Autorentheatertage Berlin: Bitte keine neuen Stücke einsenden!

In Deutschland quellen die Schubladen mit Theaterstücken über. Nachdem die Berliner Festspiele Anfang November mitgeteilt hatten, dass der Stückemarkt des Theatertreffens sein „Format ändert“ und Jungdramatiker von der Einsendung von Theatertexten absehen sollten, konnten sich die unentdeckten Begabungen mit den Autorentheatertagen (ATT) des Deutschen Theaters trösten. Schickt man sein Meisterwerk eben dort ein. Wenn es der Juror aus den Hunderten auswählt, wird es bei der Langen Nacht der Autoren vor mit Fachleuten gespicktem Publikum präsentiert und hernach von den Häusern dieser Theaterrepublik eingekauft, worauf Ruhm und Literaturnobelpreis folgen (siehe Elfriede Jelinek).

Und nun dies: Unser Hamburger Theaterkritiker-Kollege Till Briegleb ist zum diesjährigen ATT-Juror ernannt worden. Eine gute Wahl, denn Briegleb müsste durch seine mehrjährige Jurorentätigkeit beim Mülheimer Stücke-Festival wissen, wie man Stapel durchforstet und woran man aufführungswürdige Theaterstücke erkennt. Die offenbar nicht nur glückseligen Erfahrungen, die er gesammelt hat, bringt er nun auch ein. Und zwar solcherart, dass in diesem Jahr keine neuen Stücke eingereicht werden sollen. Es gibt ja auch schon so viele! 200 Uraufführungen im Jahr hat Briegleb gezählt und mindestens noch einmal so viele Stück-Einreichungen bei Förderveranstaltungen.

Briegleb spitzt es so zu: „Die Inflation der neuen Texte führt vor allem dazu, dass qualitative Ansätze definitiv versiegen müssen. Denn was unter dieser massiven Autorenförderung vor allem leidet, ist die Autorenförderung.“ Das klingt erst einmal nach einem Dilemma, spielt aber eigentlich nur die Quantität gegen die Qualität aus.

„Innehalten“, lautet deshalb Brieglebs Motto. Und kraft seiner Formulierungsfreude plädiert er für eine „Vollbremsung, Kehrtwende und Geisterfahrt in die Vergangenheit der Textautobahn“. Kann man verstehen, diese ganze Leserei! Aber darum geht es ihm gar nicht. Er will lesen! Und zwar die Gewinnerstücke aus zwanzig Jahren Autorentheatertagen, die Ulrich Khuon in Hannover ins Leben gerufen hat und über Hamburg nach Berlin brachte. Das wären 70 Stücke, die zum größten Teil im Mahlstrom der Uraufführungsproduktion schon längst verdaut und vergessen sind.

Das Deutsche Theater hebt maliziös die Hände und geht auf Distanz, indem es „die Lizenz zu radikaler Subjektivität und den programmatischen Eigensinn“ des Jurors betont und zur Beruhigung der Schubladentalente voranschickt, dass das Muster von Ausschreibung und Einsendung nur „unterbrochen“ wird. Und zwar „ausnahmsweise“. Zum Innehalten.