Wolfgang Tillmans hat, was viele Fotografen gern hätten, aber nur wenige haben: ein künstlerisches Ethos. In einem eingehenden Profil legte das Magazin New Yorker einst Tillmans selbst auferlegtes, quasi gebotsartiges Regelwerk auseinander: 1. Er verwendet nur handelsübliche Spiegelreflexkameras. 2. Er trägt immer eine kleine Kamera mit sich, um offen dafür zu sein, was er „Geschenk des Zufalls“ nennt. 3. Er retuschiert oder verändert seine Fotos nicht. 4. Er sucht nicht nach motivischen Beispielen bestimmter Phänomene. 5. Er glaubt daran, dass der fotografische Moment sich von alleine einstellt. 6. Er fotografiert keine Menschen, die nicht fotografiert werden wollen. 7. Fotos von Partys veröffentlicht er erst, wenn es die Partys nicht mehr gibt. 8. Er nimmt keine Porträtaufträge an. 9. Er fotografiert keine Werbung.

Wer von diesem Ethos weiß, blickt anders auf Tilmanns zwölfte Einzelausstellung in der Galerie Buchholz. Etwa auf das Bild einer Party („Resolute Rave“, 2015), auf dem hartgesottene Raver zu sehen sind, die versprengt zwischen Plastikbechern der Vornacht in einem sonnendurchfluteten Clubraum die Afterhour abschütteln – ein Bild, das vor einem Jahr als Allegorie auf Berlins ziellose Dekadenz hätte gelten können, heute eher schmachtende Nostalgie wachruft. Oder auf das über zwei Meter groß gedruckte Bild einer Porzellanente mit Kirchentagsschal („Ente, Kirchentagstuch“, 2020), das zwar wie ein merkwürdig-alltäglicher Schnappschuss wirkt, gleichzeitig aber wie ein ikonisch-absurdes Stück Zeitgeschichte und eine perfekte Komposition – irgendwo zwischen profanem Kitsch und sakraler Feierlichkeit.

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