Wie war das noch mal mit dem uralten geflügelten Wort: „Zur rechten Zeit am rechten Ort ...“? Im Berliner Stadtmuseum weht spürbar und sichtbar ein frischer Wind, bläst allen Staub hinaus. Die Häuser sind alt, aber die Leitung ist neu. Seit der Niederländer Paul Spies Chef der Stiftung ist, scheint sogar durch die neogotischen Fenster des Märkischen Museums mehr Licht zu strahlen und selbst der grimmige Roland rechts vom Eingang gute Laune zu haben, so, wie die Mitarbeiter. Aufbruchgeist steckt an.

Die große Halle, einem Kirchenschiff nicht unähnlich, war bislang immer nur fast leerer Durchgangsort für die Besucher der Ausstellungen. Nun aber hängen an der hohen, gekalkten Wand, dicht neben dem holzgeschnitzten gotischen „Sakramenthaus“ anno 1516 drei große, farbleuchtende Gemälde des Malers Wolfgang Leber: Moderne grüßt Mittelalter. Und auf dem Weg, die Treppen hoch zu den Sonderausstellungsräumen, zum Rundgang um den sogenannten Kleinen Hof, kommt man vorbei an Glasvitrinen mit bemaltem Ton des Berliners: Vasen, Teller, Objekte, vor Jahren gebrannt und bemalt in der legendären Prenzlauer Berg-Keramik-Werkstatt von Wilfriede Maaß.

Das Matisse-Gefühl

Wolfgang Leber, dem hier eine fulminante Schau zum 80. Geburtstag ausgerichtet wird, benutzt also schon seit Jahrzehnten nicht bloß Leinwände, um zu malen. Ebenso lieb sind ihm schon immer auch Keramikflächen, Pappe, Holz. Und so arrangierte Kurator Albrecht Henkys die gut 100 Gemälde, Grafiken und plastischen Objekte, bis hin zu den markanten Sandsteinschnitten des Berliner Künstlers nicht rein chronologisch, sondern eher thematisch korrespondierend.

Wie ein Leitfaden durchzieht alle Bildwelten Lebers seit 50 Jahren eines: die Großstadt und deren Grundrauschen bei Tag, bei Nacht, zu jeder Jahreszeit, 40 Jahre lang geteilt, seit 26 Jahren wiedervereint. Lebers Stilistik, die schon von Jugend an − und damals gegen alle sozialistisch-realistischen Dogmen − stark an die französische Moderne angelehnt war und die einem mit diesem flaneurhaften Impetus fast ein gewisses Matisse-Gefühl gibt, ist eine Komposition von ruhiger, leichter, weltabgewandter Harmonie. Und da sind unübersehbar auch Bezüge zu Picasso, zu dessen kubistisch zerlegten Räumen und Frauengestalten. Oder zur herben, ganz aus der Farbe gestaltenden Bildordnung Cézannes, den rätselhaften Gestaltzeichen Schlemmers, den Mythen Klees oder der italienischen Maler des magischen Realismus – von de Chirico bis Morandi.

Gegenständliches ist meist nur noch zu erahnen in diesen modellierten Farbräumen aus Rot, Gelb, Schwarz, Grün, Braun, Ocker und Blau. Nicht Dynamik, sondern ausgeglichener Wohlklang zur Bildmitte hin betonen die Eigenart dieser schweigsamen, fast informellen Malerei. Und doch wirken die Gestalten und Dinge wie eingespannt in Räume, irgendwie ausgesetzt allen Freiheiten wie Ungewissheiten.

Seit langem strebt dieser eigensinnige Vertreter der allem Ideologischen abgeneigten Berliner Schule – unbeirrt von den politischen Verhältnissen – zu einer spröden Bildpoesie, die das Verhältnis von Innen und Außen auslotet. Wolfgang Leber begann früh, seine Arbeit an den Experimenten und den bis heute gültigen Maßstäben der Moderne zu messen. Mittlerweile stilisiert er mehr denn je einzelne Figuren oder Paare bis zur Chiffre.

Doch nie sind es seelenlose Staffagen, dazu wirken Gestalten, wie die „Rote Figur“ viel zu eigenwillig in ihrer kostbaren, leuchtenden Farbigkeit inmitten der anonymen Umgebung. Nie geht es um vordergründige Aufklärung, eher um Zustände. Ohne Zivilisationskritik, aber mit Gespür für Leere, für Einsamkeit. Den grazilen Silhouetten der Passanten auf seinen Bildern also gibt Leber, der in den Fünfzigern an der Kunsthochschule Charlottenburg, heute UdK, studierte, später an der Kunsthochschule Weißensee lehrte, immer etwas Unausgesprochenes, Abwartendes.

Multiperspektiven und Brüche

Enge und weite Raumsituationen haben gleichsam etwas Multiperspektivisches. Aber da sind zugleich Brüche, verschobene Achsen, Überschneidungen und Lichtreflexe. Allesamt deutbar als verknappte Zeichen großstädtischer Existenz: Mensch, Stadtlandschaft, Architektur, Interieur, wie eine Verflechtung von Organischem und Tektonischem, das dem kubistischen Formvokabular nahesteht. Und immer ist da auf der mit Öl- und Acrylfarben bedeckten Leinwand, auf dem Karton der Holzschnitte, den Preußischblau unterlegten Radierungen, auf den Ton-und Steinflächen diese rätselhafte, verspielte Allianz von Emotion und Ratio. Nirgends auf den Bildern finden sich Berliner Monumente oder pathetische Wahrzeichen. Lebers Häusern von Pankow bis Mitte sieht man das Morbide – oder die Luxussanierung seit 1990 – nicht an. Haus, Mensch, Stadtlandschaft, Baustelle sind Gleichnisse für etwas, das, weil unscheinbar, vergessen werden könnte. Das er so bewahrt.

All das wirkt leicht, konstruktiv, espritgeladen. Keine der Figuren im Raum, agierend in diesen Farbflächen und vertikalen wie horizontalen Pinselstrichen oder Liniengefügen, wirkt aufgeladen etwa von den Turbulenzen der globalisierten Großstadt oder von deren schwerlastender Historie. Eher eignet den in Farb-Labyrinthe hineingespannten Gestalten etwas Fremdes, Traumwandlerisches. Für Wolfgang Leber ist der Bildraum keine „Dimension von etwas, sondern Impuls für etwas“. Anwesenheit und Abwesenheit verschränken sich, Sichtbares und Unsichtbares.