Die Dependance des Fischer-Verlags in Berlin-Mitte, Julia Franck bleibt vor einem Regal stehen, in dem die Verlags-Mitarbeiter mehrere Exemplare ihres Romans ausgelegt haben. Ich hab das fertige Buch noch gar nicht gesehen, sagt Julia Franck. Ihre Stimme klingt weich, vielleicht rechnet man deswegen nicht mit der Klarheit, mit der sie Fragen beantwortet. Sie flicht komplexe Sätze ineinander, nie stockt sie oder sucht nach Worten. Eine Erzählerin, auch wenn sie spricht.

Zurzeit erscheinen viele Familiengeschichten aus der DDR – auch Ihr neuer Roman „Rücken an Rücken“ spielt in Ost-Berlin zur Zeit des Mauerbaus.Auch ich wundere mich über solche Zeitphänomene. In meinem Fall, und das gilt sicher auch für andere, hängt es mit der größeren Freiheit zusammen, die man hat, wenn diejenigen, in deren Generation man hineinschreibt, nicht mehr leben und somit einen Roman nicht als eine Abrechnung mit ihrer Person missverstehen.

Wenn man ein bisschen über Sie weiß, vermutet man, dass Ihre Großmutter, die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger, für die Käthe im Roman Modell gestanden hat.

Der Roman ist kein Porträt meiner Großmutter, aber in Bezug auf die Prioritäten, die sie in ihrem Leben setzte, war sie ein ähnlicher Mensch. Diese Prioritäten waren ganz eindeutig Kunst und Gesellschaft, der Staat, den sie als Alternative zum Faschismus verstand, das war für sie wichtiger als irgendein einzelnes Kind. Für mich war es schon lange klar, dass es einen Roman geben wird, in dem ich selbst Fragen danach stelle, wie es zu einer solchen Vereinnahmung des Einzelnen durch eine Gesellschaft kommen konnte.

Im Roman bringt sich Käthes 18-jähriger Sohn Thomas um. Am Ende des Buches erfahren die Leser, dass die abgedruckten Gedichte dieses Thomas von einem Gottlieb Friedrich Franck stammen, geboren 1944, gestorben 1962. Wer war das?

Mein Onkel, der Sohn meiner Großmutter.

Hat er sich umgebracht?

Ja, er hat sich das Leben genommen.

Es sind hoffnungslose Gedichte, die Todessehnsucht taucht immer wieder auf.

Das war für mich der emotional berührendste Anlass, diesen Roman zu schreiben: dass die DDR in ihrer Verschlossenheit und ihrer Autorität für mindestens einen in meiner Familie schon sehr früh erkennbar war. Mit dem Bau der Mauer. Ab diesem Augenblick, das erkennt der Thomas in dem Roman, und das erkannte auch mein Onkel, würde ein Leben in dieser Gesellschaft aus einer Vielzahl von Kompromissen bestehen, die er mit dem Anspruch einer aufrechten Haltung, einer Suche nach Freiheit, Liebe, eigener Entfaltung nicht würde vereinbaren können. Diese Erkenntnis ist Thomas im Roman zugänglich aufgrund des extrem ideologischen Engagements seiner Mutter, das sehenden Auges die eigenen Kinder, die Individualität des Einzelnen dieser Idee opfert. Die Spaltung, die durch die Mauer in meiner Familie stattgefunden hat, die hat nicht erst in meiner Lebenszeit begonnen, nicht erst, als meine Tante geflohen und meine Mutter mit uns ausgereist ist, sondern lange davor. Das hat mich interessiert.

Wussten Sie immer schon, dass Ihr Onkel sich umgebracht hat?

Das wusste ich immer, weil dieser Onkel im Grunde der einzige Mann in meiner Familie war. Auch wenn er acht Jahre vor meiner Geburt starb. Mein Vater, die väterliche Familie, war in meiner Kindheit ja nicht präsent. Dieser Onkel war wie ein Bruder, weil, wenn meine Mutter von ihm erzählte, sich in der Erinnerung an ihn auch immer die geschwisterliche Abhängigkeit spiegelte.

Hat Ihre Mutter mit Ihnen über ihn gesprochen?

