Rüdersdorf - Zwei Stimmen aus dem Off dringen an das Ohr des Besuchers, wenn er über das Gelände der ehemaligen Turbinenhalle am Stienitzsee nahe Rüdersdorf streift. Die eine gehört einem Obdachlosen. Er habe schon wiederholt in verlassenen Gebäuden gehaust, erzählt er. Zwei Ausgänge müssten derlei Schlafplätze immer haben, damit er im Falle eines Angriffs fliehen könne. Die andere Stimme erzählt die Geschichte eines Investors. Er berichtet, wie er ein verlassenes Gebäude entdeckt, kauft und zu neuem Leben erweckt. Seine Stimme ist in den verfallenen Katakomben des früheren Kraftwerks zu hören. Unweit des versteckten Lautsprechers ist eine Skulptur zu sehen, die zu dem Kunstwerk gehört: die stilisierte Schlafstätte eines Obdachlosen.

Beide Audioaufnahmen – gefertigt von der Künstlerin Anne Peschken – sind authentisch. Die Geschichte des Investors ist die Geschichte von Henrik Sundström. Der einstige schwedische Tennisprofi hat die malerisch am Stienitzsee gelegene, von einem markanten Turm überragte Industrieruine gekauft. 

Er wolle aus dem Gelände einen Ort machen, an dem sich Kultur, Sport und Wohlbefinden verbinden, sagt der 55-Jährige. Und an einigen Tagen ist Sundströms Vision schon Realität: Mitte September wird zum 16. Mal die Laufveranstaltung Stienitzsee-Open ausgetragen, bei der entlang der Strecken Kunst gezeigt wird. Regelmäßig wird die einstige Turbinenhalle für Konzerte und Tanzvorführungen genutzt. Und aktuell darf der Verein Endmoräne das Areal bespielen. 

Luxuriöse Arbeitsbedingungen

Endmoräne, ein Zusammenschluss professioneller Künstlerinnen aus Brandenburg und Berlin, belebt seit 1991 jedes Jahr im Rahmen einer Sommerwerkstatt verlassene Orte: ehemalige Schweineställe waren dabei, aber auch Bahnhöfe und Kasernen, Ämter und Fabriken. Während einer zweiwöchigen Schaffensphase entwickeln die Künstlerinnen stets vor Ort ihre Werke, die dann an drei aufeinanderfolgenden Wochenenden der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Die diesjährige Ausstellung ist für die Endmoräne-Künstlerinnen etwas ganz Besonderes, sagt Angela Lubic. Die Künstlerin aus Kreuzberg gehörte zu dem Team, das die diesjährige Schau konzipierte. „Endlich war es mal nicht so dreckig“, sagt sie. „Es gab Strom und Wasser, Toiletten und Duschen.“ Das war an vielen Orten, die sich die Künstlerinnen in der Vergangenheit ausgesucht hatten, nicht so. „Oft mussten wir dort erst Schutt wegräumen. Hier am Stienitzsee konnten wir so entspannt arbeiten wie selten.“ 

Die 24 Endmoränen-Künstlerinnen – darunter vier Gäste – fanden nicht nur während der Produktionszeit luxuriöse Bedingungen vor. Henrik Sundströms Unterstützung zeigt sich an den drei Ausstellungswochenenden: Im Park laden Sitzgarnituren zum Verweilen ein, auf einem Ponton im See stehen Liegestühle bereit, ein Caterer versorgt Besucher und Gäste mit kühlen Getränken und kleinen Speisen.

Schon von Park und See aus sind einige der Werke zu sehen, die sich die Künstlerinnen haben einfallen lassen. Eindrücklich die Unmengen alter Elektroleitungen, die Tina Zimmermann von der Wand der Turbinenhalle   und vom markanten Turm  herabhängen lässt wie einen Rapunzelzopf. Die Assoziation der Künstlerin ist eine andere: „Kabelsalat, wie Pech von der Burgmauer geschüttet – Kollateralschaden unserer elektrisierten Welt“, schreibt sie. Eher plakativ das schwarze Plus und weiße Minus, das Patricia Pisani an der Außenwand der Turbinenhalle malte. 

Farbtupfer dagegen die Skulpturen von Erika Stürmer-Alex: Für die „Energieknoten“ verschlang sie gelbe Drainagerohre. 

Diesjähriges Motto: Unter Strom

Passend zum Ort lautet das Motto der Ausstellung „Unter Strom“. Das 1913 errichtete Kraftwerk versorgte mit seinen zwei Dampfturbinen die nahe gelegenen Ziegeleien und Wohnhäuser mit Elektrizität, bis es im Zweiten Weltkrieg zum Teil zerstört wurde. Zu DDR-Zeiten wurden in der nun „Haus der Ziegler“ getauften Turbinenhalle Kulturveranstaltungen für Arbeiter organisiert. Später war dort ein Filmstudio der Defa untergebracht.

In diesen Tagen zieht sich die Kunst durch das ganze Haus, bis hinunter in den Keller, wo einst Kohlen verfeuert wurden und der Dampf für die Turbinen entstand. Verrostete Rohre, erstarrte Kolben und schlaffe Treibriemen künden noch von der Zeit als Kraftwerk.

Die Künstlerin Ka Bomhardt nutzt einen alten Ofen für eine Installation, die einen kurzzeitig zu erschrecken vermag. Etwas gruslig auch ihr nebenan laufendes Video "Diktat der Konsequenz".

Im einstigen Kohlenkeller lässt Kerstin Baudis in einer Videoinstallation weiße Bälle über die Wand tanzen. Einige Räume weiter hat Dorothea Neumann ein kurioses Schlafzimmer für die Göttin der Unterwelt eingerichtet.

Henrik Sundström läuft derweil von den meisten Besuchern unerkannt über das Gelände. Er sei erfreut über die vielen faszinierenden Kunstwerke, sagt er. Und über die vielen Besucher. Allein am ersten Wochenende kamen 750    Besucher - darunter Sundströms  alter Tennisfreund Björn Borg.