Die Schriftstellerin Nora Gomringer wurde in den vergangen Wochen auch zu einer Aktivistin für das Gedicht „avenidas“ ihres Vaters Eugen Gomringer, das von der Hauswand der Alice-Salomon-Hochschule in Marzahn-Hellersdorf entfernt werden soll. Mit der Aktion #avenidaswall ruft sie zur Verbreitung des Gedichts auf: Über ihre Homepage nora-gomringer.de oder den Facebook-Messenger können Interessierte einen Sticker mit dem Text anfordern, um ihn dann an einen Ort ihrer Wahl zu kleben und ein Foto davon an Gomringer zurückzuschicken, das auf einer Instagram-Galerie veröffentlicht wird.

Frau Gomringer, was missfällt Ihnen in der Diskussion über das Gedicht „avenidas“ und dessen Entfernung von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule am meisten?

Dass das Lebenswerk eines gestandenen Autors, der zeitlebens niemals des Sexismus bezichtigt wurde, in so schäbiger Form angegriffen wird. Gottlob steht mein Vater nicht im Verdacht, eine Frau angefallen oder ein Kind missbraucht zu haben. Er ist ein Dichter, der gerade ein Problem hat – mit einem Gedicht an einer Wand in Berlin. Mir passiert es inzwischen, dass Gespräche allen Ernstes mit der Frage beginnen: „Ist Ihr Vater Sexist?“

Und was antworten Sie?

Ich sage: nächste Frage!

Was macht es in diesem Zusammenhang für Sie aus, dass Sie Eugen Gomringers Tochter sind?

Das lässt sich nicht trennen. Ich bin die Tochter des Mannes, der diesen Text verfasst hat, und ich bin Germanistin mit einem eigenen Kopf und eigenen Gedanken zu diesem Text. Aber wenn ich das trennen wollte, kämen die Leute dennoch daher und würden mir Verbindung wieder auf die Stirn quatschen: „Ha, was Sie sagen, sagen Sie ja nur, weil Sie die Tochter sind!“ Was eigentlich ziemlich absurd ist.

Warum?

Weil wir im Grunde eine sehr entfremdete Familie sind. Heute sind wir so gut miteinander wie nie zuvor. Aber es ist eine sehr stark von mir selbst gestaltete, eine „erfundene Beziehung“, die ich zu meinen Eltern habe. Und ich kann heute über die familiäre Bindung mit einer solchen Selbstverständlichkeit sprechen, weil meine Eltern die Größe haben, da nicht einzugreifen.

Wie ist derzeit Ihre Stimmung mit Blick auf den Streit über „avenidas“?

Besorgt. Besorgt, dass meine Eltern den ganzen Rummel durchhalten. Mein Vater ist 93, meine Mutter 76. Seit Monaten werden sie nun schon bombardiert mit öffentlicher Aufmerksamkeit. Inzwischen stürzt sich sogar die Weltpresse auf sie. Ich habe ihnen zwar gesagt, „ihr könnt es ablehnen, zum hundertsten Mal das Gleiche zu sagen“. Aber da gehören sie zur alten Schule: Sie möchten zu Diensten sein. 

Sie sagten, als Germanistin hätten Sie Ihre eigenen Gedanken zum Text. Welche?

Zunächst bin ich entsetzt und enttäuscht, dass mutwillig Dinge hineingelesen wurden, die nicht darin stehen. Das Gedicht ist instrumentalisiert, verzweckt worden.

Wozu?

Als Hebel in der Auseinandersetzung zwischen der Leitung der Alice-Salomon-Hochschule und den Studierenden. Die haben gesagt: „Moment mal, da steht etwas auf einer Wand, worüber wir uns nicht demokratisch verständigt haben. Das wollen wir weghaben!“ Meinetwegen. Aber dann hätten sie genau darüber reden sollen und nicht über einen Angriff des Textes auf ihr Frausein.

Ist es nicht das Schicksal jedes literarischen Textes, dass der Autor ihn freigeben und die Deutung den Lesern überlassen muss?

Stimmt. Jeder versteht den Text, wie er will. Trotzdem bleibt die Frage, wie die Hochschulleitung mit dem – wie ich finde – falschen Ruf nach Entfernung des Textes hätte umgehen sollen: sich dem Drängen widersetzen oder ihm nachgeben? Ich fand das Vorgehen form- und stillos. Die Hochschule hätte dem Dichter ausführlich schreiben, ihm eine Klärung anbieten sollen. Und sie hätte nicht über die Presse das große Fass aufmachen dürfen. Das getan zu haben, kann ich den Verantwortlichen nicht gut verzeihen, weil sie damit dem Dichter ungefragt eine Last aufgebürdet haben, die zu tragen ihm nicht zukommt.

Warum halten Sie den Ruf nach Entfernung für die falsche Konsequenz?

Selbst wenn sich Studentinnen durch den Text angegriffen gefühlt haben sollten, wofür ich mich noch um Verständnis bemühen würde – selbst dann ist mir der Tilgungsreflex fremd: „Das muss da weg!“ Wieso eigentlich? Ich finde es gut, wenn mich etwas wurmt; wenn ich mich mit etwas „Anstößigem“ auseinandersetzen kann. Zumal doch keiner, wirklich keiner glauben kann, ein neues Gedicht an gleicher Stelle wäre frei – frei von Konnotationen und Zuschreibungen.

„avenidas“ soll jetzt auf einer Wand im Wohnort ihres Vaters zu stehen kommen. Nicht mehr die Dichter gehen heute ins Exil oder müssen Asyl suchen, sondern ihre Gedichte.