Unheimlich viel. Auch wir Schwestern untereinander haben das getan. Es gab eine fast physische Präsenz dieses Onkels, in dem Sinne, dass meine Zwillingsschwester und ich uns manchmal vorstellten, eine Art Wiedergeburt von ihm zu sein. Als kleine Kinder waren wir viel in Wochenheimen, Krippen, Pflegefamilien untergebracht. Die Frauen in meiner Familie haben immer gearbeitet, meine Mutter war Schauspielerin. Die Nachrangigkeit des kindlichen Daseins in unserer Familie haben wir sozusagen mit der Idee der Wiedergeburt kompensiert, wir haben uns die Liebe und Aufmerksamkeit, die unserem Onkel zuteil wurde, einverleibt.

In der „Mittagsfrau“ haben Sie sich auf eine Art Spurensuche nach Ihrer Großmutter väterlicherseits begeben, jetzt ist die andere Großmutter, der andere Familienzweig dran. War das schwieriger, weil es Übereinstimmungen mit Menschen gibt, die noch leben?

Ich glaube, dass sich meine Familie inzwischen an meine Literatur gewöhnt hat. Natürlich werden sich meine Mutter und meine Schwestern in Ella wiederfinden, aber auch in Thomas und ein Stück weit sogar vielleicht in Käthe. Ich muss gestehen, dass es mir selbst nicht nur schwer gefallen ist, mich in Käthe hineinzuversetzen, auch wenn ich sie als insbesondere den Kindern gegenüber schroffe Person zeichne. Ich denke, jede Frau, die mehr als nur das eigene Kind im Zentrum ihres Daseins sieht, die versucht, außerdem zu arbeiten und vielleicht ein Engagement in der Gesellschaft zu finden, könnte sich in Teilen in ihr wiedererkennen. Im Falle von Käthe – und hier ist Käthe meiner Großmutter sehr ähnlich – war dieses Engagement so leidenschaftlich wichtig, auch die Kunst wurde dem angepasst, es war ein fast fanatisches und, wie mir schon als Kind erschien, fast verblendetes Engagement für eine kommunistische Gesellschaft.

Käthe ruft im Buch einmal aus: „Bin ich Mutter von Beruf?“ Aus heutiger Sicht hat der Satz eine gewisse Komik, weil er ziemlich schön auf den Punkt bringt, was sich viele Frauen fragen, die es schwer finden, Arbeit und Familie zu vereinbaren.

Das ist eine stehende Redewendung in unserer Familie gewesen. Sie war immer auch ein Appell an das Kind, sich nicht zu sehr ins Zentrum zu setzen. Es wurde nicht gern gesehen, wenn man zu lange herumsaß und spielte oder in einem Buch las, denn es gab immer auch Dinge zu tun, Holz zu hacken, die Flaschen wegzubringen, das Unkraut zu jäten, den Abwasch zu machen.

Aber Ihren eigenen Kindern haben Sie den Satz noch nicht gesagt?

Nein. Der Vorteil der Gesellschaft, in der ich lebe, ist, dass ich ein eigenes Maß entwickeln darf zwischen beruflicher und familiärer Einbindung. Das ist nicht immer leicht als alleinerziehende Mutter und im Rahmen meiner Arbeit. Dass ich mit dem Schreiben Geld verdiene, ist ein glücklicher Umstand, aber ich könnte es mir nicht aussuchen, nicht zu schreiben, und auch nicht, kein Geld zu verdienen. Ich versuche aber, meinen Kindern eine andere Aufmerksamkeit zugute kommen zu lassen, als ich sie bekommen habe, und verzichte bestimmt auf 70 Prozent der mir angebotenen Lesereisen.

Wie erinnern Sie sich an die Großmutter Ihrer Kindheit?

