Jennifer Grey und Patrick Swayze tanzen in „Dirty Dancing“ den letzten Tanz der Saison. 
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Berlin„Es war im Sommer ’63. Alle nannten mich Baby. Irgendwie hat mir das gefallen. Es war, bevor Präsident Kennedy ermordet wurde, bevor es die Beatles gab und als ich nicht abwarten konnte, der Friedensbewegung anzugehören. Das war der Sommer, in dem ich dachte, dass ich nie einen Jungen finden würde, der so toll ist wie mein Dad.“ Mit diesen Worten der 17-jährigen Arzttochter Frances „Baby“ Houseman beginnt der Überraschungserfolg der Kinosaison 1987/88, ein Klassiker, der bis heute einer der populärsten Tanzfilme der Kinogeschichte ist – und der auch die Kassen ordentlich klingeln ließ. Weltweit spielte „Dirty Dancing“ rund 218 Millionen US-Dollar ein, dabei betrug das Budget gerade mal sechs Millionen Dollar.

Nicht nur Sätze wie der eingangs erwähnte brannten sich tief ins kollektive Gedächtnis, auch „Mein Baby gehört zu mir“ oder „Ich habe eine Wassermelone getragen“ sind Zitate für die Ewigkeit. Kein Wunder, dass es immer mal wieder Versuche gab, den Erfolg des Originals zu wiederholen, an alte Muster anzuknüpfen. Seit jeher stehen Fortsetzungen und Remakes für eine gewisse Ideenlosigkeit im Filmbusiness, gleichwohl aber auch für gesunden Pragmatismus: Kann man doch mit bereits vorhandenem Stoff, der den Kinobesuchern bestens vertraut ist, bequem die Profite maximieren.

Auch bei „Dirty Dancing“ gab es diese Versuche: In den Achtzigern kam eine gleichnamige Fernsehserie auf den Markt, 2004 erschien „Dirty Dancing 2“, ebenso wie das Original ein Tanzfilm, der allerdings bis auf den Titel nichts mit dem ersten Teil gemein hatte. Der Sender ABC wagte sich 2017 an eine dreistündige Neuverfilmung. Alle Projekte erwiesen sich als Flop und reichten nicht mal ansatzweise ans Original heran.

Umso mehr lassen die Neuigkeiten aufhorchen, die vor einigen Tagen verkündet wurden. Jon Feltheimer, CEO des Medienunternehmens Lionsgate, bestätigte „eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse Hollywoods“, wie er es selbst nannte: Es wird an einem neuen „Dirty Dancing“-Film gearbeitet, bei dem die damalige Hauptdarstellerin Jennifer Grey nicht nur als Produzentin fungieren, sondern auch eine Rolle übernehmen soll. Welche, das ist ebenso unklar wie die Handlung des Films.

US-Schauspielerin Jennifer Grey im Jahr 2019. Sie konnte nie an die früheren Erfolge anknüpfen. 
Foto: AFP/Valerie Macon

Fest steht aber, wer Regie führen soll: der US-Amerikaner Jonathan Levine (44), Regisseur der Zombie-Komödie „Warm Bodies“. Die Fortsetzung solle genau die Art von romantischem, nostalgischem Film werden, auf den die Fans gewartet hätten und als der „Dirty Dancing“ zum meistverkauften Titel in der Unternehmensgeschichte geworden sei, ließ sich Feltheimer zitieren. 

Aber haben die Fans wirklich darauf gewartet? Als „Dirty Dancing“ vor 33 Jahren, am 21. August 1987, seine US-Premiere feierte, trafen die leicht anrüchigen Tanzszenen, gepaart mit einer von einem Happy-End gekrönten Liebesromanze ganz offensichtlich den Nerv der Zeit – und einer ganzen Generation. Nicht unwesentlich trug der Soundtrack zum Erfolg bei, sieben Lieder wurden speziell für diesen Film komponiert. Der Titelsong „The Time of My Life“ wurde gar mit dem Oscar für den besten Song ausgezeichnet.

Der offizielle Trailer zum Film.

