Stillleben mit Tonkrug, Pfingstrosen und Apfelsinen, Mai/Juni 1906.
Foto: Paula Modersohn-Beckers/ KH Werner

BerlinEigentlich ist es ein Monument: Der Tonkrug mit den drei zartrosa Blüten steht wie ein riesiger Fels im Bild, so erdverhaftet wie die erdigen Früchte davor. Paula Modersohn-Becker hat das Stillleben nicht arrangiert wie auf einem Tisch, eher sehr merkwürdig wie auf einem braunen Feldweg mitten in einem Weizenfeld und vor blauem Himmel.

Das ein wenig dunklere Miniatur-Pendant des Kruges mit nunmehr fünf Pfingstrosen dahinter steht als korrespondierendes – aber auch irritierendes – Element mitten in dem   durch breite Pinselstriche bewegten Flecken Natur. Das Motiv „Stillleben mit Tonkrug, Pfingstrosen und Apfelsinen“ entstand 1906, im Frühsommer. Die ländliche Idylle Worpsweder lässt grüßen. Aber mit Merkmalen eines expressiven Ausdrucks.

Dingwelt, still und doch prall von Leben

Diese von der Malerin geordnete Dingwelt, still und doch prall von Leben, klar im Aufbau und von gedämpfter Farbkraft, ist deutlich lesbar als eine Referenz an van Gogh und Cézanne. Die beiden hatten Ende des 19. Jahrhunderts die wichtigsten Beiträge zur Gattung der Stillleben  geleistet.

Und die junge deutsche Malerin, lebend in der damals berühmten Jugendstil-Künstlerkolonie Worpswede im Kreis um Otto Modersohn, Heinrich Vogeler, Clara Westhoff und dem Dichter Rilke hatte bei ihren Paris-Aufenthalten die Botschaft der Pariser Maler aufgenommen: Nämlich, dass die Dinge ihr Eigenleben haben und dass die Natur und deren von den Menschen genutzte Früchte Ehrfurcht, Dankbarkeit und Achtsamkeit verdienen.

In aller Kargheit und Strenge feierte auch die gebürtige Dresdnerin Paula Modersohn-Becker das Ländlich-Einfache, Schöne. Sie gab ihrem Motiv, wie auch dem schon drei Jahre zuvor gemalten „Sitzenden Mädchen, den Kopf auf die rechte Hand gestützt“, dunkle, wie von innen kommende Leuchtkraft.

Das Stille, Gedämpfte, das Erdhafte der Farbgebung ist ebenso offensichtlich wie deren spirituelle Eindringlichkeit. Sie verleiht dem Wesentlichen Nachdruck. Der Einklang von Mensch und Natur ist der Nährboden, aus dem diese Malerei ihre Kräfte bezog. Die Figurenwelt bleibt der nächsten Umwelt verhaftet: grobe Bäuerinnen, Kinder in derber Kleidung, öfter auch Paulas eigenes Abbild, das sie immer wieder neu zu ergründen versuchte. Es ist dieser persönliche, oft mit einer feinen Nuance Schwermut belegte Klang, der diese Ausstellung in der Berliner Galerie des Kunsthandels Werner zu solch einem starken Erlebnis macht.

Sitzendes Mädchen, um 1903.
Foto: Paula Modersohn-Beckers/ KH Werner

Die alle Sinne packende Zusammenstellung der Gemälde, großer Zeichnungen und auch Kompositionsstudien hat einen historischen Hintergrund. Vor genau 100 Jahren hatte der Begründer des Kunsthandelsunternehmers Werner mit Galerien in Bremen und Berlin am Kurfürstendamm eine Gedächtnisausstellung für die junge, nach der Geburt ihres ersten Kindes verstorbene Malerin ausgerichtet.

Malerin hinterließ 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen

Kunsthandelsgründer J. B. Neumann stellte damals Paulas Hauptwerke aus und führte damit auch vor, wie eine Frau, die zu ihrer Zeit noch keinen offiziellen Zugang zu einer staatlichen Kunstakademie hatte – das war erst 1919 durch ein Gesetz der Weimarer Republik möglich – dennoch ihren Weg ging und sich ihren Malerkollegen als ebenbürtig erwies.

Die Ausstellung belegte damals zudem, welchen Verlust die deutsche Moderne mit dem frühen Tod der Malerin erlitten hatte. Und erstmals überhaupt nahmen aufgrund dieser Schau 1919 große Teile des Kunstbetriebes in den Metropolen Notiz vom Werk der Künstlerin und erkannten deren Eigenheit, die Schönheit der erdigen Motive. Modersohn-Becker hinterließ 750 Gemälde und 1000 Zeichnungen.

Bei vier Paris-Aufenthalten, ertrotzt von ihrem strengen und der französischen Moderne gegenüber skeptischen Ehemann Otto Modersohn, hatte sie die Bilder der naturnahen, wilden Maler der „Nabis“ um Maurice Denis erlebt. Sie sah van Goghs, Gauguins und Cézannes Motive. Zusehends wurde ihr Stil freier, heftiger, moderner.

Und doch herrscht in den beiden hier abgebildeten Arbeiten eine tiefe, geerdete Ruhe. Es sind Worpsweder Balladen, unromantisch schön und herb. Versehen mit einer Prise Pariser Ungehorsam und der tiefen Sehnsucht nach einer neuen Naturnähe und hin zur Expression und Reduktion.

Die Künstlerin: Paula Modersohn-Becker, geboren 1876 in Dresden, gestorben am Kindbettfieber 1907 in der Künstlerkolonie Worpswede bei Bremen, war eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus und der  deutschen Moderne. In den knapp 14 Jahren, in denen sie künstlerisch tätig war, schuf sie 750 Gemälde, etwa 1000 Zeichnungen und 13 Radierungen.

Die Ausstellung: Die Galerie des Kunsthandels Wolfgang Werner zeigt eine erlesene Auswahl der Stillleben, Porträts, Zeichnungen und Kompositionsstudien der Malerin. Fasanenstr. 72. Bis 22. Februar, Di–Fr 10–18/Sa 11–15 Uhr. Tel.: 882 7616

Info: www.kunsthandel-werner.de