Meine Großmutter hat nie Strümpfe gestrickt, hat nie einen Kuchen gebacken, all das, was das Sinnbild von Großmütterlichkeit in unserem Kulturkreis ist, traf auf sie nie zu. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie sie ein Osterfest in den 70er-Jahren nutzte, um uns Kinder das Teilen und den Sozialismus am eigenen Leibe erfahren zu lassen. Sie sagte uns, wir sollten unsere mit Eiern vollgepackten Körbchen nehmen, und fuhr mit uns zu einer Familie, um die sie sich ganz engagiert kümmerte, eine Bäckersfamilie mit sieben Kindern. Dort mussten wir dann unsere gesamten Ostereier verteilen. Wir fanden das wahnsinnig hart. Trotzdem glaube ich, da ist bis heute in mir etwas hängengeblieben, von Wissen um Ungleichheit. Gleichzeitig haben wir als Kinder genau das immer schon fragwürdig gefunden – warum hat denn der eine in einer DDR so viel mehr als der andere? Meine Großmutter hatte immer mehr als andere, sie durfte reisen, sei es aufgrund ihrer Stasi-Verbindungen oder ihres Status als Verfolgte des NS-Regimes, sie war ja mütterlich jüdischer Herkunft. Sie hat ihre Freundinnen in Paris besucht, ihre Cousinen in London und Tel Aviv, ihre Brüder in Chicago, im Libanon, in Wiesbaden. Sie hat ein mondänes Leben geführt in der DDR und konnte es sich leisten, exaltiert Kommunismus zu spielen. Für mich hatte das schon als Kind den Geruch einer einer Kostümparade. Und auch die Tatsache, dass wir drei Monate, nachdem wir ausgereist waren, schon wieder einreisen durften und von da an immer Besuchsvisa erhielten, das finde ich bis heute fragwürdig. Die IM-Akte meiner Großmutter reicht nur in die 60er-Jahre hinein und es sieht so als, als hätte sie danach ihre Konspiration mit der Staatssicherheit aufgekündigt, doch ich zweifle daran.

Wie eng war Ihr Kontakt zu Ihrer Großmutter, nachdem Sie ausgereist waren?

Als ich 13 war, zog ich von Schleswig-Holstein nach West-Berlin. Meine Großmutter habe ich nun öfter gesehen als meine Mutter, sie wohnte ja nur drei Kilometer entfernt, dazwischen lag die Mauer. Etwa einmal im Monat bin ich zu ihr gefahren. Ich habe Steine geschlagen, ihr Modell gestanden, abgewaschen, im Garten gearbeitet. Das war das Verhältnis zu meiner Großmutter. Wichtig für mich war dass sie sehr rege am künstlerisch-intellektuellen Leben teilnahm und sie mich, als ich 15, 16 war, oft mit ins Theater genommen hat. Theater, Oper, Konzertbesuche konnte ich mir in West-Berlin nicht leisten. Insofern bin ich von der DDR bis 1989 ebenso geprägt wie durch Westdeutschland. Meine Mutter, die nicht mehr als Schauspielerin arbeiten konnte, lebte von Sozialhilfe, auch ich bis zum Abitur und Mauerfall, insofern war die DDR für mich ein intellektuelles Futter.

Warum sind Sie mit 13 allein nach Berlin gezogen?

Das ist vielleicht eine zu persönliche Frage, da müsste ich so viel über die Dynamik meiner Kindheitsfamilie erzählen, wie ich es gar nicht möchte.

Und wie haben Sie in Berlin gelebt?

Ich lebte bei Freunden meiner Mutter und ging zur Schule. In den ersten Jahren hab ich ganze Nachmittage und Abende, ganze Wochenenden in meinem Zimmer verbracht um zu schreiben. Später, mit 15, 16, bin ich dann auch viel unterwegs gewesen. Das war eine einsame Freiheit, die ich als Jugendliche hatte, und unter der ich auch gelitten habe.

Sind Sie in dieser Zeit zur Schriftstellerin geworden?

Ich schreibe eigentlich, seit ich schreiben kann, in den Jahren, in denen ich von meiner Mutter wegging, betrieb ich es exzessiv. Schreiben ist ja Suche nach Vergewisserung, seiner selbst und der Realität, in der man zu Hause sein soll. Ein Versuch, diese Welt zu begreifen. Es hatte bestimmt auch einen existenziellen Grund für mich. Ich würde schon sagen, dass Literatur, Gedichte, und dazu gehörten auch die Gedichte meines Onkels, immer ein Überlebensversprechen für mich beinhalteten. Eine Ohnmacht gegenüber den Ansprüchen der Gesellschaft, in die ich hineinwachsen sollte, empfand ich in Ansätzen vielleicht wie Thomas, und das brachte auch mir mehr als einmal in dieser Zeit den Gedanken nahe, verschwinden zu wollen.

