Avrum Burg: „Israels Botschafter sollte sich nicht zur Stimme der Rechten machen“

Jüngst regte sich Israels Botschafter Ron Prosor auf Twitter über den Leiter der Bildungsstätte Anne Frank auf. Avrum Burg sagt: Hier ist seine Zuständigkeit verfehlt.

Avraham „Avrum“ Burg, israelischer Autor und ehemaliger Politiker
Avraham „Avrum“ Burg, israelischer Autor und ehemaliger PolitikerAvrum Burg

Manchmal, wenn ich von Israel aus durch meine Twitter-Timeline scrolle, habe ich den Eindruck, feindliche Internet-Trolle hielten die israelische Botschaft in Berlin besetzt und verbreiteten von dort aus eine Reihe peinlicher Nachrichten im Namen unseres israelischen Botschafters, Ron Prosor. Etwa sein Tweet zur ursprünglich am 9. November angesetzten Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und des Goethe-Instituts in Tel Aviv namens „Den Schmerz der Anderen begreifen“.

Auf der Veranstaltung sollte es um das Buch der an Geschichte interessierten Journalistin Charlotte Wiedemann und die in diesem Buch verhandelten Bedingungen eines neuen Erinnerns gehen, das auch koloniale Verbrechen mit einbezieht. Prosor insinuierte, den Veranstaltern gehe es darum, den Holocaust zu relativieren. Sie seien „blind für den Schmerz der Überlebenden“. Er forderte selbst nach der Verschiebung des symbolischen Ursprungsdatums die Absage des Events – und tatsächlich, kurze Zeit später wurde es komplett abgesagt.

Zum Autor
Avrum Burg ist ein in Jerusalem lebender, israelischer Autor und ehemaliger Politiker der Awodah-Partei. Mitte der 1990er-Jahre war er Vorsitzender der Jewish Agency. Zwischen 1999 und 2003 war er Präsident der Knesset – dem israelischen Parlament.

Prosor schoss gegen Meron Mendel

Oder auch Prosors Tweet bezüglich der Entscheidung der Hochschule für Bildende Künste Hamburg, die in diesem Jahr zwei Gastprofessuren an Vertreter:innen des Künstler:innen-Kollektivs Ruangrupa vergeben hatte. Es gebe keine kleinen oder großen Antisemiten, so las man auf Prosors Twitter-Kanal. Man müsse zudem auch kein Professor sein, um zu verstehen, „dass sie (Ruangrupa, Anm. d. Red.) nicht als Gastprofessoren belohnt werden sollten!“

Unter der Leitung von Ruangrupa war in diesem Jahr auf der Documenta 15 bekanntlich ein Banner ausgestellt worden, das unter anderem eine antisemitische Darstellung eines Juden enthielt. Professor Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, war in den breit angelegten Diskussionen hierzu eine kontinuierliche Stimme der Vernunft gewesen. Und er tat nun, was jeder tun sollte, der sich ernsthaft für Toleranz einsetzt und die Lehren aus Nazismus und Rassismus zieht. Subtil brachte er seine Haltung zum Ausdruck, dass die Vergabe jener Gastprofessuren in Hamburg eine Chance zum Dialog über Antisemitismus und Rassismus darstelle. „Ruangrupa als Antisemiten zu verbannen“, sagte Mendel dem NDR, „das wäre ein großer Fehler.“

Wer Prosors Reaktion darauf von außen betrachtete, dem konnte es so erscheinen, als habe sich der Botschafter Prosor plötzlich seiner eigentlichen Pflichten enthoben und zum Twitter-Duell gegen Mendel berufen gesehen. Seine Tweets enthielten teils frei erfundene, persönliche Anschuldigungen – etwa, was Mendels angebliche Legitimierung des Antisemitismus betrifft: Merkwürdig, so schrieb Prosor, sei dass „der Direktor des ‚Anne Frank-Instituts‘ Personen verteidigt, die antisemitische Judenstereotypen fördern“.

Man muss wissen: Prosor ist ein talentierter Diplomat, vielleicht einer der talentiertesten, die Israel zu bieten hat. Er ist eloquent, präzise und im Grunde sehr ausgewogen. Den groben Angriff auf diejenigen zu erklären, die anders denken als er, erfordert ein tieferes Verständnis dessen, was Prosor in seiner Rolle als israelischer Botschafter in Deutschland vertritt.

