Am Sonnabend beginnen die Autorentheatertage Berlin. Eröffnet wird das Festival für Gegenwartsdramatik mit „Dosenfleisch“ von dem 30-jährigen Grazer Ferdinand Schmalz. Wir sprachen mit ihm über das Angenehme am Erfolg, über die Charakterlosigkeit von Lebensmitteln und Menschen. Und wir sprachen über Sprache − den milde durchklingenden steirischen Dialekt darf sich der Leser mitdenken.

Herr Schmalz, es scheint gut zu laufen. Sie haben 2013 mit Ihrem ersten abendfüllenden Stück „Am Beispiel der Butter“ den Retzhofer Dramapreis gewonnen, sind 2014 zum Nachwuchsautor des Jahres gewählt worden und eröffnen nun mit Ihrem zweiten Stück „Dosenfleisch“ die Autorentheatertage. Das Butter-Stück wäre fast in der Schublade verschwunden und war gar nicht für die Bühne gedacht…

Ja, das ist ursprünglich für ein Projekt mit einer freien Gruppe entstanden. Am Anfang war es ein Monolog für eine Performance, bei der wir eine Butterfaust bauen wollten. Die Galerie, bei der wir das eingereicht hatten, hat das abgelehnt, die wollten keine 30 Kilogramm ranzige Butter in der Auslage haben. Den Text wollte ich dann aber nicht wegschmeißen.

Und da haben Sie ihn eingereicht und gewonnen. Das klingt ja fast nach so einer Youtube-Star-Geschichte, bei der man über Nacht und aus Versehen zu Ruhm kommt.

Dafür hatte ich dann doch noch zu viel Arbeit damit. Aber der Preis war schon ein toller Booster.

Und sie haben mit „Dosenfleisch“ gleich ein weiteres Lebensmittel-Stück drangehängt. Wie viele Stücke mit Fress-Metaphern kommen denn noch? Bleiben Sie dabei?

Es kommt noch eines, das man dazurechnen könnte. Das ist „Der Herzerlfresser“, damit ist dann aber dieses Lebensmittel-Triptychon abgeschlossen.

War das karrieretechnisch ein sinnvoller Schritt vom Performance-Künstler zum Theaterautor?

Für mich ist es ganz gut aufgegangen. Ich mag diese Arbeit.

Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft als Erfolgsdramatiker vor?

Eigentlich hatte ich mich auf sehr stürmische Zeiten eingerichtet. Dass ich nicht weiß, wie ich mein Brot verdienen kann. Aber dadurch, dass jetzt ein bisschen Aufmerksamkeit da ist, habe ich schon ein paar Projekte vor mir. Es stehen einige Aufträge aus, so dass ich die nächsten anderthalb Jahre gut vorplanen kann.

Man schreibt und schreibt und niemand will es hören

Und was wäre die Angstversion?

Dass man schreibt und schreibt, und niemand will es hören. Oder, noch blöder: Die Leute kommen erst fünfzig Jahre später drauf, wenn man gerade im Sterben liegt.

Hat sich etwas verändert am Stellenwert des literarischen Textes im Theater? Braucht man ihn noch, den Schreibtisch-Dramatiker?

Diese Vorstellung, dass man ein einsames Leben zu Hause am Schreibtisch führt, trifft es nicht mehr so richtig. Man ist in komplexe Arbeitszusammenhänge eingebunden. Ich treffe mich frühzeitig mit Regisseuren und tausche mich auch während der Proben mit ihnen und den Dramaturgen aus. Die Arbeit ist kollektiver geworden. Es gibt auch viele Theatermacher, die ganz auf einen Dramatiker verzichten und neue kollektive Autorenschaften ausprobieren. Das ist jetzt nicht so ganz meins, wenn alle mitschreiben. Ich brauche bei aller Kooperativität ab und zu den Rückzug in meine Schreibkammer.

Wenn wir uns österreichische Dramatiker bei der Arbeit vorstellen, dann sitzen die bei einer kaltgewordenen Melange und einem Marillenschnaps im Kaffeehaus, den kurzgespitzten Bleistift in der Hand, den Blick verträumt in der Ferne.

Genau so kommt es vor. Es gibt aber drei Phasen, die ich während der Arbeit an einem Text durchlaufe. Zuerst sitze ich in der Germanistik-Bibliothek. Mein Stammplatz ist direkt vor dem Brecht-Regal. Das spornt schon mal an, wenn man sieht, wie viele Fächer der ausfüllt. Dann, wenn ich schon ein bisschen weiter bin, spreche ich die Texte immer leise mit. Das ist dann gerade noch vertretbar für das Kaffeehaus. Und zum Schluss, wenn ich laut lesen muss, weil ich Duktus, Fluss und Melodie der Sprache ausprobiere, dann zieh ich mich sicherheitshalber in meine vier Wände zurück.