Hatten Sie Freunde in dieser Zeit?

Es fiel mir unglaublich schwer, meine Geschichte meinen Mitschülern verständlich zu machen. Die ersten Reaktionen, als ich sagte, ich komme aus der und der Familie und bin von zu Hause weg, weil ich es wollte, waren von so tiefem Unverständnis und von so empörtem Unglauben, dass ich Geschichten anfing zu erfinden für meine Mitschüler. Dazu kam die Ost-Feindlichkeit, an die sich heute nur noch wenige erinnern. Es wurden in den 80er-Jahren mehr Ostler-Witze als Ostfriesen- oder Türkenwitze gemacht. Ich hatte kein Bedürfnis, mich hinzustellen und zu sagen, jetzt fühl ich mich aber getroffen, ich komm nämlich aus dem Osten.

Niemand hat es gewusst?

Nicht, bis ich 17 war.

Wem haben Sie es dann erzählt?

Einem Schulfreund, dessen Eltern bei den Zeugen Jehovas waren und der in der Zeit begann, mit seiner Familie zu brechen. Dieser Junge hatte einen tollen Musikgeschmack, wir beide mochten uns unheimlich. Er war schwul, es gab nie eine erotische Verbindung zwischen uns, aber es gab eine ganz tiefe Freundschaft, die ich schon als eine Art Jugendliebe bezeichnen würde.

Haben Sie ihn mal mitgenommen nach Ost-Berlin?

Ja, ich wollte diesen Freund, der noch nie Weihnachten gefeiert hatte, weil das bei den Zeugen Jehovas nicht gefeiert wird, mitnehmen zu einem Weihnachtsfest, musste ihm aber vorher erläutern, dass es bei meiner Großmutter auch kein christliches Singen geben würde, keine Geschenkberge, im Zweifel nicht einmal einen Weihnachtsbaum. Es gab dann tatsächlich keinen, meine Großmutter hatte ein paar Zweige in eine Vase gesteckt und Kugeln rangehängt. Trotzdem war es ein Weihnachten, zu dessen Anlass man zu einem Essen zusammenkam. Mein Schulfreund merkte, das ist auch nicht typisch, und er musste sich nicht wie ein Außerirdischer fühlen.

Wie ging Ihre Großmutter damit um, dass Sie den Staat verlassen hatten, der ihr so wichtig war?

Alle ihre Kinder haben die DDR verlassen. Beide Töchter, der Erste war aber ihr Sohn, der sich das Leben genommen hatte. Meine Großmutter hat, so sehr sie sich sicherlich um eine sozialistische Erziehung ihrer Kinder bemühte, sie im Grunde gerade, indem sie sie bis zur Verwahrlosung sich selbst überließ, zur größtmöglichen Eigenverantwortung erzogen. Diese Freiheit haben sie dann zu nutzen gewusst. Die Abkehr von dieser Gesellschaft, die meine Großmutter mitbegründet hat, ideell zumindest, hat ihr sehr zu schaffen gemacht.

Hat Ihre Großmutter Sie in West-Berlin besucht, als Sie allein dort lebten?

Nein, nie. Ich erinnere mich, dass ich sie mehrfach dazu aufforderte. Erst, als ich 18 oder 19 war, nahm sie eine solche Einladung an, weil ich sie ihr zu Weihnachten schenkte. Ich wollte ihr in mehreren Gängen ein Menü kochen. Es strengte sie wahnsinnig an, in der Weise an einen Tisch gebeten zu werden. Schon nach dem ersten Gang sagte sie, sie müsse mal kurz die Beine hochlegen, sie schlief sofort ein. Später schlug sie die Zeitung auf. Es waren eigentlich alle Dinge wichtiger, als bei ihrer Enkelin am Tisch zu sitzen. Sie war ein starker und beeindruckender Mensch – aber eben nicht familiär zugewandt, geschweige denn zärtlich. Sie hat auch Abschiede gehasst. Sie hat nie auf Wiedersehen gesagt. Sie ist einfach zur Tür rausgegangen.

Das Gespräch führte Petra Ahne.