Die Sängerin Veronika Fischer wurde von der DDR um 2,25 Millionen Mark betrogen. Das schreibt sie in ihrer Autobiografie. 2,25 Millionen – eine irre Summe in einem Land, in dem das durchschnittliche Einkommen bei 800 Mark monatlich lag. In dem Klinikchefs, Piloten, Professoren vielleicht das Fünffache bekamen, eine Pop-Sängerin für sich aber ein Vieltausendfaches reklamiert, bis heute.

Veronika Fischer hat die Titel nicht geschrieben, nur gesungen, aber genau nachgerechnet. Die Schallplatten wurden nach ihren Angaben anderthalb Millionen Mal verkauft. Davon hätten ihr 1,50 Mark pro Platte zugestanden, schreibt sie. 2,25 Millionen, nicht lächerliche 6.000 Mark für ein Album, die sie tatsächlich bekam für die gesangliche Leistung. Tantiemen flossen in der DDR nur an Autoren, nicht an Interpreten.

Das ist ein aufschlussreicher Passus in dem Erinnerungsbuch von Veronika Fischer: Genau so ist das Selbstbild der Sängerin, einer der bekanntesten und beliebtesten des Landes, so sieht sie ihren Stellenwert in der Gesellschaft. Der hatte nichts mit der DDR-Realität zu tun. Das wiederum wundert nicht, denn gerade erfolgreiche Rock- und Pop-Musiker lebten schon damals kein DDR-Leben, auch kein West-Leben, sondern irgendetwas dazwischen. Die seit den Siebzigerjahren entstandenen Bands waren selbstständige Unternehmen, machten stattliche Umsätze, hatten durchaus Risiken – sie waren etwas sehr Besonderes in dem durchorganisierten Land, das fast nur feste Angestellte hatte.

Gemessen an der Enge und dem Kontrollzwang des Staates genossen die Künstler eine fantastische Freiheit. Abhängig waren sie allein vom Publikums-Interesse, angewiesen wiederum auf die Gnade von Kulturfunktionären, der Fernseh- und Plattenmonopolisten. Das meiste Geld wurde damals mit Live-Auftritten verdient, wie heute zunehmend auch wieder.

Karrieren enden Anfang der Achtziger

Aus diesem Leben von den Anfängen erzählen gleich drei Erinnerungsbücher von Sängerinnen aus der DDR, die in den letzten Monaten kurz nacheinander erschienen. Ute Freudenberg, 57, Veronika Fischer, 61, und Angelika Mann, 63, sind in einem ähnlichen Alter, alle hochklassig musikalisch ausgebildet, jede bekannt für eine tragende, prägnante Stimme.

In den 1970er-Jahren gehen alle drei an der Seite starker Autoren auf die Bühne und legen erstaunliche Karrieren hin, die Anfang der Achtziger abrupt enden. Denn da halten sie es nicht mehr aus in der DDR und gehen kurz nacheinander in den Westen. Alle waren im Osten berühmt und sind es im Westen nie geworden. Alle erleben ihre Ankunft dort hart, kühl, dramatisch. Doch alle machen bis heute Musik, mal mehr, mal weniger erfolgreich, auch mit neuen Titeln, beliebt aber allem mit den alten Hits aus dem Osten.

Obwohl die biografischen Fakten der drei Sängerinnen von geradezu absurder Ähnlichkeit sind, könnten die Rückblicke nicht unterschiedlicher ausfallen. Insbesondere ihre Sicht auf den existenziellen Bruch in ihrer Lebensmitte, in der die erfolgreichen, selbstständigen, beliebten Sängerinnen dem Land den Rücken kehrten, wirkt im Grunde gegensätzlich.

Angelika Mann ist knapp und selbstironisch ein unterhaltsames, stimmiges, hoch sympathisches Buch über sich selbst gelungen, mit ziemlich unverstelltem Blick. Sie erzählt von ihrem Frust, dass sie nach den strahlenden Anfängen an der Seite von Nina Hagen, Uschi Brüning, Klaus Lenz, Reinhard Lakomy mit ihrer eigenen Band irgendwann nicht mehr vorankam. Dass sie es leid war, den Instrumenten und Anlagen hinterherzujagen, die junge Bands für teures Geld aus dem Westen schmuggeln lassen mussten. Dann hatte sie auch noch ihr Bandleader verlassen, Abschiedsstimmung lag in der Luft, weil immer mehr Musiker im Westen blieben. Und sie spürte Desinteresse von Funktionären wie Gisela Steineckert.

Die Arzt-Tochter Angelika Mann wird streng katholisch erzogen, spielt als Kind schon Klavier, lässt sich von keiner DDR-Organisation vereinnahmen und lebt ihre Musik zunächst neben ihrer Arbeit als Apothekenhelferin aus, bis die Leidenschaft obsiegt. Ihr Bruder wird aus politischen Gründen inhaftiert und abgeschoben. Ihre Mutter wechselt in den Westen. Angelika Mann unterzeichnet 1976 den Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung und zieht ihn auch nach dringender Intervention von Funktionären nicht zurück. Doch gibt sie nie oppositionelle Gründe für ihren Weggang an, sondern ehrlich die allgemeine Unzufriedenheit.

