„Das Schreiben darf keine Katharsis sein“: Violaine Huisman in Berlin.
Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDas milchige Berliner Winterlicht fällt Violaine Huisman sofort auf. Es ist ein sonniger Freitagnachmittag am Rosenthaler Platz, sie blinzelt in die Sonne, bemerkt die Schatten, die die Straßenlampen an die Wand gegenüber werfen. Sie ist etwas müde, am Tag zuvor ist sie aus New York angereist, wo sie seit mehr als zwanzig Jahren lebt.

Vergangenes Jahr erschien Huismans Debütroman „Die Entflohene“ auf Deutsch. Es war das erste Buch der bis dahin als Übersetzerin und Kuratorin arbeitenden Französin, in Frankreich hat es mehrere Literaturpreise gewonnen. Das Buch zeichnet ein sowohl zärtliches als auch erschütterndes Porträt einer exzentrischen, exzessiv liebenden Mutter, die Kette rauchte, Alkoholprobleme hatte und an einer bipolaren Erkrankung litt. Aus eher armen Verhältnissen kommend, findet sie sich in der Pariser Bourgeoisie wieder, erträgt die Affären ihres Ehemannes, dann nicht mehr, wird mehrmals geschieden. Mal schlägt sie ihre Töchter, ein paar Minuten später werden sie wieder mit Küssen überhäuft. Eine Naturgewalt. All das ist auch Violaine Huismans eigene Geschichte, daraus, dass der Roman autobiografisch grundiert ist, macht sie kein Geheimnis.

Was ist Autofiktion?

Das Genre der Autofiktion, dem man Huismans Roman zuordnen kann, findet seit einigen Jahren mit Autoren wie Rachel Cusk, Karl Ove Knausgård, Sheila Heti, Ben Lerner und Annie Ernaux große Beachtung. Das eigene Leben dient diesen Autoren als Vorlage, als Schablone, deren Ränder aber übermalt werden, sodass die Zeichnung sich verwandelt, in etwas, das über das gelebte Dasein hinausgeht.

Der Begriff „Autofiktion“ wurde im Jahr 1977 vom französischen Literaturkritiker und Schriftsteller Serge Doubrovsky im Hinblick auf sein eigenes Werk „Fils“ geprägt. Die genaue Definition dieser Form der fiktionalisierten Autobiografie bleibt aber – vor allem im Gegensatz zum autobiografischen Roman – etwas unklar. Der Essayist Philippe Vilain zum Beispiel sieht den entscheidenden Unterschied zwischen autobiografischem Roman und Autofiktion in einem Stilmittel: Der Erzähler, der Teile des Buches in der ersten Person wiedergibt, und der Autor müssen den gleichen Namen tragen. Das ist eigentlich eine Kleinigkeit. Andere meinen, dass das Thematisieren des eigenen Schaffens die Autofiktion definiert, wiederum andere finden es bezeichnend, dass heute mehr Frauen als Männer in diesem Genre schreiben. Ist Autofiktion einfach nur ein neuer Marketing-Begriff für den autobiografischen Roman, den es seit dem 19. Jahrhundert gibt, damals mit Vertretern wie Charles Dickens, Louisa May Alcott und Leo Tolstoi?

Das Chaos des Lebens in eine literarische Form bringen

Für Violaine Huisman unterscheidet sich die Autofiktion vom autobiografischen Roman, da sie weniger eine Ansammlung von Erinnerungen als ein Versuch ist, „das Leben, das an sich keinem Narrativ folgt, das chaotisch ist, in eine literarische Form zu bringen“. Violaine Huisman, die dunklen Haare zum Dutt gebunden, spricht langsam, nach Worten suchend, sie abwägend. Ihr Roman „Die Entflohene“ besteht aus drei Teilen, der erste ist aus der Perspektive einer Tochter-Erzählerin namens Violaine und ihrer Schwester erzählt, im zweiten wird das Leben der Mutterfigur Catherine nachgezeichnet, bevor sie Kinder hatte. Der letzte Teil erforscht die bodenlose Traurigkeit, die die Erzählerin erfasst, als die Mutter mit Anfang 60 schließlich beschließt, aus dem Leben zu treten. Auch das passierte Violaine Huisman genau so, mehr als zehn Jahre ist es her.

Wenn man mit Violaine Huisman spricht, vermengt man sie und die Erzählerin unwillkürlich, ebenso wie ihre Mutter und die Mutterfigur aus dem Buch. Wie nah das fiktive Ich an der Autorin ist, zeigt auch die Entwicklungsgeschichte des Buchs. Mehrere Jahre nach dem Tod ihrer Mutter heiratete Huismans Schwester. Violaine wusste, dass es an ihr war, bei der Feier eine Rede zu halten – beim Versuch, Worte und einen Ton zu finden, um die gemeinsame Kindheit und das Verhältnis zur Mutter zu beschreiben, verfestigte sich die Idee für das Buch. „Nach der Rede habe ich sofort angefangen zu schreiben, mit einer klaren Vision der Romanstruktur“, sagt sie.

Was an ihrem Buch besonders ins Auge fällt, ist, dass man darin keine Spur von Bitterkeit findet. Im Gegenteil: Ihre schonungslose Erzählung ist stellenweise sogar humorvoll. Ist die Arbeit am Selbsterlebten auch eine therapeutische? Nicht für Huisman. „Das Schreiben durfte für mich keine Katharsis sein. Es musste genug Distanz da sein, um nicht in den eigenen Emotionen zu ertrinken – das Bewusstsein für den Ton war mir sehr wichtig.“ Die Psychoanalyse ging dem Schreiben des Buches voran, Huisman sagt von sich, sie habe schon vor dem Schreiben mit ihrer Mutter Frieden geschlossen. Eine räumliche Distanz zu ihrer Familiengeschichte schuf sie bereits, als sie mit 19 Jahren nach New York zog, ein Schritt, den sie im Nachhinein auch als eine Art Flucht begreift.   

