Gottesdienst in einem Autokino
Foto: Imago-Images

BerlinFür Fahrradfahrer sind das gute Zeiten gerade. Wie sich alleine  mein Arbeitsweg  dank der Pop-up-BikeLane entlang des Kottbusser Damms entspannt hat! Noch immer werden hier jeden Morgen Endorphine ausgeschüttet.  Manche meiner Freunde machen Umwege, nur um das zu erleben.  

Sogar Neukölln bewegt sich allmählich. Wie das Fahrradnetzwerk meldete, hat der Verkehrsausschuss nun beschlossen, dass entlang der Horrorstrecke Hermannstraße ein  Fahrradstreifen entstehen soll. Wenigstens dort wo es möglich ist. Bald hätten wir  so snobistisch werden können, wie die New Yorker es hinsichtlich des Besitzes eines Autos schon lange sind: Wer braucht denn so was?  

Tja. An anderer Stelle in Neukölln wird das Auto unvermutet wichtig.  Auf dem Parkplatz des Estrel-Hotels  soll ein Autokino eröffnen, und zwar wohl schon im Juni. Das könnte dann der einzige Ort in der ganzen Stadt sein, an dem  man ins Kino kann. Wenn man denn im Besitz  eines  Auto  ist …

Nun erscheint auch   eine Nachricht aus dem Oberhausener Theater in einem anderen Licht, für die wir Mitte April nur ein „ach ja“ übrig hatten. Dort haben sie den Spielbetrieb  auf ein Open-Air-Theater im Stile eines Autokinos auf einem Parkplatz umgestellt, es gibt  Musik, Komödie, Kabarett. Der Ton kommt übers Autoradio. Applaudiert werden kann mit Hilfe der Lichthupe. Richtig zu hupen ist aus Lärmschutzgründen verboten. Auch das Kammertheater Karlsruhe bietet Vorstellungen in einem bereits existierenden Autokino an. Sogar an Gottesdienste ist gedacht genau wie in Neukölln.

Man hat sich vieles nicht vorstellen können, bis Corona kam. Aber  dass ausgerechnet das Auto zu dem Ort mutieren könnte, an dem man Kultur erleben kann, zum Ersatz für Kino-, Konzert- und Theatersäle, gerade, als wir schon seinen  Abgesang angestimmt hatten  –  das ist   echt fies, du blödes Virus!