Berlin - Immer Ärger mit dem Bösen. Es ist zum Verzweifeln: Das haben sich die Avengers gewiss anders vorgestellt. Denn war es nicht so, dass unsere Superhelden-Truppe in der letzten Folge „The Return Of The First Avenger: Captain America“ (2014) gerade erst die Welt von S.H.I.E.L.D. befreite, einer außer Rand und Band geratenen Geheimdienstbehörde, die in etwa so wie NSA, CIA & Co. die Menschen nicht nur überwacht, sondern bei ungünstiger Sozialprognose (Terrorist! Querulant!) per Drohne auch gleich noch tötet? Und davor, nämlich in der Folge „Marvel’s The Avengers“ (2012), hatte die Rächer-Garde doch auch schon einen interdimensionalen Portalöffner geschlossen und damit die Invasion bösartiger Außerirdischer vereitelt...

Und was hat es genützt? Nichts! In „Avengers: Age of Ultron“ ist das Böse immer noch da. Allerdings taucht es dieses Mal in Gestalt eines hausgemachten Problems auf. Eigentlich wollten unsere Superhelden nach ihrem letzten Weltrettungseinsatz mal so richtig Urlaub machen: ein bisschen chillen, alte Freunde wiedersehen, über den Sinn des Lebens nachdenken, solche Sachen halt. Doch Tony Stark, seines Zeichens Multimilliardär, High-Tech-Tüftler, Besitzer des Waffenkonzerns Stark Industries und als Iron Man auch noch Mitglied der Avengers – dieser hyperaktive Tony Stark kommt einfach nicht zur Ruhe und bastelt an einem alten Projekt weiter. Es trägt den Namen Ultron und soll die Menschheit mit dem ewigen Frieden beglücken.

Das hätte er mal lieber bleiben lassen sollen. Zwar verbinden sich mit Ultron nur die besten Absichten, doch als supercomputergestützte künstliche Intelligenz entwickelt das Programm ein monströses Eigenleben. Die Friedenssoftware ist nämlich sehr schnell von Kapee und erkennt mit unwiderstehlicher Klarheit: Der größte Feind der Menschheit ist die Menschheit selber. Das wiederum, weiß Ultron, hat mit deren Verfassung zu tun, die sich als notorisch irrational und daher instabil erweist, kann aber durch verlässliche Maschinenlogik ersetzt und dadurch auch geheilt werden. Also lautet der Beschluss, dass die Menschheit weichen muss: Ultron rekrutiert ein Heer von Killerrobotern und ruft mit metallener Stimme die Apokalypse aus. Sein Zeitalter ist angebrochen.

Psycho-Alarm bei den Superhelden

Selbstverständlich sind die Avengers jetzt gefordert. Aber erst einmal sind sie sauer auf den Waffenbruder Tony Stark: Warum musste er wieder einen auf Mad Scientist machen? Eine prächtige Rolle für Robert Downey Junior, der als gescholtener, nur bedingt einsichts- und zurechnungsfähiger Superheld im Vergleich zu seinen Auftritten in der „Iron Man“-Trilogie endlich einmal Charakter zeigen darf: als veritabler Vollidiot. Das passt auch insofern, als dass der Chef der Truppe, Captain America, von Chris Evans wieder als gewohnt langweiliger Saubermann gegeben wird. So stellen Downey Jr. und Evans die Gegenpole und damit auch die Zerrissenheit der Avengers dar, die in dieser Folge vor allem mit sich selbst beschäftigt sind; die eigentlich keinen äußeren Feind, sondern einander bekämpfen.

Und das heißt: Psycho-Alarm bei den Superhelden. Weil Ultron seinen Gegner besser kennt, als dieser sich selbst, hat er ihm das Zwillingspaar Pietro und Wanda Maximoff (Aaron Taylor-Johnson und Elizabeth Olsen) auf den Hals gejagt: Vor allem Wandas psycho-manipulative Superkräfte setzen unseren Helden zu, versetzen sie in ihre Vergangenheit und lassen sie dort ihren verdrängten Urängsten begegnen. Die tödlich-liebreizende Black Widow (Scarlett Johansson) etwa hatte eine schlimme Kindheit in einem russischen Waisenhaus, in dem sie nicht nur zur eiskalten Kriegerin erzogen, sondern auch noch sterilisiert wurde. Sie wird niemals Kinder bekommen können. Die Frau ist traumatisiert!

Ob sie sich deswegen so sehr wünscht, mit dem ultraschüchternen und hyperempfindsamen Bruce Banner (Mark Ruffalo) zusammenzukommen, ihrem Avenger-Kollegen, der sie so gut versteht und den wir ansonsten als den grün-aufgeschwollenen Wüterich Hulk kennen? Mit solchen delikaten Fragen beschäftigt sich Joss Whedon als Drehbuchautor und Regisseur ausführlich und gönnt dem Zuschauer damit immer wieder Auszeiten vom rasanten Weltrettungsgeschehen. „Age of Ultron“ markiert eine kontemplative Phase der Serie – nichts Ungewöhnliches für alle, die mit der Comic-Vorlage und ihren periodischen Grübeleien vertraut sind. Doch keine Sorge, der Film liefert auch die obligatorischen Actionszenen mitsamt eines monumentalen Showdowns, bei dem wieder viel kaputtgeht.

Die nächsten Fortsetzungen sind schon in Planung

Vor allem aber gibt „Age of Ultron“ der Serie eine neue Ausrichtung. Dazu gehört nicht nur die intensive Thematisierung der Schwächen, der Verletzlichkeit und Verführbarkeit unserer Helden. Der Film führt auch verschiedene Teile des Marvel-Universums zusammen. So tauchen beispielsweise mit dem Zwillingspaar Pietro und Wanda Maximoff neue, nämlich von den X-Men her bekannte Protagonisten auf – als Scarlet Witch wird Wanda nach ihrer Bekehrung zum Guten von den Avengers adoptiert. Solche personellen Erneuerungen stärken die Truppe für künftige Herausforderungen: Für 2018 und 2019 ist die zweiteilige Fortsetzung „Avengers: Infinity War“ geplant. Dann wird hoffentlich wieder mit weniger Zerknirschung aufs Böse eingedroschen.

Avengers: Age of Ultron USA 2014 Regie und Drehbuch: Joss Whedon, Darsteller: Robert Downey Jr., Chris Evans, Scarlett Johansson, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Elizabeth Olsen, Aaron Taylor-Johnson, Samuel L. Jackson u. a., 142 Minuten, FSK ab 12