Raffael: Zwei Rundbilder mit den Halbfiguren des Heiligen Petrus und Maria als Mater Dolorosa, um 1502.
Foto: bpk/Kupferstichkabinett, SMB/Jörg P. Anders

BerlinWas für ein fröhliches Lachen, mit dem sich hier das Jesuskind von der Mutter abwendet, so frisch und unmittelbar – und es bleibt ihr trotz der spontanen Drehung auch zugewandt. Die Mutter ist nicht dargestellt auf der Figurenstudie, nur der kleine Johannes der Täufer, der mit dem Finger auf den drallen Freund zeigt. Raffael hat sie in weichen Linien mit dem Silberstift auf grau gestrichenem Papier angelegt, in die Tiefe gearbeitet und mit dem Pinsel durch lichte Weißhöhungen ihr Helldunkel vollendet.

Von dem Lachen des Kindes in dem später ausgeführten Gemälde „Madonna dellʼImpannata“ ließ sich sogar Raffaels Biograf Vasari hinreißen. Denn kaum einer vermochte pulsierendes Leben in so zarten Lineaturen zu Papier zu bringen wie Raffael. Das zeigt auch die einfühlsame Studie der Schmerzensmutter, die er in hauchfeinen Federstrichen herausmodelliert und ihre Trauer ohne die üblichen Schwerter im Herzen allein durch die Gestik und den Ausdruck im leeren Gesicht darstellt. Eine geradezu hippieske Bilderfindung ist daneben die Zeichnung der „Maria Magdalena“: Ihr bodenlanges Haar bedeckt ihre Blöße wie ein elegantes Gewand, gebunden von Gürteln aus Zöpfen, der Kopf geneigt, der Blick beseelt. Herrlich.

Raffael (Schule): Der Elefant Hanno, nach 1516. 
Foto: bpk/Kupferstichkabinett, SMB/Dietmar Katz

Diese Zeichnungen, sieben an der Zahl, bilden das Herzstück der Ausstellung „Raffael in Berlin. Meisterwerke aus dem Kupferstichkabinett“, die wie bereits die Madonnen-Schau in der Gemäldegalerie den großen Renaissance-Künstler zum 500. Todestag feiert. Konzentriert sich die Gemäldegalerie allein auf das Motiv der Madonna im Frühwerk Raffaels, so wirft nun das Kupferstichkabinett einen Blick auf alle Schaffensphasen des 1483 in Urbino Geborenen – bis zu seinem frühen Tod am Karfreitag des Jahres 1520.

Alle Medien vereint

Auch wenn die Anzahl der Zeichnungen aus dem Bestand gering erscheint, zeichnet sich die Auswahl durch ihre große Bandbreite aus, da sie alle Medien vereint, in denen der geniale Zeichner seine Bilder ersann: mit Feder und Tinte, Tinte verdünnt mit dem Pinsel aufgetragen, mit schwarzem Stift und weißer Kreide und zu guter Letzt mit Rötel wie in der wunderbaren Aktstudie „Pluto“. Die von Dagmar Korbach konzipierte Ausstellung weist auch auf weitere wichtige Aspekte von Raffaels Schaffen hin, die nicht so bekannt sind, jedoch zur großen Popularität des Ausnahmekünstlers beitrugen und schon zu seinen Lebzeiten einen wahren Boom auslösten: die Verbreitung und Vermarktung seines Werkes durch Druckgrafiken, das Instagram der Renaissance.

So kommt man Raffael tatsächlich ganz nah. Über Zeichnungen seiner Schüler, deren Talente er förderte, erfährt man von des Künstlers großer Umtriebigkeit im Management seiner hochproduktiven Werkstatt. Heraus sticht da das Tierporträt des Elefanten Hanno, das Raffael von Gianfrancesco Penni nach dem Fresko im Vatikan zeichnen ließ. Sowie durch drei Arbeiten seines eigenen Lehrmeisters Perugino, zu dem der Vater den Elfjährigen nach Umbrien in die Lehre brachte. Dort lernte Raffael früh, was es hieß, große Projekte zu stemmen. Später sollte er seine organisatorischen Fähigkeiten und Netzwerke für die großen Fresken- und Tapisserie-Aufträge der Päpste Julius II. und Leo X. für die Sixtinische Kapelle, die Loggien und Stanzen im Vatikan noch ausbauen.

Talent für Vermarktung

Damit sein Werk aber nicht nur den elitären Kreisen von Rom bis Florenz vorenthalten bliebe, trieb er die Verbreitung über das zu der Zeit noch junge Medium Kupferstich und Holzschnitt voran. Er selbst nahm den Grabstichel nie zur Hand, um seine Bilderfindungen in Kupfer zu stechen. Jedoch erkannte er das enorme Potenzial dieser künstlerischen Technik für die Vermarktung seiner Motive. So reihen sich nun auf den taubenblau-frischen Wänden an die 100 Druckgrafiken und geradezu modern anmutende Chiaroscuro-Holzschnitte, die Raffael bei erlesenen Stechern und Schneidern ausführen ließ und die seine Zeichnungen hier wie ein Panorama umrahmen. Sie zeigen die enorme Popularität seiner berühmtesten Bilder mit religiösen, antiken bis hin zu erotischen Themen.

Vermutl. Raffael: Apostelgruppe, um 1516. 
Foto: bpk/Kupferstichkabinett, SMB/Jörg P. Anders

Am engsten arbeitete Raffael ab 1510 mit dem Kupferstecher Marcantonio Raimondi zusammen. Der hatte seinen Umgang mit dem Stichel an Dürers Werk geübt, durch Kopieren, Imitieren, gar Fälschen. Er galt als der Beste seiner Zunft und verstand es, die gezeichneten Vorlagen Raffaels mit den Ausdrucksmitteln der Grafik, die auf der bewegten Linie und dem Gegensatz zwischen Schwarz und Weiß beruhen, in malerische Kompositionen zu verwandeln. Beispielhaft zeigt das der „Bethlehemitische Kindermord“ von 1511, in der er Raffaels Zeichnung in eine dynamisch ausbalancierte Komposition bringt, die an Schrecken und Grausamkeit der Soldaten des Herodes wenig auslässt. Ein ausgewogenes Meisterwerk in höchster Aufgewühltheit.

Die Wertschätzung der beiden beruhte auf Gegenseitigkeit, das bezeugt Raimondis in Kupfer gestochenes Bildnis von Raffael am Eingang aus dem Todesjahr des Künstlers 1520. Lässig lehnt Raffael da in seinen Umhang gehüllt. Er erscheint nicht als der große Maler, Palette und Tafel liegen unberührt, seine Hände sind im Mantel verborgen. Denn, so die Aussage, hier ist Raffael der Meister des „disegno“, der Bildidee, der Vision, die allem künstlerischen Schaffen zugrunde liegt, die sich im Geist formt und als Kunst auf Papier geboren wird.

Raffael in Berlin, bis 1. 6., Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz