Axel Ranisch (li.) und Devid Striesow gehen vor unserem Gespräch fürs Foto auf den Balkon. Der Beethoven steht sonst nicht dort.
Foto:  Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinFilmplakate, Fotos, DVDs und CDs beherrschen die Wohnung in Berlin-Lichtenberg, in der wir Axel Ranisch und Devid Striesow zum Gespräch treffen. Die Balkontür steht weit offen: sicher ist sicher in diesen Tagen. Der Regisseur und Schauspieler Axel Ranisch, Jahrgang 1983, ist hier aufgewachsen. Der Schauspieler Devid Striesow, zehn Jahre früher in Bergen auf Rügen geboren, ist nicht zum ersten Mal hier. Denn seit April 2018 haben die beiden eine gemeinsame Kolumne bei Deutschlandfunk Kultur, die inzwischen als Podcast abrufbar ist: „Klassik drastisch“. Diesen Titel trägt nun auch ihr gemeinsames Buch. Das Gespräch verläuft lustiger, als es sich hier darstellen lässt. Ranisch und Striesow teilen nicht nur die Klassik-Begeisterung, sondern einen ansteckenden Humor.

Wir kennen Sie beide vom Theater und vom Film. Wie kamen Sie darauf, gemeinsam über Klassik zu sprechen?

Axel Ranisch: Das hat mit dem Radio angefangen. Die Redakteurin der „Echtzeit“ im Deutschlandfunk wollte mir fünf Minuten Sendezeit geben, wenn mir etwas dafür einfällt. Da war mir sofort klar, dass ich über Klassik schwärmen möchte.

Und warum mit Devid Striesow?

Ranisch: Wir hatten uns kurz zuvor beim Dreh von „Zorn“ kennengelernt und festgestellt, dass wir beide Klassik-Nerds sind. Und wenn man als nichtberuflich mit Musik beschäftigter Klassik-Nerd auf einen anderen trifft, dann ist man schon sehr froh.

Devid Striesow: Erst recht, wenn das während eines Nacht-Drehs im kalten Halle passiert.

Also in der Krimireihe, in der Sie Kommissar waren, hatte Devid Striesow auch eine Rolle, so weit können wir folgen. Aber wie erkennt ein Klassik-Nerd den anderen?

Striesow: Wir haben gefroren, es hat geregnet.

Ranisch: Es war Kunstregen.

Striesow: Und du musstest mich verhaften. Mir ging es gar nicht gut. Und als es von der Regie hieß, „Haltet mal einen Augenblick die Stellung!“, lagen wir uns so gut wie in den Armen und du hast mich gefragt: „Was machste eigentlich sonst so?“ „Na, ich höre viel Klassik.“ Vielleicht war es auch anders, aber ein bisschen was Wahres ist dran.

Ranisch: Und dann haben wir erst acht Folgen zusammen gemacht, dann noch einmal und noch einmal, bis dann der Ullstein Verlag uns fragte, ob wir unsere Begeisterung nicht auch in ein Buch gießen wollen.

Foto: Markus Wächter
Devid Striesow

Devid Striesow, 1973 auf Rügen geboren, lebt in Berlin und in der Uckermark. Er studierte an der Schauspielschule „Ernst Busch“. Er gehört zum Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Sieben Jahre war er „Tatort“-Kommissar für den Saarländischen Rundfunk, seit 2018 ist er ein Privatdetektiv in der ZDF-Krimiserie „Schwartz & Schwartz“. Für das Kino arbeitete er u. a. mit den Regisseuren Christan Petzold („Yella“), Stefan Ruzowitzky („Die Fälscher“) und Burhan Qurbani („Wir sind jung. Wir sind stark“).

Ohne dass Sie die Hauptsache, die Musik selbst, zur Verfügung hatten...

Ranisch: Ja, für den Podcast nehmen wir uns zuerst ein Werk vor und diskutieren es gemeinsam. Jetzt wollten wir auch unsere eigenen Geschichten mit der Musik erzählen.

Striesow: Wir hatten durchaus Lust, ein anderes Medium auszuprobieren: Ein Buch zu schreiben, das man später in den Händen halten kann. Es war für uns beide interessant, sich zu vergewissern, woher dieses Interesse an klassischer Musik kommt, wie es gewachsen ist. Wir haben uns jeder damit zurückgezogen und die Texte anschließend zusammengesetzt.

Sie geben aber zu, dass das eine Herausforderung an den Buchhandel ist? Zwei Menschen, die kein Paar sind, schreiben gemeinsam ein autobiografisches Werk.

Ranisch: Das würde mich sofort interessieren. Nein, im Ernst: Autobiografie klingt übertrieben, furchtbar eitel.

Striesow: Und es ist auch sehr fragmentarisch. Ein Antrieb für uns ist ja, andere Menschen an die klassische Musik heranzuführen. Wir wollen sie mit unserer Empathie an die Hand nehmen und ihnen die Ohren öffnen.

Warum, Herr Ranisch, fällt Ihr Anteil autobiografischer Texte im Buch größer aus als der von Herrn Striesow, der etwas älter ist und mehr erlebt haben dürfte?

Ranisch: Mich hat es einfach gepackt beim Schreiben, und ich hatte wohl auch mehr Zeit. Devid steckte mitten in Dreharbeiten, es war noch keine Corona-Pause, als das Buch entstand. Jetzt ist mir das selbst ein bisschen unangenehm.

Striesow: Beim zweiten Band drehen wir es um…

„Klassische Musik ist Lebensglück. Und wir sind die Botschafter des Glücks“, zitiert der Verlag Sie. Glauben Sie, dass es nötig ist, Menschen an Klassik heranzuführen?

Ranisch: Oh ja. In meinem Freundeskreis gibt es kaum jemanden, der privat klassische Musik hört. Ich versuche die aber alle mit der Nase drauf zu stupsen. Und manchmal überträgt sich meine Begeisterung für bestimmte Werke oder Komponisten dann. Ich würde mich schon gern noch viel mehr über Klassik austauschen. Inzwischen treffe ich öfter Berufsmusiker, die haben aber selten Lust, nach der Arbeit noch über Musik zu quatschen.

Striesow: Ich bin da auch sehr alleine. Ich komme aus Verhältnissen, in denen diese Musik 24 Stunden am Tag präsent war, am Konservatorium in Rostock, im Landesjugendorchester. Doch mit dem Schauspielstudium war das total abgerissen. Bis ich Axel traf, hatte ich mich jahrelang nicht mehr über klassische Musik unterhalten.

Erklären Sie doch bitte mal den Titel des Buches: Was ist drastisch und was ist Klassik?

Ranisch: Möglichst drastisch soll es sein, weil wir schnell und stark die Liebe entfachen wollen. Und die Erlebnisse in Kindheit und Pubertät, die wir beschreiben, sind auch ganz schön drastisch verlaufen. Natürlich weiß ich, was Sie sagen wollen, Herr Uehling, das Hauptwort bezeichnet strenggenommen die Wiener Klassik im 18. und 19. Jahrhundert, aber im allgemeinen Verständnis ist es doch viel mehr.

Striesow: Für den eigentlich notwendigen zehnzeiligen Untertitel fehlte leider der Platz.

Sie, Herr Ranisch, hatten durchaus kompositorische Ambitionen. Wie tief sind Sie da eingestiegen?

Ranisch: Höhepunkt war mein kleines Klaviertrio zum Abiball, wovon wenigstens das Scherzo aufgeführt wurde. Ich habe dann die ganze Partitur damals aus Liebe an jemanden überreicht, der sie mir nie zurückgegeben hat.

Striesow: Vielleicht taucht sie jetzt wieder auf, derjenige könnte sich unter den Lesern befinden.

Gut. Und dann führen Sie das Stück im Haus des Berliner Verlags auf.

Ranisch: Genau, und sterbe vor Scham über den jugendlichen Schmarren. Nein, ganz ehrlich, ich habe viel ausprobiert, ungarische Volksweisen, die auf Liszt oder Bartók schließen ließen, auch Prokofjew oder Satie wollte ich nachempfinden. Aber das hatte alles nicht so viel mit mir zu tun, außerdem fehlten mir die Fertigkeiten. Ich habe mit 15 das Klavier bekommen, das ich mir gewünscht hatte, das hat einfach nicht gereicht. Beim Filmemachen war ich freier, da hatte ich nicht so viel Respekt.

Aber haben Sie nicht auch für Ihre Filme komponiert?

Ranisch: Für einige Kurzfilme ja, aber inzwischen kann ich mit meiner Komponistin Martina Eisenreich zusammenarbeiten. Sie hat mir für meinen zweiten „Tatort“ eine ganze Sinfonie geschrieben. Bevor ich Opern inszenierte, habe ich beim Film schon gearbeitet wie bei der Opernregie: Erst gibt es die Musik, dann kommen die Bilder. Für jede Szene habe ich Musik im Kopf, sie gibt den Rhythmus vor.

Striesow: Diese Methode kenne ich aus der Arbeit mit Christian Petzold, das ist sehr befruchtend. Er lässt während der Proben und der Aufnahmen Musik laufen und nimmt sie später auch für den Film. Es macht etwas mit den Leuten, wenn sie Musik hören.

Sie, Herr Striesow, spielen ein Instrument oder sogar mehrere?