Von der Stasi verfolgt

Ute Freudenberg dagegen erzählt, dass sie eines Tages von der Stasi verfolgt wird und zwar grundlos. Die Thüringerin hat es mit der Gruppe Elefant und ihrem Schlager „Jugendliebe“ zu enormer Popularität und Medienpräsenz gebracht, trennt sich aber eines Tages von ihrem Manager und Autor Burkhard Lasch. Wenn man es aus den gefühlig-verschnörkelt aufgeschriebenen Erinnerungen richtig herausliest, wirft sie dem Bandchef Gier vor, dann Rache.

Vom Moment der Trennung an sei sie kaltgestellt gewesen – kaum noch Konzerte, kein Fernsehen mehr, nur noch Überwachung. 1984 bleibt sie nach einem TV-Auftritt im Westen. Perfide schickt ihr die DDR noch ihren Vater hinterher, der Buchenwald-Überlebende und alte Kommunist soll seine Tochter umstimmen – vergeblich. Ute Freudenberg bleibt in Düsseldorf. Sie leidet, aber sie kämpft. Entschlossen singt sie zunächst auf Galas, dann auf Kreuzfahrtschiffen, nimmt irgendwann wieder Platten auf und kehrt in den 1990ern nach Weimar zurück, zupackend, stolz, sehr mit sich im Reinen, wie sie vermittelt.

Auch Angelika Mann findet nach mancher Durststrecke zu ihrer Bestimmung, nicht nur als Sängerin, sie übernimmt Rollen auf kleinen und großen Unterhaltungsbühnen, glänzt im komischen Fach. Leidenschaftlich gewinnt sie jeder Aufgabe etwas ab, klagt nie, betrachtet ihre Talente dankbar als Geschenke und bewahrt sich einen fröhlichen, sonnigen Blick auf das Leben.

Der war Veronika Fischer nie gegeben. Sie resümiert, dass sie „kein schönes Leben“ hatte und nennt ihr Buch „Das Lügenlied vom Glück“. Lügen? Kein schönes Leben? Wo sie sich doch selbst als „erfolgreichste DDR-Sängerin“ klassifiziert? Wer vergällte ihr das Leben, dass sie dafür ihr Publikum verlässt, das ihr angeblich so wichtig ist? Veronika Fischer hat in kurzer Zeit jedes Privileg erobert, bei dem die DDR behilflich sein konnte: Geld und Devisen, Ruhm und Pass, Auftritte und Festivals, hüben und drüben.

Sie muss nie wie Kollegen mit Zensoren um Texte kämpfen. Sie wird SED-Kandidatin. Gegen die Biermann-Ausbürgerung unterschreibt sie bewusst nicht. In dieser Branche ist das hohe Anpassung. Nur kein Missverständnis: Dafür soll sich niemand rechtfertigen – wer von uns ist schon mutig und widerständig? Eben. Heikel wird es erst, wenn sich plötzlich die Profiteure zu Aufrechten stilisieren. Zu den Geradlinigen, die das Land verlassen mussten, weil sie „sich nicht verbiegen lassen wollten“.

Fischer sieht sich in der Opferrolle

Veronika Fischer sieht sich stetig in der Opferrolle, von Feinden umzingelt. Die DDR mit ihren „ideologischen Vorgaben“. Auch die Marktwirtschaft, die Musik als Konsumartikel betrachtet, die ignoranten Plattenchefs, die „geschichtsvergessen“ den Osten ignorierten und sie im Schlagerfach verorten – überall Hindernisse auf der Suche nach „anspruchsvoller Musik“.

Und das alles auf endlosen hölzernen 368 Seiten, ergänzt noch von gelegentlichen Anmerkungen des Liedermachers Manfred Maurenbrecher, der etwa Wahrheiten über ihren treulosen Ehemann erzählt. Er war tatsächlich ein Manager und Geschäftemacher mit schlechtem Ruf.

Fischers Ost-West-Umzug aber hat einen profanen Anlass: Der Komponist Franz Bartzsch, der für sie die berühmten Titel „Schneeflocke“ und „Auf der Wiese“ schrieb, die sie mit ihrer biegsamen, kühlen Stimme veredelte, ist im Westen geblieben. Das konnte das Abspielen ihrer Titel im Osten gefährden. Veronika Fischer nimmt das sehr übel. Dann geht sie hinterher.

Es dürften weniger politische oder ideologische Zwänge gewesen sein, die Pop-Musiker in den Achtzigern in so großer Zahl aus der DDR trieben, ausgerechnet die mit den größten Freiheiten. Aber die wussten eben, wie es sich anfühlt, mit Pass zu reisen. Und dass der bei Unbotmäßigkeit wieder eingezogen werden kann. Dazu die Mangelgesellschaft und diese latente Unzufriedenheit in einem frustrierten Land. Heute kann keiner mehr abhauen, aber damals gab es Alternativen im Land gleich nebenan.

Da ließ sich ausprobieren, ob vielleicht noch ganz anders die Post abgehen kann, ohne Ballast, ohne Zwänge. Aber natürlich funktioniert die Karriere im Westen anders. Die braucht nicht nur eine gute Stimme, die braucht Glück, Zeitgeist, Jugend, Beziehungen und ist dann immer noch völlig unberechenbar.