Da probiert und feilt man, bis es funktioniert, und dann kommen die Stümper von der Regie und die Schauspieler und verderben den schönen Rhythmus durch Striche und schlampiges Sprechen. Tut es weh, seinen Text wegzugeben?

Eigentlich nicht. Das, was das Stück sagen will, muss durch das Nadelöhr des Textes gehen. Man baut eine Gedankenwelt auf und muss sie herunterbrechen auf Buchstaben, die man der Reihe nach auf Papier druckt. In einem zweiten Schritt wird diese Welt von anderen wieder aufgemacht. Dabei kommt es natürlich zu Veränderungen, manchmal Missverständnissen, aber auch zu beglückenden Erweiterungen und Vertiefungen, von denen der Dramatiker nichts geahnt hatte. Der Text birgt ja auch für den Dramatiker Geheimnisse. Hinter jedem Buchstaben steckt viel mehr, als man sagen wollte. Ich hätte keine Lust, meine eigenen Texte zu inszenieren. Das wäre so ergiebig wie ein Selbstgespräch.

Sie greifen auf Volkstheatertraditionen zurück, auf Leute wie Nestroy, Horváth, Marieluise Fleißer bis hin zu Werner Schwab. Sie bekennen sich bei allen Geheimnissen und bei aller Sprachskepsis zur Parabel, also zum Sinntransport. Und Sie verwenden Kunstsprache teilweise mit streng daktylischen Rhythmen. Das klingt alles bedrohlich unhipp.

Ach, die althergebrachten Formen kommen nicht ohne Grund immer mal wieder, sie haben sich eben als praktisch erwiesen. Ich glaube, dass im Volksstück viel zu entdecken ist, zum Beispiel die Modellhaftigkeit von Figurenkonstellationen und Konflikten, hinter denen größere gesellschaftliche Entwicklungen stecken. Ich strebe auch an, dass die Figuren für mehr stehen als nur für eine bestimmte Person. Die sind Sprachpuppen, durchaus auch schablonenhaft zusammengefügte Kasper, die für größere gedankliche Konzepte stehen. Individuen sind nicht so interessant, wie sie immer glauben.

Ihr neues Stück „Dosenfleisch“ spielt an einer Raststätte. Ein Fernfahrer muss anhalten, weil seine Windschutzscheibe mit Fleischdunst verklebt ist, ein Versicherungsmann versucht aus Fleischwunden Muster zu lesen, die in Unfallstatistiken einfließen könnten. Eine Schauspielerin wird bei einem Unfall zu Fleischsalat, überlebt aber und entdeckt das eigentliche Leben. Eine Anti-Auto-Aktivistin friert Menschen ein. Ganz schön viel Fleisch. Aus was für einem Elternhaus stammen Sie? Ärzte? Metzger? Aktionskünstler?

Mein Vater ist tatsächlich Arzt. Landarzt. Mit der Fleischlichkeit der Körper wird man als Landarztsohn früh konfrontiert. Ich kann mich an einen Bauern erinnern, der in der Praxis auftauchte. Der hat sich mit der Hacke in den Kopf gehauen, und der saß dann da mit der Hacke im Wartezimmer und hat brav gewartet, bis man ihn aufruft. Andererseits ist mit Fleisch auch das Lebensmittel gemeint. Wie viel eigenen Geschmack haben unsere Lebensmittel. Die verstellen sich ja, die strengen sich an, nach Toskana oder nach Gesundheit zu schmecken. Da wird sehr viel Mühe in die Lebensmittel gesteckt, dass sie einen Anschein von Geschmack vermitteln. So ähnlich ist das auch mit dem Leben, das viele Leute führen. Wir leben geschmacklose, aber möglichst haltbare Leben. Und die Protagonisten von „Dosenfleisch“ versuchen eben da auszubrechen.

Das stellt sich als riskant heraus.

Ja, das kostet einen vielleicht den Kopf. Aber das Risiko muss man eingehen, wenn man wirklich leben will und sich nicht nur möglichst lückenlos an irgendeinem von außen aufgedrückten biografischen Formular abarbeitet.

Sie heißen eigentlich Matthias Schweiger, was doch ein schöner Name für einen Dramatiker wäre. Warum haben Sie sich in Ferdinand Schmalz umbenannt?

Na ja, ich war einfach nur neidisch auf meine ganzen Freunde, die in Bands spielen und sich tolle Namen ausdenken dürfen. Und da ich schon kein Instrument konnte, habe ich mir wenigstens eine Identität zugelegt.

Was gehört außer dem Namen zu dieser Identität? Verhalten Sie sich auch anders als Herr Schmalz?

Ein bisschen. Und der Herr Schweiger schaut zu, was der Herr Schmalz so macht und denkt.

Die Fragen stellte Ulrich Seidler.

Das weitere Programm und Karten unter Tel.: 28441225 oder im Internet: www.deutschestheater.de