Striesow: Ich habe mit sechs Jahren mit Geige angefangen. Später habe ich Gitarre in einer Band gespielt. Und als es dann mit meiner Lehre nichts wurde, durch Mauerfall, Wende und so weiter, wollte ich Musik studieren. Deshalb fing ich neben dem Abitur an, Klavier zu lernen – noch später als Axel, nämlich erst mit 18, allerdings wirklich intensiv. Als ich dann an die Schauspielschule wechselte, habe ich dann auch die E-Gitarre sausen lassen.

Und was spielen Sie jetzt?

Striesow: Jetzt höre ich lieber Musik. Ich habe mir mal kompliziert die Hand gebrochen und konnte nicht mehr auf dem Niveau einsteigen, das ich mal hatte.

Lassen Sie uns noch einmal zum Stichwort „drastisch“ kommen. Sie beide wissen so viel über Musik, wählen aber den emotionalen Weg, um sie den Hörern und Lesern zu vermitteln. Warum gehen Sie da nicht stärker auf die intellektuelle Ebene?

Ranisch: Ach, das machen andere besser. Ich würde mir nicht zutrauen, mehr zu analysieren. Meine Erfahrung ist eher, dass ich die Begeisterung weitertragen kann.

Würden Sie eigentlich ein Buch wie Ihres – geschrieben von Nichtfachleuten – auch für die anderen Künste möglich und nötig halten?

Ranisch: Musik setzt zum Verstehen ein Handwerk voraus, das der alltäglichen Erfahrung deutlich ferner liegt als Bilder oder Dramaturgie. Jeder kann sich vorstellen, dass er einen Text schreibt, aber kaum jemand, Musik zu komponieren. Und ebenso schwer zu erklären ist, was in der Musik vorgeht. Ich stelle mir immer vor, wie ich meinen Eltern erklären würde, was gerade passiert. Da wäre es eher abschreckend, wenn ich mit der Sonatenhauptsatzform anfinge, von der wir immerhin manchmal noch im Podcast sprechen…

Striesow: Aber das ist auch wirklich das Höchste der Gefühle. Wenigstens fünfzig Prozent der Hörer sollten verstehen, was wir meinen!

Ranisch: Und ich würde ihnen gerne die Angst nehmen und dazu aufrufen, sich Geschichten auszudenken, denn diese Musik ist reich an Bildern und Emotionen.

Tatsächlich erzählen Sie selbst Musikstücke gern als Filme, warum?

Ranisch: Ich kann nicht anders, ich höre sie als Geschichten. Ich bin nun mal Filmemacher. Und ich glaube, viele Menschen können diese Begeisterung entwickeln, die wir haben, man muss sie nur ausgraben. Klassische Musik bringt so viel mit, das man ohne Vorbildung schön finden kann. Ich weiß nicht, ob Film und Literatur so einen Zugang, wie wir ihn versuchen, brauchen. Ich hätte auch nicht gedacht, dass das, was wir machen, so interessant ist, dass es für ein ganzes Buch reicht. Wenn ich merke, dass wir andere für klassische Musik begeistern können, was ich mir in dem Ausmaß nie erträumt hätte, dann bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt.

Vielleicht muss man aber Leute auch fürs Arthouse-Kino begeistern, für Petzold-Filme also oder auch Ihre Filme, Herr Ranisch. Wollen Sie über die Grenze zwischen E und U springen?

Foto: Markus Wächter
Axel Ranisch

Axel Ranisch, 1983 in Berlin geboren, lebt in Berlin. Er studierte an der Filmuniversität „Konrad Wolf“ in Babelsberg. In der ARD-Krimireihe „Zorn“ agierte er als Kommissar. Er schreibt und inszeniert Filme („Dicke Mädchen“, „Alki Alki“), inszeniert Musiktheater an der Bayerischen Staatsoper und der Staatsoper Stuttgart, entwickelte eine Theaterfassung von Christine Nöstlingers Kinderbuchklassiker „Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse“. 2018 veröffentlichte er den Roman „Nackt über Berlin“.

Striesow: Definitiv. Sie macht die Wahrnehmung eng. Man darf, wenn man mit Kunst zu tun hat, zunächst nichts ausschließen.

Es gibt allerdings auch von den Künstlern selbst errichtete Grenzen, ob in der neuen Musik, in der das Intellektuelle stark betont wird, ob im Arthouse-Film, wo sich Regisseure bewusst von Hollywood absetzen wollen.

Striesow: Aber das verhindert zugleich, dass man etwa einen Film von Angela Schanelec in seiner ganzen Breite wahrnimmt. Auch Kenner und Könner wissen dann nicht, ob sie lachen dürfen, und keiner wagt, etwas zu empfinden oder gar eine Meinung zu äußern.

