Berlin - Es sind furiose Gleichnisse: für Himmel und Hölle, Sodom und Gomorrha, Apokalypse und wilde, wüste Bauernfeste, für grotesken religiösen Mummenschanz und ätzende Zeitkritik. Vor unseren Augen ersteht die allegorische Welt des Glaubens und Unglaubens, der Tugenden und Todsünden, der Reformen und Gegenreformen und der Ketzereien des 16. Jahrhunderts. Und das alles passiert auf viereinhalb Jahrhunderte altem, inzwischen hochempfindlichem Grafikpapier.

Mit „Pieter Bruegel d. Ä. und das Theater der Welt“ überraschen die Kunstsammlungen Chemnitz wieder einmal mit einer stillen, aber wirkmächtigen Sensation. Denn das druckgrafische Werk des berühmten Flamen und etlicher seiner namhaften Zeitgefährten einmal derart sinnfällig versammelt zu sehen – Dank der Leihgeber aus deutschen, niederländischen, dänischen Grafikkabinetten – das ist etwas Seltenes. Die Blätter sind nämlich so fragil, dass man sie kaum ausstellen kann.

Eine fantasievolle, groteske, geistreiche, zeitkritische Bilderwelt tut sich auf. Man erlebt die obsessive Beobachtung, die künstlerische Kommentierung eines Jahrhunderts, eines, „das glauben wollte“, sich aber vom bislang dogmatisch christlichen Deutungshorizont zu befreien suchte.

Labyrinthisch-unterweltliche Szenarien

Mit dem gar nicht alt gewordenen Pieter Bruegel, genannt „der Ältere“, geboren 1525 oder 1530, genau weiß man das nicht, gestorben 1569, erreichte die flämische Bildkunst ihren Höhepunkt: Weder vor noch nach seinen Lebzeiten haben Nachfolger jene meisterhafte Ausführung und ambivalente Tiefsinnigkeit erreicht. Auch ist Bruegels eigenwilliger Stil nur bedingt mit Begriffen wie Spät-Renaissance oder Manierismus zu beschreiben. Überdeutlich freilich wird das Vorbild eines niederländischen Altvorderen: Hieronymus Bosch, dessen albtraumhaften, von Dämonen und Chimären bevölkerten „Garten der Lüste“.

Was der begnadete Bosch-Jünger einst zeichnete, radierte, in Kupferplatten stach oder auf Holztafeln malte – es fesselt einen. In diesem rätselhaften, fantastischen Universum voller Figuren, symbolischer Dinge, in diesen merkwürdig gestaffelten Landschaften, den labyrinthisch-unterweltlichen Szenarien verweben sich Aberglaube und Aufklärung, Angst und Spott, Gottes Zorn und Teufels listige Bosheit.

Und von alledem steckt etwas in den meisterlich verrätselten Bild-Details. Ein Spitzenwerk dieser Rätselhaftigkeit ist die berühmte Federzeichnung „Imker“, zweifellos ein Juwel der abendländischen Kunst, das, mit seiner surrealen Formensprache vom späten Mittelalter bis in unsere heutige Zeit weist und geradezu beklemmende Magie entfaltet. Hinzu kommt, dass im Vergleich zur Grafik nur wenige Handzeichnungen des Meisters überdauerten. Bruegel-Liebhaber werden es aus dem Berliner Kupferstichkabinett kennen, wo es meist lichtgeschützt verwahrt ist.

Drei Vermummte sind zu sehen, ein Vierter hockt auf einem Baum. Die geschlechtslosen Gestalten mit ihren Bundschuhen, in unförmigen Kitteln, den wohl aus Bast geflochtenen Masken, die Rüssel-Rümpfen gleichen, tragen und hantieren in einer Landschaft mit Turm, Strohdachhaus und blühenden Bäumen mit Bienenkörben. Bloß: Bienen sind überhaupt keine zu sehen, dafür ein Kerl, der sich an den dicken Ast eines Baumes klammert. Ist er nun nach oben geflüchtet – oder will er dort was holen? Eine Bruegel-Notiz links unten hilft ein wenig auf die Spur der uneindeutigen Botschaft.

Da heißt es: „Wer weiß, wo das Nest ist, der weiß es, wer es raubt, der hat es.“ Die umständliche Sentenz lässt uns wissen, es handelt sich wieder um ein Gleichnis. Die Imker, mit ihrem nützlichen, gottgefälligen Beruf, sind Irregeleitete, tun Törichtes, wenn sie die Bienenstöcke verschleppen, sie vor der Zeit aufreißen, statt sie im geschützten Unterstand aufzustellen, wie es nötig wäre. Dieses alte Gleichnis nun gilt heutzutage mehr als je zuvor. Es tadelt auf groteske Weise menschliche Gier und den zerstörerischen Umgang mit den Ressourcen der Natur.

Zusammen mit seinen Söhnen, die sich mit „h“ schrieben, Pieter d. J. und Jan d. Ä., wegen seiner Kabinett-Miniaturen „Blumenbrueghel“ genannt, hatte der mit den Philosophen und Theologen seiner Zeit intensiv korrespondierende Flame Bruegel eine berühmte Künstler-Dynastie begründet. Der jüngere Sprössling übernahm nach dem Tod des Vaters die Werkstatt, produzierte in Serien Kopien von dessen Motiven. Auch die Enkelsöhne wurden Künstler. Keiner aber erreichte Bildkraft und Tiefschichtigkeit des Alten, bei dem die Dämonen zu Kobolden mutierten, scharfsichtig und lustvoll ketzerisch.