Maman und meine Schwester hatten sich mordsmäßig lieb. Sie hätten sich gegenseitig umgebracht, um das zu beweisen.

Violaine Huisman in "Die Entflohene"

In „Die Entflohene“ schreibt sie: „Die Wahrheit eines Lebens ist immer nur Phantasie, je nachdem, wie man sie entwirft.“ Was meint sie damit? „Die Fiktionalisierung befähigt einen dazu, eine Geschichte zu schreiben, ohne dass es die einzig richtige und wahre sein muss. Wer weiß schon, was die eine Wahrheit ist?“ Wenn man jemandem eine Geschichte aus dem eigenen Leben erzähle, sei das immer im Nachhinein, zum Zeitpunkt einer bestimmten psychologischen Verfassung, ans Publikum angepasst, und um die Wirkung wissend, die man erreichen will. So würde es zu einer „erzählten“ Geschichte.

Interessant ist trotzdem, wie angetan Publikum und Kritik gerade jetzt von dieser Mischung aus Realem und Fiktivem sind. Diese Literatur dockt offenbar an den Zeitgeist an. Einerseits leben wir in einer Gesellschaft, die das Ich und seine Geschichte immer mehr in den Mittelpunkt stellt. Wir haben eine Online-Parallelwelt samt Instagram und Selfies geschaffen, die den Teil in uns aktiviert, der sich gerne zeigt – aber auch jenen, der sich gerne mit anderen identifiziert. Wir betreiben und lieben Persönlichkeitskult, vielleicht mehr als je zuvor. Hinzu kommt ein Realitätsbegriff, der sich angesichts von alternativen Fakten und Fake News immer schwammiger anfühlt, obwohl er es objektiv nicht ist. Die Wahrheit scheint einem im 21. Jahrhundert durch die Hände zu gleiten, genau dann, wenn man glaubt, man habe sie erfasst. Wie lässt sie sich (be-)schreiben? In all das fügt sich das Genre nahtlos ein. Letztlich spricht diese Art der Literatur auch einen gewissen Voyeurismus an, das  für die Literatur eigentlich unwichtige Gedankenspiel: Hat diese – sexuell, sozial oder emotional – explizite Szene nun tatsächlich so stattgefunden oder ist sie erfunden?

Später am Tag sitzt Violaine Huisman an einem Tisch im Literaturhaus in Charlottenburg, der ausverkaufte Abend ist überschrieben mit „Autofiktion heute“. Neben ihr sitzt die Autorin Jackie Thomae, die ebenfalls Elemente ihrer Lebenswirklichkeit in ihren Roman „Brüder“ über zwei afrodeutsche Männer eingebaut hat. Doch, so wird hier gegen Ende der Diskussion klar, wäre es ein Fehler, Autofiktion als reines Ich-Projekt zu begreifen. Letztendlich erzählen Thomae, Huisman, Rachel Cusk, Sheila Heti und andere von der Welt. Das persönliche Schicksal des Einzelnen spiegelt im besten Fall größere Zusammenhänge wieder. Huismans Roman ist auch ein Roman über das Frau- und Muttersein im 20. Jahrhundert, über psychische Krankheit und soziale Mobilität.

Von der psychisch Kranken zum Archetyp

Wenn Huisman ihre Mutter nicht fiktionalisert hätte, wäre sie wohl einfach eine psychisch kranke Frau geblieben. Doch so hebt Huisman sie aus der Stigmatisierung heraus, sie wird sinnbildlich zu einer fast mythologischen Figur, die für so viel mehr steht. Es war für Violaine Huisman mitunter schwer, mit dieser Mutter aufzuwachsen, als Mensch und Tochter romantisiere sie das nicht,  sagt sie. Aber durch ihr Buch wird die Mutterfigur zum Archetyp: Wir Leser können lernen, sie zu verstehen, und ihr zu vergeben. Darin liegt letztendlich die freiheitsfördernde Kraft der Literatur.

Was es jedoch mit den realen Angehörigen um den Schreibenden herum macht, wenn jemand sich deren Geschichte aneignet und sie dabei vollends kenntlich macht, „dürfe man nicht unterschätzen“, sagt Violaine Huisman. Knausgårds Exfrau etwa, die auch bipolar ist, erlitt durch die Art und Weise, wie ihr damaliger Mann ihre Ehe in einem Teil seines sechsbändigen Werks beschrieb, einen Nervenzusammenbruch und wies sich in die Psychiatrie ein. Und da ist, weniger dramatisch und doch vielsagend, Violaine Huismans Schwester, die das Romanprojekt „zwar vollkommen unterstützte“, das Buch aber bisher nicht gelesen hat. Es sei zu schmerzvoll, die eigene Lebensgeschichte aus einer anderen Stimme zu lesen.

Die interessanteste Pointe in der Verflechtung von Dasein und Erzählung liefert Huisman indessen am Ende des Abends. Als sie „Die Entflohene“ publizierte, begann ihr Vater, damals Ende 80, sein Gedächtnis zu verlieren. Er freute sich immer wieder erneut, dass seine Tochter ein Buch geschrieben hatte. Dann fing er an, erfundene Szenen aus „Die Entflohene“ zu glauben und sie zu erzählen, als ob sie wirklich passiert wären.