Berlin - Eric Carle ist tot, und alle werden nun von der „Kleinen Raupe Nimmersatt“ sprechen. Das ist richtig, auch wenn der Beitrag dieses Künstlers für die Erlebniswelt von Kindern wesentlich mehr umfasste. Das vielgliedrige leicht behaarte grüne Wesen mit dem roten Kopf, das eines Morgens – knack – aus dem Ei geschlüpft ist und seine Umgebung essend erkundet, zeigt, wie abenteuerlich und anstrengend es ist, groß zu werden. Die Kinder hören die Geschichte, sehen und be-greifen sie: mit dem Finger den Fresslöchern der Raupe folgend.

„Die kleine Raupe Nimmersatt“ steht exemplarisch für die Kunst Eric Carles. Es ist in einfacher, rhythmischer Sprache geschrieben, die Wiederholungen liebt, und in Collage-Technik gestaltet. Eric Carle bemalte oft verschieden dünne Papiere unterschiedlich bunt, schnitt sie in Form und fügte sie dann zusammen. Außerdem bietet das Buch wie viele andere später ein Angebot zum Spielen. Die Raupe, 1969 erschienen, war nie Mode, sondern wurde ein zeitloser Weltbestseller, ihr Bild steht ikonografisch für die frühe Kindheit, wie sonst vielleicht nur noch Janoschs Tigerente.

Knack-Punkt in der Biografie

Alle halbe Minute würde irgendwo auf der Welt ein Exemplar verkauft, hat der deutsche Verlag Gerstenberg einmal errechnet. Dass die deutschsprachigen Ausgaben einen wesentlichen Teil seiner Auflagen ausmachen, könnte auch mit der Beziehung des Künstlers zu Deutschland zusammenhängen.

Seine Eltern stammten aus Stuttgart und waren als junge Leute ausgewandert. Am 25. Juni 1929 wurde Eric Carle in Syracuse im Staat New York geboren. Während sein Vater mit ihm in die Natur ging und ihn experimentieren ließ, war seine Mutter „in ihrem ganzen Wesen ,sehr deutsch‘“, wie er einmal schrieb. Ihre Sehnsucht trieb die Familie 1934 nach Stuttgart zurück. Er hasste die strenge Schule, doch er hatte auch einen Lehrer, der ihm einige der von den Nazis verbotenen Bilder zeigte, und er wurde von einer Bibliothekarin an Geschichten herangeführt. Als Hitlerjunge musste er im letzten Kriegsjahr Schützengräben ausheben, doch als er im Frühjahr 1945 zum Volkssturm sollte, ließ die Mutter ihn nicht gehen.

Eric Carle/Gerstenberg Verlag
Eric Carles „kleine Grille“ beginnt zu singen, wenn sie nicht mehr allein ist. 

Schon mit 16 Jahren begann er an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart zu studieren. Dass sein Professor ihm zunächst die Künstler-Allüren austreiben wollte und in die Typografie-Klasse schickte, war vielleicht der entscheidende Knack-Punkt in seiner Biografie: „Die Beschäftigung mit der Schriftsetzerei und das Wissen um die Regeln und Begrenzungen der Buchdruckerkunst haben seit dieser Zeit meine Arbeitsweise beeinflusst.“ 1952 ging er in das Land seiner Geburt zurück, und Leo Lionni, der später auch als Bilderbuchkünstler bekannt werden sollte, stellte Carle in New York in einer Werbeagentur an.

In der gestalterischen Arbeit, zu der Illustrationen kamen und 1968 das erste eigene Bilderbuch „1, 2, 3 ein Zug zum Zoo“, fand Eric Carle die Freiheit seiner Gedanken und Empfindungen wieder. Die Raupe übrigens war zuerst ein Bücherwurm, der sich nach einer Woche satt schlafen legte. Im Gespräch mit der Lektorin bekam sie eine Gestalt, die erst die große Verwandlung am Ende möglich machte: Nach all der Anstrengung des Essens und Lernens folgt auf eine Phase der Besinnung im Kokon der Start ins Leben als wunderschöner bunter Schmetterling. Das Büchermachen mit Ideen, der Entscheidung für Farben und Papier, als kollektive Arbeit mit Lektoren und Herstellern, wurde Eric Carles Erfüllung.

Eintritt in die Welt der Bücher

Seine Bücher erreichen die Kinder auf verschiedenen Ebenen. In ihnen stecken meist Überraschungen, die von den Betrachtern als eigene Entdeckungen wahrgenommen werden. In „Das kleine Glühwürmchen“ blinken am Ende kleine Lämpchen. Es zirpt in „Die kleine Grille singt ihr Lied“. In „Hallo, roter Fuchs“ lernt man etwas über optische Täuschungen, indem Bilder dort erscheinen, wo eigentlich keine sind. In „Komm, fang den Ball“ muss das Kind eine kleine runde Pappscheibe durch Schlitze in den Seiten fummeln. In „Traumschnee“ verwandelt Folie die Bilder winterweiß. Und in „Papa, bitte hol für mich den Mond vom Himmel“ greift sich der Vater eine lange, lange, lange Leiter, weshalb man die Buchseite weit zur Seite ausklappen muss, schließlich braucht der Mond allen Platz, weil er von Nahem viel größer ist.

Seine späten Bücher „Der Künstler und das blaue Pferd“ (2010) und „Witzig, seltsam, wunderbar: Eric Carles Quatschparade“ (2015) entwarf er als Hommage an andere Künstler, an die Expressionisten um Franz Marc und die Surrealisten um René Magritte. Eric Carle wusste, dass man die Arbeit für Kinder nicht gering schätzen darf. Und er schätzte die seiner Kollegen. Im Jahr 2002 erfüllten er und seine Frau sich einen Traum und eröffneten in Amherst, Massachusetts, ein Museum für Bilderbuchkunst. Da hängen Werke von Großen wie Leo Lionni und Maurice Sendhak und an die hundert andere Beispiele von Illustrationen aus aller Welt. Wie jetzt bekannt wurde, ist Eric Carle am 23. Mai in seinem Studio Northampton gestorben.

In dem Bilderbuchmuseum wird auch sein Werk lebendig bleiben, wollte ich gerade schreiben. Klar, aber sein Werk hat sein Zuhause in den Kinderzimmern rund um den Erdball. Für viele Menschen wird es weiterhin – knack – den Eintritt in die Welt der Bücher bedeuten.

Eric Carle/Gerstenberg Verlag
Eric Carles „roter Fuchs“ verweist auf die Komplementärfarben.