Schöner Gedanke! Aber es ist kein Exil. Es ist das Wiederaufleben einer Existenzform, die Gedichte schon in der Antike hatten. Gedichte gehören in den öffentlichen Raum, sie gehören an die Wände. Catull, der römische Dichter, hat seine Gedichte auf die Fassaden der Häuser gepinselt. Heute ist auf Fassaden und Riesenplakaten im öffentlichen Raum alles Mögliche zu sehen, wodurch Frauen sich belästigt fühlen könnten. Doch offenbar werden Frauen mit fast bloßen Brüsten auf der Werbung für „intimissimi“-Unterwäsche nicht so störend oder bedrohlich empfunden wie ein Gedicht, das Wörter in eine abstrakte Form bringt. Schon interessant: Im Kontext einer durch und durch sexualisierten Bildwelt kommt ein Autor daher, stellt Straßen und Blumen und Frauen nebeneinander – und dadurch fühlen Frauen sich so angegriffen, dass sie gleichsam in die Schützengräben springen.

Welches Frauenbild, glauben Sie, kommt in „avenidas“ zum Ausdruck?

Das Gedicht ist 1953 auf den Ramblas geschrieben. Nach der Terrorfahrt über die Flaniermeile Barcelonas im August 2017 wurde es immer wieder als Trostgedicht rezitiert. „Wie schön, dass ein Autor Schönheit sieht und ins Wort bringt“, sagen die Spanier, aber auch Leser im lateinamerikanischen Kulturraum. Über die Diskussion bei uns schütteln sie den Kopf: „Ihr spinnt doch, ihr Deutschen!“

Es geht also um Schönheit?

Ja, in ihren Spielarten: Die Straße ist das vom Menschen Gemachte, Konstruierte. Die Blume ist das von Gott Geschaffene. Und die Frau oder besser: das Bild der Frau ist das von der Gesellschaft Gemachte, Geformte. Ich habe „avenidas“ immer theologisch gelesen – als einen Dank an Gott. Aber wahrscheinlich ist das den Kritikerinnen auch wieder lästig. Mit einem Gott, dem Straßen, Blumen – und Frauen ihre Existenz verdanken, wollen sie nichts zu tun haben. Ich glaube, der ganze Streit um das Gedicht ist letztlich eine gewalttätige Absage an die Religion, an die Existenz Gottes in der irdischen Wirklichkeit. Vordergründig wird ein Geschlechterkampf ausgetragen. „Erzähl mir nichts von Bewunderung!“, sagt die Frau zum Mann, „du willst mir doch bloß an die Titten!“. Dabei schließt das Bewundern im Sinne des lateinischen „admirare“ Zudringlichkeit aus. Es geht um ein staunendes Betrachten, das Abstand hält – und ist eigentlich eine religiöse Kategorie. 

Ich habe mich angestrengt, einen obszönen Hintersinn in Straßen, Blumen, Frauen zu entdecken...

Das Gedicht an sich ist völlig clean. Das Problem der Kritikerinnen ist „der Bewunderer“. Das spanische Wort „admirador“ meint eindeutig einen Mann. Und das, so die Kritikerinnen, bestätigt traditionelle Herrschaftsstrukturen im Geschlechterverhältnis: Der Mann beurteilt die Frau – nach ihrer Gestalt. Er darf das: bewerten, taxieren. Mir kommt das absurd vor. Schließlich spricht das Gedicht auch von Straßen und Blumen. Wenn die ebenfalls „vom Mann taxiert“ – hat das dann auch Empörungspotenzial? Absurd! Nein, das Ganze ist zugespitzt und enggeführt auf die sprachliche Verbindung von „mujeres“ und „admirador“. Das wird dem Gedicht nicht gerecht. Ist niemandem aufgefallen, dass Männer nicht Gegenstand der Bewunderung sind? Kann man das als Frau denn nicht auch so lesen? Mit Stolz auf das eigene Geschlecht. Ich weiß nicht, wann und warum Frauen aufgehört haben, stolz zu sein. Ich möchte jungen Frauen gern das Gefühl geben, stolz auf sich zu sein – auch wenn sie nicht Heidi-Klum-Konfektionsmaß haben.

Gibt es vielleicht einen schleichenden Übergang von der Bewunderung zur Belästigung? Wenn ich Ihnen sagte, wie sehr ich Sie bewundere, könnte Ihnen das unangenehm sein.

Also, wenn ich es nicht mehr ertrage, dass jemand mir sagt, „ich bewundere Sie“, dann bleibt uns nur noch das Schweigen. Belästigend würde es doch erst, wenn Sie mir keine Ruhe ließen, wenn Sie mir nicht mehr gestatten wollten, auf Abstand zu gehen, auch körperlich.

Da liegt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Debatte über „avenidas“ und der #metoo-Kampagne gegen sexuelle Belästigung und sexualisierte Gewalt. 

Faktisch ist beides vermengt worden, obwohl ich glaube: Es ist die richtige Debatte am falschen Objekt. Aber mal ehrlich, es bleibt mir ja auch fast nichts anderes übrig, als das zu sagen. Erst das Gedicht meines Vaters verteidigen und dann auch noch – Catherine-Deneuve-like – die #metoo-Kampagne kritisieren? Was glauben Sie, was dann los wäre?

Sie sind doch schon ein Stück auf Distanz gegangen, indem Sie gesagt haben, Bewunderung müsse im öffentlichen Miteinander von Männern und Frauen möglich sein. 

Ja, allerdings heißt das mitnichten, dass Männer zu Frauen sagen dürften: „Wenn du mir als Ausdruck deiner Bewunderung nicht sexuell gefällig bist, kriegst du diesen oder jenen Job nicht.“ Trotzdem beharre ich darauf, dass das auf einer komplett anderen Ebene liegt als jedes etwaige Gefühl von Belästigung durch ein Gedicht.