Berlin - Ich bin im Gelobten Land angekommen“, schrieb David Hockney an seinen Londoner Galeristen Paul Kasmin. „Es ist die schönste Stadt der Welt.“ Hockney war im Februar 1964 aus dem grauen, kalten England ins sonnige Kalifornien geflüchtet. Hier fand er das strahlende Licht, den so unverschämt künstlich blauen Himmel, die Swimming Pools und die knusprigen, jungen Männer – also all das, was seine Malerei zum Inbegriff kalifornischer Kunst werden ließ. Steht man jetzt im Martin-Gropius-Bau vor Hockneys berühmtem „Bigger Splash“ von 1967 steht, dann schäumen mit den locker hingetupften Wasserspritzern, die ein unsichtbarer Schwimmer im Pool hinterlassen hat, all jene Verheißungen und Sehnsüchte auf, die sich mit dem „Golden State“ verbinden.

Frei, unbeschwert, aseptisch

Als Film-Hauptstadt der Welt hat Los Angeles unsere Epoche geprägt, aber wie sieht es mit der bildenden Kunst aus, die hier in der Nachkriegszeit entstand? Die europäische Avantgarde war weit weg, und im hochnäsigen New York traute man Kalifornien außer Film ohnehin kaum eine Kunstleistung zu. Heute haben sich die Verhältnisse eher umgekehrt: In der zeitgenössischen Kunst ist Los Angeles viel interessanter als New York.

Wie es dazu kam, zeigt jetzt die Schau „Pacific Standard Time“. Eigentlich waren es mehr als 60 Ausstellungen, die in einer opulenten Materialschlacht, verteilt über den ganzen Großraum Los Angeles, die südkalifornische Kunst zwischen 1950 und 1980 rehabilitierten (Berliner Zeitung vom 10. März). Begonnen hatte die Aufarbeitung mit einer zehnjährigen Forschungskampagne des Getty Centers. Von dort kommt auch die Berliner Ausstellung, die jetzt die undankbare Aufgabe hat, mit einem kleinen Teil für das Ganze zu stehen.

Die Kuratoren Andrew Perchuk und Rani Singh schlagen thesenartige Bahnen in das Dickicht der Strömungen. Sie zeigen, wie in den Fünfzigern eine mal geometrische, mal biomorphe Farbfeldmalerei auf das Bauhaus, die russische Avantgarde und die New York School reagierte. Die Kompositionen von Lorser Feitelsen, John Mc Laughlin oder Hel Lundeberg sind elegant und gefällig, aber auch wenig eigenständig. Interessanter ist die Gruppe von Keramik-Bildhauern um Peter Voulkos und John Mason – eine echte kalifornische Spezialität.

In diesen Kontext eines optimistischen Modernismus gehören die Architektur-Fotografien von Julius Shulman: schwebende gläserne Bungalows über dem nächtlichen Lichtermeer, fließende Innenräume, luftige Möbel – der Garten Eden einer modernen Mittelklasse, die im kalifornischen Industrieboom der Nachkriegszeit zu Wohlstand gekommen war. Alles wirkt frei und unbeschwert, aber auch ein bisschen aseptisch.

American Dream und beißender Gesellschaftskritik

Schon einige Jahre später, in den mittleren Sechzigern, zeigt Dennis Hopper auf seinen Schwarzweißfotos die Kehrseite dieser Doris-Day-Welt. Judy Chicago und Suzanne Lacy kämpften mit psychedelischen Geometrien und handfesten Straßen-Aktionen für die Rechte der Frauen. Mit Mark di Suvero und anderen errichtete Chicago 1966 den konstruktivistischen „Peace Tower“ gegen den Vietnamkrieg.

Wallace Berman, ein unerbittlicher Protestler, gab von 1955 bis 1964 die Off-Zeitschrift „Semina“ heraus und kompilierte in seinen Collagen eine beißende Gesellschaftskritik. Wie Berman gehören die Assemblage-Künstler George Herms, Ed Beral und Betye Saar mit ihren Treibgut-Anhäufungen aus dem Abfall des amerikanischen Traums zu den aufregenden Entdeckungen für das deutsche Publikum.

In ihrer (vielleicht etwas zu groben) Zuspitzung zeigt die Ausstellung zwei Hauptwege: einerseits die politisch aufgeladenen Material- und Motiv-Kombinatorik, andererseits das Abarbeiten an der makellosen Oberfläche. Zu Letzterem gehören Peter Alexander, der in Gießharzblöcken wolkige Effekte erzeugt, Larry Bell, der Glas industriell beschichtet, bis es fluoreszierend leuchtet; aber auch Ed Ruscha mit seinen flächigen All-American-Ansichten, die gerade in ihrer übersteigert plakativen Wirkung dem American Dream den Zerrspiegel vorsetzen.

Natürlich kann das Schaufenster in Berlin den überbordenden Ausstellungsmarathon in Los Angeles nicht ersetzen. Wer vor allem an die neuen Ansätze von Performance und Konzeptkunst denkt, der wird enttäuscht sein. Mike Kelley und Paul McCarthy, Jan Bas Ader und Chris Burden, Allan Kaprow, Jack Goldstein oder Martha Rosler: Sie alle, auf dem heutigen Markt hochgefragt, waren in Los Angeles im Museum of Contemporary Art (Moca) in faszinierender Fülle präsent. Die Getty-Schau in Berlin ist aber nicht minder ertragreich, denn sie zeigt die Voraussetzung: wie eine eigene kalifornische Moderne entstand.