Das Bildnis der „Ema“ ist der vielleicht bekannteste „Akt, eine Treppe hinabsteigend“ in der modernen Kunst. Gerhard Richter hat ihn in vibrierender Unschärfe nicht nur gemalt, sondern 1992 auch fotografiert. Das kunsthistorisch so beliebte Motiv, mit dem Marcel Duchamp 1912 in kubistischer Bewegtheit die klassische Moderne einläutete, ließ Richter als pastellweiße Schöne vor grau-schwarzen Treppenstufen erscheinen – ephemer und wie ein Traum, strahlend präsent und zugleich vergänglich. Ihr zur Seite gestellt wurde im me Collectors Room nun ein weißer Pfau. Der ausgestopfte Vogel thront auf hohem Sockel wie jenseitig farbentleert und ohne allen Blau-grün-silber-Popanz.

Vorbei an Helmut Newtons Großfotografie „Nude of Kristen McMenamy“ erkennt man an einer anderen Wand in Juergen Tellers Bild aus der Serie „Versace“ dasselbe Fotomodell Kristen McMenamy. Aufgenommen allerdings in schäbiger Nacktheit und mit einem mit Lippenstift auf die Brust gemalten Herzen. Körperbilder allesamt, die die Ästhetik ihrer Zeit verdichten. Bevor man den zweiten Ausstellungsraum betritt, wo das großformatige Porträt „Irène“ (1980) von Franz Gertsch im Stil des Fotorealismus seine grelle Wirkung in den Raum entfaltet, wird man durch einen hohen, antiken Zerrspiegel erst einmal selbst mit dem eigenen, auf den Kopf gestellten Konterfei konfrontiert.

Die Sammelwut des Mediziners und Wella-Erben Doktor Thomas Olbricht

Spätestens danach erschließt sich die Ausrichtung dieser eleganten Ausstellung mit Werken der Olbricht Collection, schlägt ihr Thema, das vorgibt, der Moment sei Ewigkeit, „The Moment is Eternity“, tatsächlich auch chronometrisch an: Kleine Sanduhren aus dem 17. Jahrhundert säumen hier den Bilderparcours. Symptomatisch stehen sie für das Verrinnen der Zeit, für die Vergänglichkeit. Ein Eindruck, der sich auch in Cindy Shermans Spiegelbild der Selbstvergewisserung oder in Nicholas Nixons Fotoserie „The Brown Sisters“, einer über vierzig Jahre währenden Langzeitbeobachtung über das Älterwerden, mit Sinn auflädt.

Die Objekte und der Pfau aber stammen aus der Wunderkammer des Doktor Thomas Olbricht im ersten Stock seines Privatmuseums. Dort hat er, in Anlehnung an die ersten Museen „des Staunens“ in Renaissance und Barock, seine Sammlung von Scientifica, Naturalia, Artefacta, Exotica, Mirabilia eingerichtet, aus der nun auch die ausgestopfte Giraffe und ein barocker Elfenbein-Christus von 1670 den Weg in die Ausstellung im Erdgeschoss fanden. Sie korrespondieren auf anregend inhomogene Weise mit dem Who-is-who der Fotografenzunft: mit Henri Cartier-Bresson, Diane Arbus, William Eggleston, Otto Steinert, einem Foto-Selbstporträt des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner oder Bert Sterns eindrücklicher Marilyn Monroe mit wässrig durchlässigem Blick von 1962, sowie mit Grafiken von Goya und Dürer. Vor allem aber offenbart all das eine Leidenschaft für Kurioses, Kunst und Kostbares und die Sammelwut des Mediziners und Wella-Erben, der hier mit dem Impetus einer wohl aussterbenden Spezies zugleich eine Weltanschauung vermittelt, in der Geschichte, Kunst, Natur und Wissenschaft zu einer Einheit verschmelzen: der des Universalisten.

„Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen!"

Das „me“ im Namen seines Sammlermuseums steht denn auch sinnfällig für „moving energies“. Diese Energien bewegen sich mit Querverweisen und Schlaglichtern auf die Kunstgeschichte durch rund 300 Werke und Objekte von sechzig Künstlern. Für die kluge Zusammenschau hat Olbricht sich Annette Kicken als Kuratorin an die Seite geholt, die mit ihrer Galerie in der nahen Linienstraße eines des spannendsten Zentren für Fotografie in Berlin führt. Kicken hat die Werke aus der über 1000 Stücke umfassenden Sammlung aufgespürt, die in Motiven, Sujets, Gesten und Artefakten durch Überlagerungen und Analogien ähnliche Schwingungen hervorrufen.

Auch wenn der Fokus dieser Ausstellung auf den fotografischen Arbeiten liegt, stehlen ihnen die Dinge der Wunderkammer mitunter die Show. So zieht in einer Art Kabinett mit Schwarzweiß-Porträts von August Sander und berühmten Motiven aus Gerhard Richters Serie „48 Porträts“ doch der Inhalt einer Vitrine die ganze Aufmerksamkeit auf sich: Da starren Totenschädel im Miniaturformat aus leeren Augenhöhlen die Besucher an. 64 Vanitas-Skulpturen aus der Barockzeit, auf deren Häuptern sich Schlangen winden oder ein knallrotes Korallenzweiglein sprießt, und die besagen: „Sei dir der Sterblichkeit bewusst.“

Memento mori in edler Elfenbeinschnitzerei aus jener Epoche, als Tod und Vergänglichkeit durch Pest und Kriege omnipräsent waren. Der Hausherr und die Kuratorin schlagen dazu Goethes Verse an: „Kein Wesen kann zu Nichts zerfallen! Das Ew'ge regt sich fort in allen. Am Sein erhalte dich beglückt!“ Oder – für mehr als nur einen Moment – an dieser Wundertüte künstlerischer Hervorbringungen.

The Moment is Eternity bis 1. 4. 2019, Mi–Mo 12–18 Uhr, me Collectors Room, Auguststr. 68