Zum Fototermin hat sich die Tänzerin nicht extra aufgewärmt. Sie muss später noch zur Probe, hat dann Vorstellung, das braucht Vorbereitung, aber ein Foto? Ach nö. Den Sprung schafft sie trotzdem aus dem Stand. Der Satz vom Schneidersitz auf einen Arm, die Beine in der Luft zum Spagat gestreckt – kein Problem. Afina Feodossiadi, 25, ist nur 158 Zentimeter groß, schmal, eine fast unauffällige blasse Schöne, aber in der Kreuzberger Tanzschule Flying Steps Academy übersieht sie keiner. Als sie in Trainingssachen durch die Eingangshalle läuft, rücken sich ein paar farbige Muskelmänner auf den Sofas zurecht und applaudieren ihr zu: „Yeah!“ Warum das? „Na, sie ist ein Star!“ In der Szene, auch in dieser Schule, hat Afina ein gewaltiges Standing.

Hier kann man auch beobachten, wie erdenschwer es tatsächlich ist mit der Leichtigkeit. Von Flying keine Rede. Nur Afina tanzt, als fliege ihr alles zu. Gerade tritt sie acht Wochen im Hamburger Bahnhof auf. Nach Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ bringen hier Tänzer der Flying Steps und Figuren des Graffiti-Duos Osgemeos in Vartan Bassils Inszenierung „Flying Pictures“ den alten Klavierzyklus zum Tanzen: rasant und abgedreht. Neben sieben B-Boys, also Breakdancern, stehen zwei Girls auf der Bühne – die Ballerina Maria Tolika mit zeitgenössischem Stil und Afina als B-Girl.

Sie wuchs in Kasachstan in einer griechisch-deutschen Familie auf, in der niemand tanzt, nur sie, die bald auf Breakdancer traf: „Zehn Jungs und ich. Wir sahen alle gleich aus in unseren weiten Klamotten, ich völlig unsexy, aber wir gewannen alle Battles. Es gab kein Fitnessstudio, wir trainierten auf der Straße.

Die Armmuskeln kamen mit dem Handstand“. Breakdance beherrschen in der Spitze nur wenige Girls. Afina: „Das muss man wollen, es ist eine Frage von Größe, Kraft und Athletik.“ Mit 16 zogen Afina, ihre Mutter und die deutsche Großmutter nach Baden-Württemberg.

Bei der ProSieben-Show „Masters of Dance“ schaffte sie es in die Sieger-Crew 

Sie wollte da erst nicht hin: „Ich sprach ja kein Wort Deutsch, musste gleich auf die Realschule. Der Anfang war schrecklich.“ Doch die Kasachin erwies sich als Paradebeispiel für perfekte Integration. Sie ackerte, wollte es packen: „Eine Lehrerin gab mir Deutschstunden, überhaupt jeder war gut zu mir. Ich hatte alle Chancen.“ Heute spricht sie fast akzentfrei Deutsch, dazu Englisch, Kasachisch, Russisch und etwas Griechisch. Selbst das Tanzen hat sie noch mal „richtig“ gelernt in einer Ausbildung zur Tanzpädagogin: „Ballett unterrichtete eine bulgarische Primaballerina, das war hart für mich mit 18, eben ganz was anderes. Doch die Lehrerin glaubte an mich, nach einem Jahr konnte ich es.“ Heute unterrichtet Afina selbst und beherrscht jeden Stil.

Man sah das in der Castingshow „Masters of Dance“ auf ProSieben, in der sie es in die Sieger-Crew von Vartan Bassil schaffte. Der Choreograf sprang auf, als er ihre Sprünge das erste Mal sah. Holte sie in seine Company. Zwei Monate probten sie täglich acht bis zehn Stunden für „Flying Pictures“, nach einer furiosen Premiere laufen jetzt 49 Shows. Ein so großes Engagement hatte sie noch nie. Sie verlor indes nichts von ihrer Unbekümmertheit, gibt immer alles, probiert Neues, auch, nachdem sie sich mal beide Arme gebrochen hatte. Selbst jetzt, kurz vor der Premiere, versuchte sie einen Airflare, stürzte, das Knie schwoll sofort an.

„Alle waren sauer, wollten erst nicht mal Eis für mich holen. Tja, da hatte ich nicht nachgedacht, dumm! Und ich wünsche mir doch so sehr, dass das Stück auf große Tournee geht, weil ich da mitwill!“ Eine Tour? Der Veranstalter sagt besonnen: Es sieht gut aus, der Erfolg in Berlin entscheidet. Immerhin, „Flying Bach“ von 2010 reist bis heute durch die Welt.

Flying Pictures Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50–51, Mitte. Sa 10 und 21 Uhr, So 19 Uhr.