Das kam jetzt doch sehr überraschend. Am vergangenen Wochenende hat Azealia Banks, die höchstberaunte Rapperin der letzten drei Jahre, ihr Debütalbum veröffentlicht. Genauer: Sie hat es „beyonciert“, wie das Time-Magazine in Anspielung auf Beyoncé Knowles’ unangekündigt und über Nacht in die Öffentlichkeit geworfene letzte CD schrieb. Dass „Broke With Expensive Taste“, so der Titel, derart aus dem Blauen erschien, erklärt allein jedoch die Überraschung nicht. Dazu muss man ein bisschen ausholen.

Azealia Banks’ Debütsingle „212“ erschien im Dezember 2011 und brachte die damals 20-jährige Künstlerin aus Harlem sogleich in die Kritikercharts und auf die wesentlichen Ausblickslisten fürs kommende Jahr. Dies gelang einerseits, weil sie schick und forsch abgespeckte Beats wirbelte und ihre Reime ebenso rasant wie auffällig unzimperlich formulierte; andererseits stellte sie sogleich vollmundig ein zeitnahes Album in Aussicht – das fortan ebenso tapfer angekündigt wie Saison um Saison verschoben wurde. Stattdessen erschien vor zwei Jahren die Retro-Beat-getränkte EP „1991“ und das flotte Gratis-Mixtape „Fantasea“, dazu gab es sehr sporadisch ein paar Singles, die zum Teil wegen Urheberrechtsproblemen gleich wieder zurückgezogen wurden.

Mehr Aufmerksamkeit als durch knackige Raps erhielt sie unterdessen durch lautstarkes Twittergerappel. Im Wochentakt stritt sie sich mit einer eindrucksvollen Reihe von Konkurrentinnen und Unterstützern, von Angel Haze bis zu Nicki Minaj, von Lily Allen bis zu Lady Gaga, von Pharrell Williams, den sie für die Single „ATM Jam“ gewonnen hatte, bis zum britischen Club-Duo Disclosure, deren Produzentenbeitrag nun wohl ewig ungehört bleiben wird. Dazu attackierte sie – selbst erklärtermaßen bisexuell – den Klatsch-Blogger Perez Hilton mit homophobem Geschrei. Und die ganze Zeit über zankte sie sich – nachdem sie als Miss Bank$ bereits einen frühen „Entwicklungsvertrag“ mit dem britischen Hipster-Label XL hatte platzen lassen – mit ihrer Plattenfirma Universal. Als sie schließlich vor kurzem der „Hölle“ des Major-Labels entkommen konnte, schien das Album endgültig abgehakt. Azealia Banks schien sich unter dem enormen Druck, wenn schon keine Musik, so wenigstens Gesprächsstoff zu liefern, endgültig und am falschen Ende verbraucht zu haben.

Und nun hat sie das Album nicht nur unter eigener Regie beendet und gleichsam leise auf iTunes veröffentlicht. Es ist sogar ziemlich super geworden. Allerdings sollte man dabei die üblichen Erwartungen, die man mit einem Album verbindet, schnell vergessen. Banks eilt derart hakenschlagend durch die 16 Songs, dass man sie fast aus den Augen verliert. Am Ende wundert man sich kaum mehr darüber, dass sie als absurden Höhepunkt ein Beach-Boys-Surf-Pastiche mit Gitarrentwang und Kinderorgel namens „Nude Beach A-GoGo“ aus der Feder des kalifornischen Retrorockers Ariel Pink singt.

Hicksend gefiepter Synthie

Ein paar der Stücke kennt man bereits aus den vergangenen Jahren. Noch immer eindrucksvoll hört man zum Beispiel „212“ mit seinem dünnen tribalistischen Getrommel, hicksend gefieptem Synthie und in den Hintergrund gemischtem, schnellzüngig unterkühltem Rap. Mit geradem Takt, zerbeulten Bässen und einem einzelnen, schön nervtötend getippten, hohen Ton reflektiert auch die Single „Heavy Metal and Reflective“ aus dem letzten Sommer den aktuellsten Standard des Genres.

Aber zwischen Surfpop und Klöppel-HipHop saust Banks im Grunde durch alle derzeit verfügbaren Entwürfe clubtauglicher Musik. Es gibt – oft während der Stücke wechselnd – triefende Synthiefülle und 90er-House-Wuppen, bratzende Latinbläser und schaukelnde Salsarhythmen, dazu gestrippte, zickige UK-Garage, dancehallnahes Buckeln und natürlich subaquatische, brummende Bässe.

Kaum verwunderlich fehlen die HipHop-üblichen Gastbeiträge verkaufsfördernder Namen. Aber keiner wird sie vermissen. Denn wo Banks bisher eher andeutete, dass sie auch singen kann, bemerkt man nun, dass sie nicht nur ein gewisses Talent dazu hat; sie übernimmt ausgiebig Gesangsparts und zeigt sich als vollgültige Sängerin mit Housedivenappeal. Und auch rappend löst sie das Versprechen abendfüllender Originalität der Bilder, Dynamiken und Reimmuster ein.

Interessant ist dabei jedoch nicht nur, wie sehr sie sich ganz offenbar durch die Abkehr von der Major-Firma befreit hat. Man versteht auch, dass die Probleme offenbar wirklich künstlerischer Natur waren. Die stilistische Unübersichtlichkeit und der mühelose Trip vom US-Radio über den Atlantik in die britischen Clubs und zurück überfordern jede Marketingschablone. Dabei scheint sie – so der Eindruck beim Hören – auf geheime Weise den Überblick zu behalten. Und sie beweist eine seltsame Ausdauer darin, in dem Durcheinander die Spannung zu bewahren, wo selbst die erfahrene Abenteurerin Nicki Minaj zuletzt ihr Album durch eine stilistische Zweiteilung vor dem Auseinanderfallen bewahren musste.

Manche verstehen das biografisch. Sie erkennen in Azealia Banks exemplarisch den Ton New Yorks, wo man an jeder Ecke einem neuen Beateinfluss aus aller Welt begegne. Das ist durchaus nachvollziehbar. Wichtiger scheint jedoch die eigenartig untiefe Art, wie sie damit umgeht. Diese wiederum prägt ihre gesamte mediale Präsenz und erhellt nun noch die scheinbar erratische Streitlust: Als hyperwache Beweglichkeit, mit der – zack, neuer Hashtag – jede Idee gleich hinausgezwitschert wird. Azealia Banks erklärt Atemlosigkeit zur künstlerischen Strategie.

Azealia Banks: Broke With Expensive Taste (Download)