„Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“ von Rosa von Praunheim.
Foto: Arno Declair

BerlinEin Fuchs läuft ruhig die Schumannstraße entlang, vorbei am DT. Kaum jemand aus der Besucherschar, die am Freitagabend auf dem Theatervorplatz schnell noch etwas Luft schnappt, bevor es hinein zur nächsten Premiere der Autorentheatertage geht, bemerkt ihn. Vielleicht gehören die Wildtiere schon zu sehr zum surrealen Alltag der Großstädte, als dass sie noch aufblicken ließen. Dabei war der souveräne Fuchsspaziergang an diesem Abend fast schon so etwas wie eine Offenbarung dessen, was die Dramatikerin Dea Loher nur Minuten zuvor im Theaterinnern in ihrer ausschweifend schönen Rede zur Festivaleröffnung wünschte.

Als Vorsitzende der Jury, die aus 171 Einsendung jene drei Stücke auswählte, deren Uraufführungen das Herzstück der drei Festivaltage bilden sollten, sprach sie erst einmal nicht über neue Dramatik, sondern über Viren und ihre Wirte. Wo stecken die Viren, bevor sie ausbrechen? Mit Vorliebe in Fledermäusen, Schuppentieren oder Affen, von wo aus sie irgendwann so unerwartet wie unerforscht überspringen zum Menschen. Was macht das mit dem Verhältnis von Mensch und Tier, das vor allem von Ausbeutung und Ignoranz geprägt ist? Höchste Zeit, so Loher, unsere Zusammenhänge neu zu verstehen, das Herrentum gegenüber den Tieren abzulegen. Dann malte sie ein postpandemisches Theater aus, in dem die Menschen nicht länger nur um sich selbst kreisen, sondern ihre Plätze mit Echsen und Eichhörnchen teilen, durch dessen Foyers Wölfe streunen. „Kämen wir der Wahrheit so ein Stück näher?“

Sibylle Bergs „Übergabeprotokolle“ bei den Autorentheatertagen

Begeistert von der Vorstellung, hätte man den Fuchs auf der Straße am liebsten gleich mit hineingenommen. Glücklich wäre er in den Uraufführungen von Rosa von Praunheim und Dorian Brunz – die dritte der Schweizerin Marie Ursprung wurde wegen eines Corona-Falls im Grazer Ensemble kurzfristig abgesagt – vermutlich nicht geworden. Vielleicht wieder etwas menschenscheuer, angesichts der umfeldblinden Bauchnabel-Probleme und leeren Floskel-Feuerwerke, die beide abschießen. Ihre Vor-Corona-Entstehung lastet jedenfalls schwer auf beiden, ganz im Gegensatz zu den zehn kleinen Auftragsarbeiten, um die das DT jene Autoren gebeten hatte, deren Gastspiele in diesem Jahr nicht gezeigt werden konnten. Was als Rahmenprogramm gedacht war, lieferte in sorgfältig aninszenierten Kurzlesungen so nun die funkelnden Entdeckungen des Festivals.

Besonders der erste Präsentationsblock mit Sibylle Bergs erschütternd intensiven „Übergabeprotokollen“, in denen vier Stimmen auf ihre bereits beendeten Leben zurückblicken, und Dogan Akhanlis faszinierender Erzählung „Die vierte Figur“, in der er durch die heikelsten Verwicklungen deutsch-israelisch-türkischer Geschichte mäandert, zeigte überraschend starke Texte. Sie schreiben nicht einfach Routine weiter, es bricht ein Ernst in sie ein, eine Verwunderung und Verantwortung, wie man sie vorher nie spürte.

Weit weg von Rosa von Praunheims Farce-Versuch „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“, die schlicht gescheitert ist. Zwei naive Schauspieler-Clowns versuchen darin, aus historischen Gerüchten und Spekulationen über Hitlers verkapptes Sexualleben seine Qualitäten als Massenmörder abzuleiten. Ein devoter AfDler interviewt dafür sein zurück auf die Bühne gezerrtes Idol, von dem er es nun genau wissen will: das mit der Einhodigkeit, mit der Penisverstümmelung durch einen Ziegenbiss, seinen Frauenhass, die Homosexualität, die Inzucht mit Nichte Geli und die Koprophilie. Allein, so albern und reflexionslos Praunheim all das aneinanderreiht, wie er Hitler und den schwulen Friedrich II., die AfD, Trump, Klimaleugner und überhaupt alles in eine faschistoide Penis-Fixiertheit einwickelt, erzeugt nicht mal den Witz einer Kabarettnummer. Nicht die frivole Offenheit ist das Problem, sondern die seichte Billigkeit.

Dorian Brunz’ düsteres „Beach House“ bildet gegen Praunheims rosa Kokolores den größtmöglichen Antipol. In trostloser Jahrmarktsatmosphäre klammern sich die Zwillinge Ronny und Taylor und ihre kranke Mutter an je eigene, ferne Glücksversprechen: Ronny glaubt an den großen Losgewinn eines Strandurlaubs, während die Mutter von der zapatistischen Revolution träumt. Materialismus und Idealismus halten die Figuren im Würgegriff ihrer Illusionen, während sich die Welt um sie herum längst in dem gigantischen Tauschgeschäft von Schein und Sein eingenistet hat. Alle wissen das und hängen trotzdem weiter in endlosen Wortklaubereien um „echte“ und „falsche“ Gefühle fest. Regisseur Philipp Preuss bläst noch ein bisschen mehr Luft hinein, indem er das Ganze als abstraktes Dunkelspiel in eine Designerhaus-Käfig-Kulisse aus Lichtstäben setzt. Große Show, wenig Stoff.