Kaum eine Dynastie hat sich so lang auf dem Thron gehalten wie die Romanows. Von 1613 bis zur Februarrevolution 1917 regierten sie Russland ohne Unterbrechung, und stolz feierte man am Vorabend des Ersten Weltkriegs ihr 300. Jubiläum. Es gab Festzüge, Briefmarken und ein eigenes Fabergé-Ei, und vor dem Kreml wurde ein Obelisk mit dem Namen aller Monarchen errichtet.

In diesen Tagen hat Russland den 400. Jahrestag der Thronbesteigung gefeiert, und wie es das getan hat, das sagt viel über das Geschichtsgefühl seiner Elite aus. In der Manege am Kreml hat eine Ausstellung zu den Romanows geöffnet, vor der sich Tag für Tag eine riesige Menschenschlange gebildet – nicht kürzer als die, die einst vor Lenins Mausoleum stand.

Organisiert hat die Ausstellung ein prominenter Kirchenfunktionär: Archimandrit Tichon (mit weltlichem Namen Schewkunow) ist Vorsteher des Moskauer Sretenski-Klosters, Verfasser religiöser Bestseller − und Gerüchten zufolge der Beichtvater von Präsident Putin. Entsprechend religiös aufgeladen ist seine Geschichte der Romanows. Gleich zu Beginn dürfen die Besucher ein wundertätiges Bild der Gottesmutter aus Kostroma küssen, mit dem schon der erste Romanow Michail Fjodorowitsch gesegnet wurde. Solcherart gereinigt, treten sie ein die Geschichte.

Die Ausstellung ist fast frei von Exponaten. Sie setzt auf interaktive Bildschirme, Filme und die Dauerberieselung mit Glinka, Mussorgski und Kirchenchören. Jeder Abschnitt zeigt die Wohltaten, die jeweils ein Zar seinem Land erwiesen hat: Stolz wird vermerkt, wie viele Quadratkilometer er dem Reich hinzufügte, während Tafeln in warnendem Rot verkünden, wer in Widerspruch zu ihm stand und so das Wohl Russlands gefährdete. Besucher, die noch durch die sowjetische Schule gegangen sind, trauen ihren Augen nicht. Da sind nun auch die Dekabristen – adlige Aufständische, die 1825 eine Verfassung erzwingen wollten – plötzlich in die rote Farbe der Bösewichte getaucht. Sie waren, wie der Text nahelegt, vom Westen fremdgesteuert, korrupt und mit Juden im Bunde. Ihre Ziele: Aufteilung Russlands und Liquidierung der Zarenfamilie.

Dass eine Ausstellung mit staatlicher Unterstützung – des Kulturministeriums und der Moskauer Regierung – so parteiisch auftritt, schockiert. Man muss den sowjetischen Mythos von den Dekabristen als Vorläufern der Oktoberrevolution ja nicht fortschreiben. Aber warum wird er nun ersetzt durch den Mythos einer Jahrhunderte währenden Verschwörung der Freimaurer? Und warum wird Puschkin, der mit den Dekabristen befreundet war, nun zum Barden des Autoritarismus umfunktioniert? Aus seinem Werk hat man ein einziges Zitat herausgerissen, um seine Nähe zu Nikolaus I zu belegen. Sogar die parlamentarische Opposition der späten Zarenzeit wird in schlechtes Licht gerückt.

Gerade die freche Umdeutung aber gefällt dem Kulturminister. Wladimir Medinski ist selbst ein Amateurhistoriker, der in plumpen Bestsellern die russische Geschichte von angeblichen westlichen Verleumdungen reinwäscht. Nikolaus I hat er „einen großen Demokraten“ genannt, der im übrigen – weil sympathisch, sportlich, frei von Boshaftigkeit – Putin durchaus ähnlich sei. Am Sonntag lobte Medinski auf einer Tagung den „politischen Nutzen“ der Ausstellung. Man solle sie „jenen Politikern zeigen, die dauernd zu Kundgebungen aufrufen.“

Die Wände der Ausstellung sind derweil mit Zitaten großer Denker gepflastert, die die Monarchie, eine starke Hand oder Russland insgesamt verherrlichen. Eins davon (dem deutschen Philosophen „Friedrich Hegel“ zugeschrieben) ist offenbar erfunden und wurde von einer obskuren nationalistischen Internetseite kopiert. Aber die Ausstellung ist ja auch nicht von Historikern gemacht, sondern, wie Vater Tichon erklärte, von Brüdern seines Klosters. Die Zitatreihe kulminiert im letzten Saal mit Putins Worten: „Zu oft begegnen wir in der Nationalgeschichte einer Opposition nicht gegen die Mächtigen, sondern gegen Russland selbst. Und wir wissen, womit das jeweils endete: mit dem Untergang des Staates als solchem.“

Stabilität ist gut, also kann Opposition nur böse sein − das ist die einzige ideologische Klammer des Putin-Staates. Und dieses Denken wird in die Vergangenheit zurückprojiziert: Die Oppositionellen von heute, das sind die Freimaurer und Zarenmörder von einst.

So wird die Geschichte zurechtgebogen, und wo es nötig wird, da wird die Vergangenheit auch einfach ausgelöscht, trotz aller Bekenntnisse zum historischen Erbe. Davon kann sich jeder überzeugen, der die Ausstellung in der Manege verlässt und zur Kremlmauer spaziert. Dort stand bis zu diesem Sommer der Obelisk, der zur 300-Jahr-Feier der Romanows entworfen und 1914 eingeweiht worden war. Die Bolschewiki hatten die Namen der Monarchen darauf allerdings bald ausgemeißelt und durch ihre eigenen Ahnen ersetzt, von Thomas Morus über Marx bis zu Plechanow. So stand der Obelisk 95 Jahre im Alexandergarten am Kreml, ein einzigartiges Denkmal gleich zweier Epochen. Diesen Sommer wurde er zu Renovierungsarbeiten entfernt. Als er nun enthüllt wurde, da waren die Inschriften der Sowjetzeit verschwunden. Man hatte abermals zum Meißel gegriffen. Dafür standen wieder die Inschriften der Zarenzeit auf dem Stein, wenn auch in der falschen Schriftform und mit orthografischen Fehlern. Denkmalschützer waren empört. Hätte man nicht wenigstens einen zweiten Obelisken anfertigen können, anstatt das einzige Original zu zerstören? Und warum geschah alles klammheimlich und unter dem Vorwand, den wackeligen Obelisken zu stabilisieren?

In Wahrheit galten die Arbeiten der Stabilisierung eines Geschichtsbildes. Vater Tichon übrigens will in seinem kleinen Sretenski-Kloster sechs historische Gebäude abreißen lassen. Sie sollen einem riesigen Neubau weichen, einer Kirche für alle Opfer der Sowjetzeit. Es ist ein barbarischer Plan, aber mit guten Aussichten auf Erfolg.