz. Reihum erzählen die Zeitzeugen aus ihrem Leben. Ein runder Tisch der oft verschwiegenen, manchmal auch vergessen geglaubten Erinnerungen. Sie erzählen vom Leben in Berlin zur Zeit des Zweiten Weltkriegs – und zeigen, wie das NS-System gerade auf die Umerziehung der Jüngsten zu strammen Nationalsozialisten abzielte.

Einige machen mit, andere zweifeln

Hitlergrüße jeden Morgen in der Schule, Kriegslieder singen am Wandertag, Fahnen schwenken, marschieren. Erst Pimpf, dann Jungvolk, dann Hitlerjugend sein.  Wenn nicht, kommt der Scharführer zuhause vorbei. Einige sagen, es habe ihnen gefallen: die Unternehmungen, das Wandern in der Natur. „Das war einfach der Alltag in der Zeit.“ Man habe das nicht hinterfragt.

Andere, die zum Teil aus Familien mit Widerstandskämpfern kommen, beobachteten früh und skeptisch, wie SS- und BDM-Uniformen ihre Nachbarn veränderten, wie ihre Eltern plötzlich zu bestimmten Themen schwiegen – und verstanden vieles erst Jahre später. Manchmal spürt man förmlich, wie sie sich konzentrieren: Einer der Protagonisten hält seine Augen beim Erzählen oft minutenlang geschlossen, umklammert dabei seine Arme.

Sehen und Mitmachen

Die Ausstellung „Kriegskinder“ von Ina Rommee und Stefan Krauss ist bis zum 5. April im Museum Neukölln (Alt-Britz 81, 12359) zu sehen. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist kostenfrei.

Auch der jüngste Film der Künstler wird in der Preview am Sonntag, 26. Januar, um 11.30 Uhr gezeigt. In „Kinder der Blockade“ berichten neun Überlebende auf russisch (mit Untertiteln) von der Belagerung Leningrads.

Im Workshop
„Gefühlserbschaften“ sind Teilnehmer eingeladen, über ihre eigene Familiengeschichte, öffentliche und private Narrative zu reflektieren. Termine: 5., 12. und 19. Februar, jeweils 18 bis 20.30 Uhr.  

Manchmal entschuldigen sie sich auch: An Details könne man sich nicht mehr erinnern. Und einem Protagonisten kommen unvermittelt die Tränen, als er von einer Frau erzählt, die ihn gemocht und seine Familie nach dem Krieg in ihrer Wohnung aufgenommen habe.

Für Udo Gößwald, Ethnologe und Leiter des Museum Neuköllns, macht gerade dieser emotionale Zugang zu den Protagonisten den Wert der Kunstinstallation aus. 30 Jahre lang hätten Historiker und Sozialwissenschaftler mit der Methode der „Oral History“ Zeitzeugen-Interviews dokumentiert. Rommee und Krauss gingen als Künstler freier vor und verdichteten ihre Erzählungen stark.

Dabei liege eine ganze Generation zwischen den Interviewten und den Künstlern, die erst Mitte Dreißig sind. „Eine besondere Konstellation“, sagt Gößwald, die befreit sei von der großen Schuldfrage, wie sie früher immer mitschwang, und dazu führte, dass plötzlich ganz neu und ehrlicher erzählt würde.

Generation über 80 hat Redebedarf

Auch Rommee und Krauss haben festgestellt, dass die Generation über 80 Redebedarf hat. Sie haben ihre Protagonisten über Stiftungen, Vereine und in Altenheimen gefunden. Drei Mal trafen sie sich mit ihren Gesprächspartnern mindestens, bevor sie die Kamera aufbauten. Und wunderten sich dann, wie lebhaft, wie kritisch, aus Kinderaugen berichtet wurde. „Man hat das Gefühl, dass diese Menschen in den letzten Lebensjahren spüren: Ich habe noch etwas zu erzählen“, sagt Rommee.

In der Wissenschaft sei die Oral History vielleicht weit verbreitet, in der Videokunst aber spiele die Arbeit mit Zeitzeugen bisher keine große Rolle, sagt Rommee. Zusammen mit Krauss werde sie das Thema weiterverfolgen: Für ihr jüngstes Projekt haben sie Überlebende der Belagerung von Leningrad durch die Deutschen interviewt – in Russland und Berlin. Die Gespräche wurden komplett auf Russisch geführt und für den Film, der als Preview im Museum Neukölln gezeigt wird, untertitelt.