Ein hemmungsloser Angriff

Ich persönlich glaube nicht, dass es sich bei dem Tweet gegen Mendel um Prosors persönliche Meinung handelt. Mit dem Angriff auf einen Pädagogen, Wissenschaftler und in Deutschland lebenden Israeli wird vielmehr versucht, eine vulgäre Botschaft an linksliberale Kräfte in Deutschland zu senden: Jede und jeder, der sich nicht der aggressiven Rhetorik Israels anschließt, wird zum Feind, zum Antisemiten, oder eben zum BDS-Unterstützer erklärt – und darf mit wilden Anfeindungen rechnen.

Immerhin: In Israel erkennt man Deutschland als Zentralachse Europas an. Und spielt daher alle verfügbaren emotionalen Mittel aus, um kritischen Diskurs im Vornherein abzuwenden. So bleiben israelische Politiker, die Palästinenser diskriminieren, von wirksamer Kritik von außen weitestgehend verschont. Deutsche Vertreter fürchten sich außerdem vor jeder israelischen Laune – was es unserer Regierung bisweilen erlaubt, alles das zu tun, wozu die Rechte uns zwingt. Und zwar ohne dafür im Ausland einen politischen Preis zahlen zu müssen.

Anstatt mit Weisheit und Präzision gegen tatsächlichen Antisemitismus anzukämpfen, werden hier also aus der Luft gegriffene Stellvertreterkämpfe geführt. Dies ist eine beliebte Strategie der Rechten in Israel: Wie manch andere präsentiert Prosor sich als Vertreter einer Politik der Verantwortungslosigkeit – das Kernmerkmal der israelischen Rechten, die jetzt die neue israelische Regierung bildet. Sie zieht kurzatmigen Populismus sachlichen Diskussionen vor. Jede noch so kleine Meinungsverschiedenheit wird in eine vermeintlich antisemitische Lebensgefahr verwandelt. Was die Vertreter jener Rhetorik nicht sehen – oder nicht sehen wollen: Sie machen sich damit zu den eigentlichen Leugnern des Antisemitismus.

Die Meinungsfreiheit steht auf dem Spiel

Denn derartige Rhetorik macht es faktisch immer schwieriger, berechtigte Kritik an israelischer Politik, welche wir Israelis aufgrund der Politiker an unserer Spitze zu Recht verdienen und willkommen heißen sollten, von tatsächlichem Antisemitismus zu unterscheiden. Antisemitismus, wie er vielerorts in Deutschland heute noch immer pulsiert.

Prosors Aktivismus im Fall Mendel trägt meines Erachtens zur Entfremdung wichtiger Teile der deutschen Gesellschaft bei, die sich etwa zu Recht gegen die Fortsetzung der Besatzung der Palästinenser aussprechen. Jene Intellektuelle, die noch immer versuchen, Brücken zwischen Israel und dem Westen zu bauen, sind für uns Israelis essenziell. Prosors Positionen mögen – sofern sie demokratisch sind und die Meinungsfreiheit nicht einschränken – in Israel als legitim gelten. Werden sie von offiziellen Vertretern im Ausland geäußert, wirken sie hingegen unangebracht. Kein Botschafter sollte sich ins Prozedere akademischer Institutionen einmischen. Und schon gar nicht in das eines anderen Landes.

Israels diplomatische Hybris, Druck auf einen Bürger des eigenen Landes auszuüben, der außerhalb Israels lebt, ist meiner Ansicht nach schlicht übergriffig. Bar jeder Subtilität erklärt Prosor einem angesehenen, israelischen Professor, der essenzielle Beiträge zur Förderung der Toleranz in Deutschland leistet, den Twitter-Krieg. Ich denke: Der israelische Staatshaushalt sollte seine Mittel nicht für so etwas verschwenden. Ich unterstütze Mendels Position. Und setze mich – wie er – dafür ein, mit indonesischen Dozenten und Künstlern in den Dialog einzutreten. Einen Dialog für den Frieden. Einen Dialog gegen Antisemitismus und Rassismus.

Aus dem Hebräischen von: Hanno Hauenstein

Bei diesem Text handelt es sich um einen Gastbeitrag.

Vor dem Erscheinen dieses Textes wurde die israelische Botschaft von der Redaktion der Berliner Zeitung mit dem Vorschlag kontaktiert, der israelische Botschafter könne auf die Debatte mit einem eigenen Beitrag und einer Antwort reagieren. Die Berliner Zeitung steht für Pluralität. Haben Sie Feedback? Möchten Sie sich äußern? Schreiben Sie uns: briefe@berliner-zeitung.de / die Redaktion.