Gerade deshalb. Wegen der letzten beiden Jahre, durch die wir gemeinsam durchgegangen sind“, sagte Cornelia Schneider, die Leiterin des Volkswagen-Forums Unter den Linden, am 16. November 2017. Und Thomas Steg, verantwortlich für die Außenbeziehungen des Konzerns, ergänzte: „Wir haben verstanden, und wir ziehen Konsequenzen. Offen, transparent, selbstkritisch.“

Tapfer sein und die Deutungshoheit bewahren scheint die Devise der Mitarbeiter der Volkswagen Group zu sein. Sag selbst „Dieselskandal“, bevor ein anderer es tut!

Neuerfindung als Mobilitätsdienstleister

Das D-Wort fiel in der Tat nur einmal bei der Vorbesichtigung der sinnfälligen Lobby-Ausstellung zur möglichen Nachhaltigkeit des Autofahrens im Berliner Showroom des Unternehmens. Aber was bedeutet die Rede von den Konsequenzen genau? Hätte sich Volkswagen, wenn das mit den gefälschten Abgaswerten nicht aufgeflogen wäre, nicht um Nachhaltigkeit bemüht? Um halbwegs verträgliche Rohstoffbeschaffung, um den Erhalt der 630.000 Arbeitsplätze, um umweltfreundliche Elektromobilität, die Entlastung der Innenstädte durch autonome Fahrzeuge – und vor allem: um seine eigene Neuerfindung als „Mobilitätsdienstleister“ der Zukunft?

Wenn all dies die „Konsequenz“ der Enttarnung ist und also nur durch diese möglich wurde, dann heißt der Sieger des Volkswagen-Dieselskandals eindeutig: Volkswagen.

Keine private Sphäre mehr

Wobei der Zukunft auch Opfer gebracht werden müssen. Denn dort, wo im kathedralenhaften Volkswagen Forum sonst die Eleganz der jeweils neuesten Modelle zu bewundern ist, steht jetzt – zwischen Informationsinseln zu den sonstigen Nachhaltigkeitsthemen – Sedric, der im Frühjahr vorgestellte VW-Prototyp eines Self Driving Cars, der ab 2021 produziert werden soll. Und Sedric ist drollig, aber plump und unbequem, eine auch innen kunststoffverschalte Straßengondel, die einen ganz bestimmt von A nach B bringen wird, aber in der man sich fühlt wie im öffentlichen Nahverkehr.

Und auch wenn es zukünftig holzvertäfelte Ausführungen geben soll oder solche, die darauf eingehen, wofür mit dem computergesteuerten Fahren Zeit gespart werden soll: fürs Arbeiten, für die Entspannung oder die Unterhaltung – öffentlich wird autonome Mobilität immer sein. Denn schließlich muss Sedric unausgesetzt in alle Richtungen kommunizieren − und auch das Wageninnere kontrollieren. Opfer Nummer eins ist also: das Auto als Privatsache, als Rückzugsort.

Alle müssen mitmachen

Opfer Nummer zwei die Individualität. Autonomes Fahren funktioniert nur, wenn alle mitmachen und sich zu hundert Prozent vorhersehbar verhalten. Das zeigt die Simulation des Verkehrs mit entweder einem, dreißig oder hundert Prozent autonomen Fahrzeugen. Ein einzelnes selbstfahrendes Auto ist bei der kleinsten Irritation verloren. Nur im Ornament der Masse geht es voran.

Opfer Nummer drei ist die Optik „Der Karosseriebau wird mehr oder minder uniform sein“, sagt der VW-Nachhaltigkeitsexperte Gerhard Prätorius. „Das Design wird sich in den Innenraum verlagern.“ Wobei dem Privatbesitz von Autos gleichzeitig keine große Bedeutung mehr eingeräumt wird. „Die Zukunft gehört der shared economy.“ Der Autodeutsche hat ausgedient wie das Privatbüro, die 40-Stunden-Woche, das Kleinfamilienmodell ...

„Du kennst mich aber gut, Athena!“

Und die Einzigartigkeit der menschlichen Beziehung. In einem weiteren Trakt des VW-Forums präsentiert die Finanzabteilung von VW eine Ausstellung des Feld Studios für digitales Handwerk (digital crafts) und des in Potsdam beheimateten Zukunftszentrums von Volkswagen. Und hier geht es unter dem Titel „Empathic Futures“ um das Verhältnis von Mensch und Maschine, das nicht nur funktional soll. Null und eins war gestern, jetzt heißt es beidseitig: „Wie geht es dir?“ Und: „Du kennst mich aber gut, Athena!“

„In der Interaktion mit Maschinen entsteht ja ein Gefühl“, sagt Ulrike Müller, die Leiterin des VW-Future-Centers. Nicht unbedingt. Wenn der Roboter-Staubsauger tut, was ich will, nämlich saugen, dann reicht mir das. Wenn es im Kontakt mit Maschinen aber darum geht, Vertrauen aufzubauen und Empathie nicht nur selbst zu empfinden („Mein Computer muss sich noch aufwärmen!“) sondern auch zu empfangen, weil sich das digitale Gegenüber programmgemäß uneingeschränkt und ohne jede Wertung für einen interessiert und lernt, genau das zu antworten, was man gern hören will, dann ist das nur dann sinnvoll, wenn ich Kontrolle abgeben soll. Etwa an Sedric.

Leitbild Schwarmintelligenz

500 Gespräche zwischen Mensch und Maschine haben die Mitarbeiter des Feld Studios als Lernprogramm für ihre Computer initiiert und präsentieren sie den Besuchern als Dialoge, die auch die unterschiedlichen Erwartungen der Nutzer spiegeln. Die Frage, ob die Informationen, die durch persönliche Kontakte gewonnen werden, unter den Computern geteilt werden sollen, wird von den Forschern zurückhaltend beantwortet: wie die Leute wollen.

Aber das Potenzial ist natürlich da und Schwarmintelligenz nicht nur bei autonomer Mobilität die Leitidee, sondern auch in der individualisierten Kommunikation. In dem – gerade verfilmten – Roman „The Circle“, gilt es als Verbrechen gegen die Gesellschaft, etwas nicht zu teilen, und für eine Dystopie war dieses Werk schon bei seinem Erscheinen 2013 viel zu real.

Taufe dein Endgerät!

Der „Shift“ also, den die Nachhaltigkeit bewirken wird, soll nicht nur Volkswagen und das Autofahren in eine neue Erzählung katapultieren, sondern hält zur Kompensation des verlorenen Eros im Verhältnis zum Auto mit der empathischen Kommunikation auch einen neuen Fetisch bereit. Schon im Science Fiction-Film „Alien“ hieß der Zentralcomputer in der deutschen Übersetzung ja „Mutter“. In der wirklichen Zukunft legt man den Namen des Geräts dann mit diesem gemeinsam fest.

Shift / Empathic Futures, bis 28.2., Drive Volkswagen Group Forum, Friedrichstraße 84/Unter den Linden