Donald Trump hält am 12. Oktober 2020 Masken in der Hand, bevor er sie seinen Unterstützerinnen und Unterstützern zuwirft.
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BerlinNew York ist in Aufruhr, es ist der 11. September 2001, die beiden Türme des World Trade Center sind gerade eingestürzt. Ayad Akhtar, der Protagonist (und Autor) des Romans „Homeland Elegien“, stellt sich zum Blutspenden in die Schlange eines New Yorker Krankenhauses, um als Migrant den Opfern seine Solidarität zu beweisen. Doch irgendetwas ist anders: Der Mann, dem man seinen muslimischen Migrationshintergrund klar ansieht, wird von einem Passanten erst angestarrt, dann wirsch angepöbelt: „Wir wollen dein arabisches Blut nicht. Keiner will dein arabisches Scheißblut!“ 

Akhtar weiß nicht, was er tun soll. Er beginnt vor Angst zu zittern. Urin läuft ihm das Bein herunter. In der emotionalen Ausnahmesituation kann er sich nicht anders helfen, als impulsartig davonzurennen. An der nächsten Ecke entdeckt er einen Laden mit Halsketten, an denen Jesuskreuze baumeln. Akhtar nimmt sich eine Kette und legt sie sich um. Drei Monate lang trägt er das Kreuz um den Hals – aus Angst vor Anfeindungen, aus Schutz vor Angriffen. Dieser Moment, er wird sein Leben für immer verändern.

Der 11. September ist ein Wendepunkt

Bei dieser Szene handelt es sich um eine von vielen verstörenden Passagen, die Ayad Akhtar, 1970 geboren, in seinem neuen Roman „Homeland Elegien“ beschreibt. In einer Art Fiebertraum erzählt der Autor, wie sich Amerika in den letzten fünfzig Jahren mehr und mehr zu einem rassistischen, gewaltbereiten und hochkorrupten Land entwickelt hat. Insbesondere für jene, die einst ihre Heimat verlassen haben, um in Amerika ein neues Zuhause zu finden. „Homeland Elegien“ ist eine Anklage, ein tief erschütternder Text, der von einer Migrantenfamilie erzählt, die auf der Suche nach Freiheit und Gleichheit in die USA gekommen ist und von der Realität bitterlich enttäuscht wurde.

Der Schriftsteller Ayad Akhtar
Foto: Ullstein Verlag/Vincent Tullo

Der Roman spielt ganz bewusst mit den Überschneidungen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Erzähler- und Schriftsteller-Instanz. Wie der Ich-Erzähler ist auch der Theaterautor Akhtar als Sohn gebildeter Pakistaner in den USA geboren, die in den 1960er-Jahren nach Wisconsin ausgewandert sind. Der Vater, Sikander, entwickelt sich zum renommierten Herzspezialisten, der bedeutende Persönlichkeiten behandelt. Unter anderem auch Donald Trump, der Anfang der 1990er-Jahre unter Herzrhythmusstörungen leidet. Ob nun die Begegnungen zwischen Sikander und Trump wirklich stattgefunden haben – das bleibt in der Schwebe. Aber genau diese Unschärfe macht den Roman so interessant.

Die Begegnungen sind die Schlüsselmomente des Textes. Sie haben erheblichen Einfluss auf Sikander, der, getrieben von der Sehnsucht nach dem großen Bling-Bling-Leben, dem käuflichem Sex und den Hubschrauber-Ausflügen, sich vom Charisma des Immobilienspekulanten begeistern lässt. Die Faszination geht sogar so weit, dass der Arzt mit einer von Trumps Prostituierten eine Affäre beginnt, von der der Sohn erst Jahre später durch eine zufällige Begegnung mit seiner Halbschwester erfährt.

Bis die Blase platzt

Irgendwann beendet Trump seine Behandlung bei Akhtars Vater. Doch die Erinnerung lässt den Herzchirurgen nicht los: Sikander fliegt nach New York, geht zu Trumps Schneider, isst in dem Restaurant, wo er einst mit Trump Spaghetti mit Hackbällchen bestellte. Seine Trump-Begeisterung flammt im Jahr 2016 mit neuer Intensität wieder auf. Als pakistanischer Migrant tut Sikander etwas, das seinen Sohn beinahe in den Wahnsinn treibt: Der Arzt unterstützt Trump bei seinem Präsidentschaftswahlkampf, der geprägt sein wird von anti-muslimischer Hetze.

Wie konnte es nur soweit kommen? Genau diese Frage lässt den Sohn nicht mehr los. Akhtar vergleicht die Trump-Obsession mit einer Sucht, die erst nach dessen Amtsantritt zum Erliegen kommt. Zwanzig Jahre nach der ersten Begegnung versteht Akhtars Vater endlich, dass er auf einen Scharlatan hereingefallen ist. Um diese grandiose Enttäuschung und Desillusionierung und deren Gründe zu verstehen, genau deshalb hat Akhtar den Roman „Homeland Elegien“ verfasst. 

Die USA sind auf Lügen gebaut

Natürlich, auch Akthar kann nur spekulieren, was Trump so erfolgreich macht. Er geht davon aus, dass es die Lust der Amerikaner ist, lieber einer guten Story zu glauben, als sich mit der mal langweiligen, mal bitteren Wahrheit zu beschäftigen. Die Lust an der Lüge ist das zentrale Element, das für Akhtar den verdorbenen Kern der USA ausmacht, den so viele Amerikaner geschluckt haben.

In den „Homeland Elegien“ sortiert Ayad Akhtar seine Gefühle über das zunehmend aus den Fugen geratene Land. Was man nicht vergessen darf: Er tut dies aus Liebe. Denn in der harschen USA- und Kapitalismus-Kritik glimmt immer wieder der Glaube auf, dass es trotz aller Probleme ein Amerika geben könnte, das zu seinen demokratischen Werten zurückfindet.

Momentan ist das Gegenteil der Fall. Momentan sind die USA eher ein Flickenteppich als ein Schmelztiegel. Das zeigt der Roman in einer hinreißenden, verstörenden Sprache: „Alle stammen aus so vielen verschiedenen Ländern und haben so verschiedene Erfahrungen gemacht (...). In der Chemie gibt es Pufferlösungen, die andere Bestandteile verbinden, sie aber immer getrennt halten und genau das ist dieses Land: eine Pufferlösung.“

Ayad Akhtar: Homeland Elegien. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Claassen, Berlin 2020. 464 S., 24 Euro, als E-Book 19,99 Euro.