Ausstellung von Erwin Wurm: Verfettete Autos in Wolfsburg

Vor dem Wolfsburger Kunstmuseum steht ein alter VW-Bus. Der orangefarbene „Bulli“ stammt aus der legendären Baureihe T2 der 1970er-Jahre, nur ist er ein wenig aus der Form geraten, so als hätte er selbst ein wenig zu häufig zugelangt bei der Currywurst, die aus ihm heraus verkauft wird. Innen brutzelt das Fett – zumindest zur Mittagszeit –, außen hat es sich üppig um die Karosserie des Automobils gelegt.
Verantwortlich dafür ist Erwin Wurm. Der österreichische Künstler ist mit seinen adipösen Autos und seinen irrwitzigen Mitmach-Turnübungen, genannt One-Minute-Sculptures, international bekannt geworden. Für erstere verwendete er bislang mit Vorliebe Porsche Carreras, dicke Bonzenautos, denen er mit Fettwülsten die Schnittigkeit nahm. Den „Curry Bus“ hat Wurm extra für seine Einzelausstellung „Fichte“ angefertigt, und weil die in Wolfsburg ist, musste es natürlich ein Volkswagen sein. Sogar die Wurst stammt aus der betriebseigenen Produktion.
Ursprünglich hatte Wurm im Bus Frankfurter anbieten wollen, aber weil die in Deutschland ja Wiener heißen, fand er es dann doch nicht so passend, erzählt er. Im Grunde ist es der Nährstoff darin, der zählt, das Fett. „Daran interessiert mich, dass es deformiert, dass es Form verändert“, sagt Wurm. Als klassischer Bildhauer ginge es ihm darum, zu modellieren: Volumen hinzuzufügen und Volumen wegzunehmen, genau wie beim Zu- und Abnehmen.
Drinnen im Museum riecht es nicht nach Frittiertem, sondern nach Wald. Eben den entwurzelte Wurm und lässt ihn in die Mitte der enormen Museumshalle kopfüber von der Decke baumeln. Wie soll man dem pathosbeladenen deutschen Mythenwald auch sonst künstlerisch entgegentreten? Dass es sich bei den Bäumen um Nordmanntannen und nicht um Fichten handelt, wie es der Ausstellungstitel suggeriert, ist Teil von Wurms Spiel mit der Verfremdung.

Bis das Bekannte fremd erscheint

Überhaupt meint er mit „Fichte“ weniger das Nadelgewächs als vielmehr den Philosophen Johann Gottlieb Fichte, Freidenker, Religionskritiker, Verfechter des Individualismus, aber auch Verfasser der umstrittenen „Reden an die deutsche Nation“. Zwischen den Baumwipfeln hängen zwei zu Lampen umfunktionierte Plastikeimer. An der einen solle man laut Regieanweisung an Fichte denken, an der anderen an Tanner. Wer sich nun fragt, wer bei letzterem gemeint sei – man kann es sich aussuchen.
Um die Bäume herum sind in der Wolfsburger Schau 40 weitere, meist neuere Werke zu sehen. Sie zeigen die Vielschichtigkeit Wurms, der sich immer wieder an der Skulptur abarbeitet und dabei das Bekannte solange verwurstet, bis es uns fremd erscheint. Die Alltagsgegenstände, die Wurm in die Galerien und Museen verfrachtet, sind keine Readymades. Unter den Händen des Künstlers sind sie aus dem Leim gegangen – sie sind aufgebläht, zusammengequetscht und verzogen. Ihrer einstigen Zweckmäßigkeit völlig beraubt, haben sie sich in groteske Zerrbilder verwandelt. Oft werden Wurms Werke deshalb als komisch abgetan. Gerecht wird man ihnen damit nicht.
„Ich bin nicht jemand, der Witze erzählen will, das interessiert mich nicht“, sagt der Künstler. Wurms vermeintliche Lustigkeit ist eine Waffe, die sich hintergründig da hineinbohrt, wo es der Spießerseele weh tut. Eine Toilette, so schmal, dass noch nicht einmal ein Kind darauf passt; ein zusammengestauchtes Bett; ein zur Landschaft auseinander gezogener Strickpullover oder der mopsige VW-Bus – die Objekte leisten Widerstand, kehren Schönheitsideale um, verweigern sich dem System maximaler Verwertbarkeit.
Erwin Wurm testet aus, wie weit er gehen kann, auch wie weit er gehen will. Etwa bei seiner Skulptur „Anger Bump“ (2007), die einen Mann ohne Kopf mit Beule in der Hose zeigt. Ist das lustig, anstößig oder gar zutiefst beleidigend? Perspektive und kulturelle Prägung machen den Unterschied. Apropos kopflos – das sind Wurms Menschenskulpturen ohnehin oft. Und wenn sie es nicht sind, dann verstecken sie ihr Haupt gern im Pullover. Aus Scham? Das menschliche Dasein – so macht Wurm deutlich – ist jämmerlich. Jämmerlich, lächerlich und belanglos.

Selbstportrait aus 17 Gurken

Auch vor sich selbst macht Wurm mit dieser Einschätzung nicht halt: Sein Selbstporträt besteht aus 17 Gurken, Essiggurken und Salatgurken in Acryl gegossen. Warum Gurken? „Man wird langsam das, was man isst“, habe er gelesen, sagt Wurm. Und er habe in der Kindheit viele Gurken gegessen. Dass das grüne Gemüse auch ein groteskes Männlichkeitssymbol ist, spielt da ebenso mit hinein wie dessen knubbelige Unförmigkeit. Nimm dich nicht so ernst, scheint die Arbeit dem Besucher entgegenzuschreien, du betrachtest dich als Mittelpunkt der Welt und bist doch nichts im Vergleich zum Weltganzen.
Erlösen von dieser Tragik kann einen bei Wurm auch keine „Mutter“ (2014). Die kommt bei ihm als Wärmflasche mit Füßen daher. Die Skulptur ist eine Bronze – kopflos wieder einmal – und bleibt natürlich kalt. Es ist eine Illusion, Hoffnung gibt es nicht.
Unbehagen mischt sich in die Heiterkeit, je länger man in Erwin Wurms Formenwald umherstreift. Bevor dieses Unbehagen jedoch zu sehr Überhand nimmt, empfiehlt es sich, zwischendurch eine der beliebten Wurmschen One-Minute-Sculptures zu realisieren. Wenn man nach den Regieanweisungen des Künstlers für einen Moment zur Skulptur wird, sich unterm piefigen Kleiderschrank krümmt oder kniend den Kopf gegen die Wand presst, ist das Nachdenken über die Belanglosigkeit unserer Existenz dann doch einfach nur zum Lachen.

Kunstmuseum Wolfsburg, bis 13. September, Di–So 11–18 Uhr. Das Buch zur Schau erscheint Mitte April, 19 Euro.