Eigentlich sind GIF-Animationen eine vollkommen antiquierte Internet-Technologie. Die kleinen ruckeligen Animations-Loops waren Mitte der Neunzigerjahre die erste Methode, bewegte Bilder im World Wide Web zu zeigen. Obwohl sie im Zeitalter von Youtube eigentlich obsolet sind, haben sie in den letzten Jahren ein beeindruckendes Comeback erlebt. So gut wie jeder Netz-Nutzer hat schon die kurzen, immer wieder repetierten Clips gesehen, die zu einer Art digitaler Internet-Folklore geworden sind.

Die kanadische Künstlerin Lorna Mills entdeckte die GIF-Animationen 2005. Sie dienen ihr seither als Rohmaterial für makabre Collagen-Animationen, die direkt aus dem siebten Kreis der Internet-Hölle zu kommen scheinen. Die Künstlerin, die sich selbst als „obsessiven Workaholic“ bezeichnet, postet seither regelmäßig eigene Arbeiten in ihrem Blog. Im Rahmen der Transmediale sind ihre Werke im McLuhan Salon der kanadischen Botschaft zu sehen.

Sie arbeiten seit Anfang der Neunziger als Künstlerin, aber erst in den letzten Jahren haben Sie damit begonnen, das Internet als Medium zu nutzen. Wie hat das Arbeiten mit dem Netz ihre künstlerische Praxis verändert?

Manche meiner Freunde sagen: „Du nimmst jetzt an so vielen Ausstellungen teil, das ist ja toll!“ Naja, meine Web-Arbeiten sind leicht zu liefern. Da entstehen keine Transportkosten. (lacht) Kunst ist im Web so viel leichter verfügbar, anders als eine traditionelle Ausstellung in einer Galerie. Die ist da drei Wochen zu sehen, und dann schreibt hoffentlich jemand etwas darüber, was zwei Monate später erscheint. Ich war irgendwann deprimiert von der Vorstellung, dass ich so eine Künstlerkarriere habe, wo man alle anderthalb Jahre mal eine Einzelausstellung bekommt. Und das gilt wohl nicht nur für mich: Mein Social-Media-Feed ist voll mit Künstlern, die entweder Arbeiten veröffentlichen, die sich direkt auf das Umfeld der sozialen Medien beziehen, oder Links zu Web-Arbeiten posten. Das fasziniert mich, und ich klicke alle an!

Die sozialen Medien scheinen die Art und Weise, wie Kunst rezipiert und diskutiert wird, zu verändern. Der amerikanische Kritiker Brian Droitcour hat in einem Text über „Post Internet Art“, der vor Kurzem in „Art in America“ erschienen ist, kritisiert, dass manche Künstler nur noch Arbeiten zu schaffen scheinen, die sich gut auf Internet-Bildern machen. Wie sehen Ihre eigenen Erfahrungen als Künstlerin mit den sozialen Medien aus?

Ich bekomme viel Feedback über die sozialen Medien. Und jüngere Kuratoren suchen in den sozialen Medien nach Künstlern. Die lesen keine Kunstzeitschriften mehr, sondern treten direkt über Google+ und Facebook mit mir in Kontakt. Eine Sache, die mir an web-basierter Kunst im Allgemeinen gefällt, ist, wie international es ist. Und es ist nicht international auf die Art, dass es nur um die großen Metropolen geht: London, New York, Berlin und so weiter. Künstler können von überall her kommen und müssen nicht mehr umziehen, um zur Kenntnis genommen zu werden.

Ihre GIF-Arbeiten erinnern mich an die Werke des surrealistischen Bildhauers Hans Bellmer und an die Collagen, die Max Ernst aus Buchillustrationen aus dem 19. Jahrhundert schuf, weil auch bei ihnen aus eigentlich unspektakulärem Material verstörende Kombinationen entstanden. Sehen Sie Ihre Arbeit in dieser Tradition

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Wenn es eine Beziehung zur surrealistischen Collage gibt, dann in dem Sinn, dass es keine einfache Erklärung dafür gibt, wie die Objekte zusammengefügt sind.

Aber bei Ihren Collagen scheint das Unheimliche und Dunkle im Vordergrund zu stehen …

Naja, eigentlich habe ich ein sehr nettes Leben! (lacht) Ich habe einen Hund, und wir gehen im Park spazieren, und Leute plaudern mit uns. Aber es stimmt, es ist etwas Düsteres an meiner Arbeit. Ich habe meine Dämonen, so wie der andere Mensch auch, und manchmal lasse ich sie raus, damit sie nicht in meiner Seele stecken bleiben.

Das Gespräch führte Tilman Baumgärtel.

„Lorna Mills: Abrupt Diplomat“ bis zum 1. Februar im McLuhan-Salon der kanadischen Botschaft.