Ranisch: Wenn ich vor meinen Filmen eine Einführung gebe, dann verstehen die Leute meinen Humor. Wenn ich das nicht mache, dann bleibt es deutlich stiller und alle fragen sich, ob das ironisch gemeint ist oder wie sonst.

Striesow: Oder sie werden aggressiv: Angela Schanelec wurde nach der Aufführung von „Mein langsames Leben“ gefragt, warum sie den Film nicht „Mein langweiliges Leben“ genannt habe.

Ranisch: Was hat sie geantwortet?

Striesow: „Ich fand das einfach den besseren Titel.“

Berlin ist ein Ort für die Klassik. Genießen Sie es, in Berlin zu leben und fehlt Ihnen jetzt in der Krise das musikalische Angebot?

Ranisch: Ich vermisse das ganz doll. Ich habe beim Rundfunk-Sinfonieorchester zwei Abos. Zusammen mit der Oper komme ich auf zwei bis drei Live-Musikerlebnisse im Monat, und diese Spannung, dieses konzentrierte Miterleben auf einem guten Platz weit vorne kann mir die heimische Anlage nicht ersetzen.

Striesow: Vor dem Shutdown stand ich in drei Inszenierungen auf der Bühne, und wenn ich einen Abend nicht spiele, bringe ich auch gerne die Kinder ins Bett, insofern war meine Konzertpräsenz ohnehin nicht so groß. Für mich sind Kopfhörer das A und O.

Herr Ranisch, Sie schreiben, dass das Opernerlebnis zu zweit vor dem Fernseher viel schöner sein kann als im Opernhaus. Warum?

Ranisch: Weil man anhalten kann, wann man will, um seine Eindrücke auszutauschen, Luft zu holen oder auch aus der Küche Käsewürfel und Chianti zu holen. Alleine funktioniert das nicht so gut. Seit der Krise gibt es von den Opernhäusern vermehrt Live-Streams, da mache ich hier die Leinwand herunter und lade ein, zwei Leute ein, mit Abstand natürlich.

In Ihrem Buch konzentrieren Sie sich – von Ausreißern wie Bach oder Schönberg abgesehen – auf das 19. Jahrhundert. Es fehlen Mozart, Schumann, Strauss…

Striesow: Bis auf Strauss hatten wir die aber alle im Radio besprochen. Wir haben in 37 Folgen noch keinen Komponisten doppelt gehabt.

Wie kam die Auswahl für das Buch zustande?

Striesow: Das sind unsere Lieblingsfolgen.

Ranisch: Anders als bei einer Podcast-Staffel, wo wir darauf achten, nicht immer nur 19. Jahrhundert zu bringen, sondern zu wechseln, haben wir das bei der Auswahl für das Buch nicht berücksichtigt. Es sind auch erstaunlich viele Violinkonzerte…

Striesow: Das liegt an mir. Ein Therapeut erkennt darin wahrscheinlich die Sehnsucht nach einer technischen Vollkommenheit, die mir nie erreichbar war.

Sie bewegen sich mutig außerhalb des Kanons. Beethoven etwa kommt vor, aber keineswegs prominent. Sie vermitteln beeindruckend vieles aus dem 19. Jahrhundert – von Saint-Saëns oder Mussorgski –, das hierzulande gar nicht so geläufig ist.

Striesow: Da bin ich wiederum Axels Leidenschaft dankbar, denn an denen bin ich immer mehr oder weniger vorbeimarschiert.

Vermutlich weil Sie immer wussten, wo Sie hinwollten, Herr Striesow. Sie sagen, Bach sei Ihr Zuhause. Können Sie das erklären?

Striesow: Bach strukturiert. Wenn ich Bach höre, habe ich das Gefühl von Nachhausekommen. Ich fühle mich aufgehoben.

Ranisch: Wenn in einem Lebensmoment ein Stück Musik eine besondere Rolle gespielt hat, dann ist dieser Moment auch beim Hören sofort wieder da. Rachmaninow hat meine Jugend bedeutet. Es war der wichtigste Komponist, als ich vierzehn, fünfzehn war, zusammen mit Schostakowitsch. Wenn ich die Russen höre, bin ich sofort zu Hause.

Striesow: Da hast du mir auch Türen geöffnet. Musik an sich bedeutet, wenn man denn dieses Wort verwenden will, nach dem man immer wieder gefragt wird: Heimat. Es ist ein Stück von einem selbst.

Das Buch: Devid Striesow, Axel Ranisch: Klassik drastisch. Lippenbekenntnisse zweier Musik-Nerds.
Ullstein, Berlin 2020. 208 S., 20 Euro