Arbeiten von Lluís Lleó in der McLaughlin Galerie in Berlin-Mitte.
Quelle Werner Huthmacher, 2020

BerlinKunst und Literatur befruchten sich gegenseitig. Dies drängt sich in Daniel McLaughlins neu eröffneter Galerie am Rosa-Luxemburg-Platz förmlich auf. Denn sie befindet sich im Erdgeschoss jenes zerfurcht-monolithischen und in seiner zackigen Architektur fast düster wirkenden sechsgeschossigen Geschäftsgebäudes, wo seit fast genau einem Jahr auch der traditionsträchtige Suhrkamp-Verlag zu Hause ist. Da wurden bekanntlich die ganz Großen der deutschsprachigen Literatur verlegt: Paul Celan, Max Frisch, Nelly Sachs – und auch Weltliteratur von Beckett, Joyce, Proust.

Der Schlagschatten einer literarisch gesättigten Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie im Namen Suhrkamp anklingt, fällt somit geradezu fordernd auf die McLaughlin-Galerie. Die wurde – mutig, zur Corona-Hochzeit – im März 2020 eröffnet. Hier, scheint der Ort vorauszuschicken, sieht man Kunst, die unsere Fähigkeit fordert, unsere Sinne zu aktivieren und, qua körperlicher Erfahrung, Dinge zu durchdringen, die sich durch reine Logik und Vernunft – durch Buchstaben auf Papier – nicht restlos erschließen lassen.

Die McLaughlin-Galerie ist genau genommen eine Dependance des Lechner Museums in Ingolstadt. Die meterhohe Fensterfront des charmanten Innenraums, sagt der Galerist McLaughlin selbst, sei so gedacht, Vorbeigehende neugierig zu machen: „Ich wünsche mir einen Raum der Begegnung.“ McLaughlin, der acht Jahre in New York tätig war, wollte einen Raum schaffen, wo Leute sich angesprochenen fühlen, die noch keine etablierten Sammler sind, sich aber dennoch für Kunst interessieren: etwa junge Unternehmer und Leute aus der Berliner Kreativszene.

Lluís Lleó pendelt zwischen New York und Barcelona

Ob die coolen Berliner die Besonderheit der abstrakten Papierarbeiten und Skulpturen des katalanischen Künstlers Lluís Lleós, die hier derzeit unter dem Ausstellungstitel „All Shadows Belong to The Light“ zu sehen sind, wertzuschätzen wissen? Ob sie in der Lage sind, die komplexe Dualität von Licht und Schatten, die in diesen Arbeiten liegt, tatsächlich zu würdigen?

Lleó, der seine Zeit zwischen New York und Barcelona aufteilt, behandelt in seinen Werken regelmäßig auch Topoi von Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit. Für eine Skulpturenreihe, die er im Sommer 2017 zwischen der 52nd und 56th Street im öffentlichen Raum in New York ausstellte, arbeitete er mit mauerartigem Sandstein sowie mit Öl auf Leinwand und handgepresstem Papier. Diese Skulpturen imitieren spitze Geometrien: Dreiecke, Diagonalen, hochhausartige Quader in grellen Blau- und Rottönen auf mattem Grund. Dass jedes der dafür verwendeten Medien für sich genommen schon bei der geringsten Erschütterung zerreißen oder zerbröckeln könnte, verleiht diesen Arbeiten eine ganz eigene Fragilität, die in einem schrillen Kontrast steht zu der Hektik und der Unbarmherzigkeit des New Yorker Alltagslebens.

In der Galerie McLaughlin strahlen Lleós Werke jedoch eine verspielte Wärme aus. Seine großflächigen Papiergemälde spiegeln seine Zuneigung zur katalanischen Romantik sowie zu den frühmittelalterlichen Klassikern der Renaissance. Lleó lässt hier die Formen und Flächen zu einer spiritistischen Wirkung verschmelzen: Seine Papierarbeiten, für die er oft hochwertige Stoffe aus Nepal und Bhutan verwendet, stechen dabei besonders hervor. In Anidabas Dos (2020) verschwimmen rosa Wasserfarbe und tiefrotes Acryl auf silber glänzendem Papier zu einem schlierenartig-wabernden Gebilde. In der Tat eine ganz andere Form von Erkenntnis.

McLaughlin Galerie, „All Shadows Belong To The Light“, Werke von Lluís Lleó, bis 3. Oktober, Linienstr. 32, 10178 Berlin