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Im Rückblick wird der Film noch einmal ganz anders bewertet. So schrieb die israelisch-amerikanische Journalistin Irin Carmon unter dem Titel „Dirty Dancing, der beste Film aller Zeiten“ von einem „großen, mutigen Film für Frauen“. Jennifer Grey verkörpere in der Hauptrolle eine willensstarke, idealistische Frau mit eigenen Interessen. „Sie muss sich nicht für den Mann verändern – auch wenn sie im Laufe der Geschichte eine Transformation von einem unbeholfenem Mauerblümchen hin zu einer selbstbewussten Bühnentänzerin macht“, schreibt Carmon, die leitende Korrespondentin beim New York Magazine und CNN-Mitarbeiterin ist. Im Kern werfe der Film einen Blick auf das Erwachsenwerden in den USA der 60er-Jahre samt der damals herrschenden Klassenunterschiede.

Mehr noch: Die Drehbuchautorin Eleanor Bergstein brachte eine Anspielung auf das Thema Abtreibung unter, die im Film dann so zentral für die gesamte Handlung wurde, dass sie nachträglich nicht mehr entfernt werden konnte. Wir erinnern uns: Die Tänzerin Penny wird im Film nach einer Affäre ungewollt schwanger und beschließt, auch aus Angst vor dem Jobverlust, einen Abbruch vornehmen zu lassen. Weil ihr das Geld fehlt, gerät sie an einen Pfuscher mit „dreckigem Messer und Klapptisch“.

„Dirty Dancing“ spielt im Jahr 1963 und damit zehn Jahre vor der Zeit, als Abtreibungen in den USA legalisiert wurden. Es war einer der ersten Filme, die sich mit der Thematik des illegalen Schwangerschaftsabbruchs beschäftigten – sehr zum Leidwesen der damaligen Studiobosse und Geldgeber. „Das Studio sagte zu mir: ‚Okay, Eleanor, wir bezahlen dich, damit du zurück in den Schneideraum gehst und die Abtreibungsszene rausschneidest‘“, erinnerte sich Bergstein später in einem Interview. Sie habe sich geweigert und gesagt, dann falle die ganze Geschichte auseinander.

Man fragt sich angesichts dieser Dinge, wie wohl eine gelungene Fortsetzung überhaupt aussehen könnte. Die Generation, die mit dem Film aufwuchs, wird jeden Fauxpas übel nehmen und ihrem Original huldigen. Die heutige Jugend verbindet mit „Dirty Dancing“ kaum mehr als eine vage Vorstellung. Zudem wirkt der Film ja bis heute nicht aus der Zeit gefallen, man kann ihn immer noch anschauen, ohne sich fremdzuschämen. Als „Dirty Dancing“ vergangene Woche im Fernsehen lief, schalteten fast 1,5 Millionen Menschen ein.

Dem Vernehmen nach soll die nun geplante Fortsetzung 30 Jahre nach „Dirty Dancing“ in den 90er-Jahren spielen. Eine schmerzliche Lücke wird es zwangsläufig geben: Greys Filmpartner Patrick Swayze kann nicht auf die Leinwand zurückkehren. Swayze, der mit der Rolle des hüftkreisenden Tanzlehrers Johnny Castle weltweit bekannt wurde, starb 2009 im Alter von 57 Jahren an Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Jennifer Grey hingegen, deren Karriere sich nach dem Überraschungserfolg von 1987 nur sehr langsam entwickelte, wäre wohl die Einzige, die von einem zweiten Teil profitieren könnte. Vielleicht gelingt es der mittlerweile 60-Jährigen, sich wieder ins Gedächtnis zu rufen, nachdem sie Anfang der 90er-Jahre durch eine Schönheitsoperation in ein Karrieretief rutschte, weil sie durch den Eingriff kaum wiederzuerkennen war. Sie selbst hat es mal so formuliert: „Ich bin als Berühmtheit in den Operationssaal gegangen – und als Unbekannte herausgekommen. Ich werde immer diese einstmals berühmte Schauspielerin sein, die niemand erkennt ... wegen einer Nasen-OP.“