Krauss will vor allem Schüler und Studenten mit seiner Arbeit erreichen. Er will, dass sie, wie er selbst, Eintauchen in die Welt der Überlebenden, dass sie von ihnen lernen, dass sie empathisch begreifen, was Faschismus bedeutet – und dass sie anfangen, in ihrer eigenen Familiengeschichte zu recherchieren. „Wenn wir Menschen in ihrer eigenen Familie zum Reden bringen, ist schon viel erreicht“, findet er.

Viel geändert hat sich auch für Georg Weise. Der Neuköllner, der noch nie über seine Kindheit gesprochen hat, will seine Erinnerungen nach der Arbeit mit Rommee und Krauss aufschreiben – und wahrscheinlich als Buch veröffentlichen.

Foto: Ausstellung Kriegskinder
Ingrid Hannemann

1930 geboren, wuchs in der Hufeisensiedlung in Britz auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg war sie Mitglied in der sozialistischen Jugendorganisation „Die Falken“. In der Kunstinstallation erzählt sie von mehreren Menschen in ihrer Umgebung, die sich korrumpieren ließen von der Macht, die die Nazis ihnen verliehen. Ein Nachbar, den sie nur von der Gartenarbeit kannte, sei früh zur SS getragen und sei in Stiefeln und Uniform ein „ganz anderer Mensch gewesen“. Eine ältere Mitschülerin – unbeliebt und „nichtssagend“ –  sei zur Jungmädel-Führerin ernannt worden, habe Uniform getragen und plötzlich „etwas zu sagen“ gehabt. Da habe sie verstanden, „wie man Menschen manipulieren kann.“

Foto: Ausstellung Kriegskinder
Hildegard Wenzel

1933 in Kaulsdorf geboren, wuchs in der Handwerkersiedlung in Neukölln auf. Sie arbeitete später für den SPD-Politiker Joachim Lipschitz und engagierte sich in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen. Sie schildert den Nationalsozialismus auf dem Schulhof als Alltag, die Unternehmungen mit dem Bund Deutscher Mädel – beispielsweise singen und Kräuter pflücken – als Dinge, die „ich eigentlich ganz gerne gemacht habe“. In der Schule habe man jeden Morgen den Arm gehoben, „Heil Hitler“ gerufen, die Fahne gegrüßt und die auswendig gelernten Lieder gesungen. „Man hat sich dabei nicht so viel gedacht“, sagt sie. „Es war einfach so, dass es alle gemacht haben.“

Foto: Ausstellung Kriegskinder
Günther Warnecke

1929 geboren, zog 1937 mit seiner Familie nach Britz. Er war beim Jungvolk, der Jugendorganisation der Hitlerjugend. 1942 habe er an einem Ferienlager im Neuköllner Rollbergviertel teilgenommen, erzählt Warnecke in einem Video. Wenn das Jungvolk mit seiner Fahne singend durch die Straßen zog, hätten alle Leute die Fahne grüßen müssen. Das sei ein „erhabenes Gefühl“ gewesen, sagt Warnecke. Erst später habe er realisiert, wie viele Menschen vom Bürgersteig und in den Hauseingängen verschwanden, wenn das Jungvolk sich näherte. Im Rollbergviertel waren im „Blutmai“ 1929 kommunistische Demos von der Polizei brutal niedergeschlagen und 33 Zivilisten erschossen worden.

Foto: Ausstellung Kriegskinder
Georg Weise

1930 geboren, wuchs in Britz auf. Sein Vater war Kommunist und Antifaschist, was er seinem Sohn verschwieg, um ihn zu schützen. 1937 wurde Weises Vater abgeholt und ins Zuchthaus gebracht. Weise schlief und erfuhr jahrelang nicht, was mit seinem Vater passierte. Die Mutter erzählte ihm, in der Schule solle er sagen, die Eltern lebten getrennt. Weise erinnert sich an Kinderspiele der Nazi-Zeit wie das Prellballspiel „Der, die, das verfluchte Land, das ich nicht leiden kann“. Trotz seines sehr jungen Alters damals sagt Weise im Video: „Ich war kein aktiver Widerstandskämpfer. Ich hab mich ja nur gedrückt, wo es irgendwo ging.“ Jetzt will er ein Buch über seine Erfahrungen schreiben.