„Baby Doll. Eine Flucht mit Beethovens 7. Sinfonie“: Blick auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin. 
Foto: DAVIDS/Sven Darmer

BerlinDie erste Premiere der Saison an der Deutschen Oper mit dem Titel „Baby Doll“ ist einer der interessantesten Beiträge zum Beethoven-Jahr geworden – vermutlich, ohne ausgerechnet das zu beabsichtigen. Während Daniel Barenboims puristisches Durchwinken aller Neune zur Erbauung des Staatskapell-Publikums alle Vorurteile über den einsamen symphonischen Olympier bestätigt, steht Beethovens Siebente an der Deutschen Oper plötzlich in spannungsvoller Beziehung zum Bühnengeschehen.

Ursprünglich sollte die Saison mit einer Produktion von Marina Abramovic beginnen. Weil sich das koproduzierende München die Uraufführung für April gesichert hatte, aber erst am 1. September durchführen konnte, konnte das Stück nicht schon Ende August wie geplant in der Deutschen Oper laufen und muss verschoben werden. „Baby Doll“ wiederum sollte im März in Metz uraufgeführt werden, woraus auch nichts wurde, und so landete das Konzept plötzlich in Berlin.

Die Autorin und Regisseurin Marie-Ève Signeyrole hat aus Gesprächen mit geflüchteten Frauen ein Dokumentartheater entwickelt, das den plakativen Angriff nicht scheut. Am Anfang stehen Damenschuhe auf der Bühne, die dann von Tarek Aït Meddour zusammengekehrt werden – die Erinnerung an die Schuhhaufen von Auschwitz drängt sich auf.

Zu den ersten Klängen des Klarinettisten Yom und seiner Klezmerband aus Klavier, Geige und Schlagzeug tritt die schwarze Tänzerin Stencia Yambogaza auf. Parallel dazu werden auf der Leinwand Namen auf der Flucht ertrunkener oder anders zu Tode gekommener Frauen und Mädchen eingeblendet. Die Musik der Klezmer-Gruppe ist eine Musik des strapazierten Instrumentalkörpers, eine Musik der Qual. Zu ihnen steht Beethovens Siebente im denkbar schrägsten Verhältnis. Es ist eine Musik der Kraft, des Rhythmus und der ekstatischen Bewegung. Ihr positiver, ja schier optimistischer Grundzug kollidiert mit dem, was wir sehen. Donald Runnicles’ Interpretation ist von unverhoffter Transparenz und Zartheit.

Eine Kamerafrau bringt aus Nahaufnahmen von Yambogaza als Flüchtling und Meddour als Schlepper und Vergewaltiger bedrängende Bilder von den Gefahren, den Anstrengungen, dem Elend und der Gewalt auf die Leinwand, mal drastisch, mal dezent symbolisch, wenn Yambogazas Gesicht in einer Schüssel Wasser verschwimmt oder eine Stoffpuppe für die Kinder herhält, die auf der Flucht durch Missbrauch gezeugt werden, verloren gehen oder sterben.

Der triumphale Ton von Beethovens Symphonie zu diesen Bildern und Texten schmerzt. Beethovens Musik mag ein klanglicher Spiegel von Aufklärung und revolutionär-emanzipatorischem Humanismus sein – aber sie hat nie ein Elend verhindert. In dieser Aufführung wird sie zum Kippbild: In den erträglichen Momenten ist sie Utopie, in den unerträglichen schrumpft sie zur Behauptung.

Kein entrücktes Dasein, sondern Realität

Marie-Ève Signeyrole spart nicht mit Attacken auf die europäische Flüchtlingspolitik. Beethoven als erster musikalischer Repräsentant eines europäischen Bewusstseins wirkt da entweder wie blamiert oder als unerschütterlicher Rufer, die Werte, denen sich Europa verpflichtet, endlich zu realisieren. Erst in diesem Kontext gerät Beethovens Musik in ihren beabsichtigten Rahmen: Ihr geht es nicht um ihr entrücktes Dasein als Meisterwerk. Sie erwacht erst in der Kritik zum vollen Leben, in der Prüfung ihres ethischen Potenzials. Es mag einem schmecken oder nicht, aber diese Zusammenhänge greifen über jene musik- und kulturwissenschaftliche Interessantheit weit hinaus, an der wir uns gerne gütlich tun im beruhigten Gefühl, dass die Sache historisch und vorbei ist. Nein, sagt „Baby Doll“, diese Ideale sind immer noch genauso falsch und richtig wie immer, und nur als umkämpfte sind sie wahr. Wenn das triumphale Zitat eines Pilgergesangs im Scherzo verklingt, wirkt das bei Runnicles wie ein Fragezeichen.

In dem Moment, in dem Yambogaza zwischen den Gittern heraus in den Saal tritt und scheinbar eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne mitnimmt, verliert der Abend leider an Spannung. Annie Hanauer, die „Frau aus dem Publikum“, soll nun gewissermaßen das Fluchtdrama für uns Nordmenschen erlebbar machen: Wir könnten 2050 infolge des „unterschätzten“ Klimawandels alle zu Flüchtlingen werden. Damit aber lässt sich Signeyrole auf einen Moralismus à la Struwwelpeter ein, der auch szenisch unergiebig wird: Zum Schluss von Beethovens Symphonie dreht sich Hanauer nur noch im Kreis.

So ist der Abend am Ende etwa eine halbe Stunde und einen Klezmer-Block zu lang, was seine Intensität schwächt, aber nicht seine Interessantheit.

Baby Doll. Deutsche Oper Berlin, weitere Aufführungen 6. und 7. September